02.09.2022

»Egal, was meine deutschen Wähler denken«

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Daniel Tong
Außenministerin frotzelt, dass Wählerwille ihr egal ist, und für außenpolitische Ziele nimmt man das Leid der Deutschen hin. Es ist längst klar, nur die »Ehrlichkeit« ist neu. – Wirklich spannend ist ja die Frage: Wer hat ihr diese Worte aufgeschrieben?
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Die deutsche Außenministerin sagte kürzlich diese interessanten Sätze: »If I give the promise to the people in Ukraine, we stand with you, as long as you need us, no matter what my German voters think, but I want to deliver to the people of Ukraine.« (Baerbock, Forum 2000, via YouTube, ab 1:24:33)

Zu Deutsch etwa: »Wenn ich den Menschen in der Ukraine das Versprechen gebe, dass wir auf Ihrer Seite sind, solange Sie uns brauchen, egal was meine deutschen Wähler denken, aber ich will den Menschen in der Ukraine dienen (wörtlich: ›liefern‹).«

Frau Baerbock sagte dies bei einem Podiumsgespräch des »Forum 2000« in Prag (Partner und Sponsoren: u. a. EU und diverse Stiftungen, siehe forum2000.cz).

Im weiteren Verlauf erklärt Frau Baerbock unzweideutig ihre Erwartung, dass Menschen in Deutschland im Winter leiden und gegen ihr Leid protestieren werden, und dass sie dennoch an den Sanktionen gegen Russland beibehalten will.

Man darf sagen, dass diese Passage einigen Menschen auffiel (siehe etwa jungefreiheit.de, 1.9.2022).

Der deutsche Staatsfunk tut exakt das, was man von einem Staatsfunk erwartet: Man formuliert eine »Einordnung« – und »Einordnung« klingt wie ein Code für die Umdeutung von Ereignissen und Aussagen in ihr Gegenteil, ganz nach Vorbild von Orwells 1984.

zdf.de, 1.9.2022 etwa wirft sich ins Zeug, und zitiert in seiner »Einordnung« diverse Politiker, mit den üblichen Phrasen, die Kritik an den Aussagen sei eine »Desinformations-Kampagne von extremen Rechten und Linken«.

Man zitiert eine Professorin Andrea Römmele von der »Hertie School«, welche auch schon mal für die Open Society des Herrn Soros auftritt (laut Lebenslauf auf hertie-school.org, Stand 2.9.2022), und die befindet, dass das »überhaupt nichts Neues« sei.

Es wird offen gehöhnt, die »ganze Aufregung sei ohnehin in wenigen Tagen auch schon wieder vorbei.«

Kontext? Sehr gern!

Man solle doch bitte den Kontext beachten, so sagen die Verteidiger – und sie verlassen sich darauf, dass man es nicht tut.

Welchen Kontext meinen die genau?

Etwa den Kontext der Person, die da spricht? Sehr gern!

Frau Baerbock ist Mitglied bei den Young Global Leaders des Herrn Schwab (younggloballeaders.orgarchiviert).

Frau Baerbock lässt sich mit Herrn Soros ablichten, was der deutsche Staatsfunk artig verteidigt (tagesschau.de, 20.4.2021) – immerhin besuchte sie die gleiche Londoner Schule wie er, wenn auch ihre Masterthesis zwar gewiss existiert, aber leider, leider weiterhin »geheim« bleibt (plagiatsgutachten.com, 7.6.2021).

Der »Beauftragte für strategische Kommunikation des Auswärtigen Amts« (warum nicht gleich »Propaganda-Chef«?), ein gewisser Herr Peter Ptassek, greift in die rhetorische Klischee-Phrasen-Kiste, faselt von »Desinformation« und behauptet, es sei ein »Sinnenstellend [sic!] zusammengeschnittenes Video, geboostert von prorussischen Accounts«, das kursiere (@Ptassek, 1.9.2022).

Er wirkt wenig ehrlich, aber auch wenig überraschend, dass er die Video-Tweets nur per Screenshot teilt. (Update 3.9.2022: Der Tweet ist inzwischen gelöscht, der Twitterer scheint Angst zu haben. Ich würde nicht ausschließen, dass er bedroht wurde.)

Herr Ptassek sagt, man solle doch bitte das ganze Video anschauen.

Okay, auch das gern! Die URL des Videos ist youtu.be/78-_Ou5sH3k.

Die diskutierte Stelle beginnt bei 1:23:33.

Nicht nicht sehen können

Es ist ein so elendes wie vorhersehbares Spiel. Wer die Politik kritisiert, oder sich gar erdreistet, von den Politikern zu verlangen, sich ans Grundgesetz zu halten und nicht gegen den Amtseid zu verstoßen, der kann nur ein »Rechtsextremer« sein.

Was sagt es aber über eine Regierung aus, wenn das wörtliche Zitieren und selbst das Abspielen eines Original-Videos als »Desinformation« bezeichnet wird?

Das ist der Zustand deutscher Politik: Die Regierung wörtlich zu zitieren gilt als »Desinformation«.

Aber gut. Ich habe mir, ganz wie gewünscht, tatsächlich den Kontext der Aussage angeschaut.

Nein, ich finde nichts, was diese Aussagen abmildert oder gar in der Bedeutung umdreht, im Gegenteil.

Es findet sich allerdings einiges andere, und das ist auf andere Weise noch übler, doch man braucht etwas Übung, um es zu merken. Jedoch, wenn ich es Ihnen gleich zeige, werden Sie es womöglich nie wieder nicht sehen können.

»Invaitation«

Frau Baerbock beginnt ihre Ausführungen zunächst damit, dass sie sich für die Einladung bedankt (ab 1:23:05): »Well, first of all, thank for the invaitation…«

Nein, das ist kein Schreibfehler von mir, wenn ich »invaitation« statt »invitation« notiere. Die Außenministerin kennt vermutlich das Verb »invite« (einladen), welches »invait« ausgesprochen wird, doch das Wort »invitation« (Einladung) kennt sie schlicht nicht.

Der naheliegende Schluss ist, dass jemand ihr zuvor die Begrüßung aufgeschrieben hat, und sie es »aus dem Gedächtnis vorliest«, ohne die Wörter selbst zu kennen.

Okay, es ist erstmal nur ein Detail.

Hören wir weiter!

Dem Englischsprechenden fällt mit jedem Satz deutlicher auf, dass Frau Baerbock ein erstaunlich elaboriertes Englisch an den Tag legt, während ihre Aussprache geradezu schmerzhaft Deutsch wirkt.

Es klingt, wie wenn man am PC aus Versehen eine deutsche Computerstimme einen englischen Text vorlesen lässt.

Dass jemand die englische Sprache nicht beherrscht, das ist an sich noch kein Vorwurf. Einige der klügsten Menschen, die ich kenne, sprechen kaum oder nur sehr simples Englisch.

Das Irritierende hier ist vielmehr, dass kluge englische Formulierungen mit einer hörbaren Unkenntnis der enthaltenen Wörter und wohl auch Aussagen einhergehen.

Man könnte beinahe vermuten, dass jemand es ihr aufgeschrieben hat und sie es nun aufsagt – so gut sie kann.

Manche sagen, Frau Baerbock würde »stammeln«, ähnlich wie Merkel, doch ich stimme nicht zu. Sie spricht erstaunlich kohärente Sätze, trotz der gelegentlichen Baerbockiaden. Es fühlt sich aber (wohl nicht nur für mich) so an, als verstünde sie über Strecken nicht, was sie da sagt.

Frau Baerbock spricht lange Sätze – aber nicht »ohne Punkt und Komma«, sondern eben mit Kommata. Sätze, die sie beginnt, schließt sie in der Regel auch – das ist nicht einmal bei sprachgewandten Rhetorikern selbstverständlich, wenn diese frei sprechen!

Das ist Schriftsprache.

Ich habe im Leben einige wenige Menschen erlebt, die tatsächlich so redeten, das waren aber Professoren, in deren Geist nach Jahrzehnten intellektueller Arbeit das Gedachte mit dem Geschriebenen verschmolzen war.

Frau Baerbock ist kein Professor.

Etwas stimmt hier nicht.

Wir hören weiter.

Kein Applaus, nirgends

Bei 1:24:08, also noch vor der »Skandalstelle«, sagt Frau Baerbock: »But this is not a sentence to applause for«, zu Deutsch etwa: »Dies ist kein Satz, für den man applaudieren sollte.«

Dem Laien mag es zunächst kaum auffallen, weil es wie ein weiterer politischer Wegwerfsatz klingt.

Mit etwas Erfahrung in politischer Sprache stutzt man aber: Hier hat, wage ich zu vermuten, Frau Baerbock sich verraten.

»Dies ist kein Satz, für den man applaudieren sollte«, so hören wir, und wir sagen: »Moment, da fehlte eben etwas!«

Wir spulen zurück.

Wir hören keinen Applaus.

Nichts.

Liegt es vielleicht daran, dass die Mikrofone keinen Applaus aufnehmen?

Die Ministerin hält ihr Mikrofon lose in der Hand, und es scheint ein dynamisches Mikrofon zu sein, das nach aller Erfahrung auch deutlichen Raumlärm aufnehmen sollte.

An anderen Stellen, etwa 59:46, nach der Videoeinspielung von Zelenskiy, ist sehr deutlich Applaus zu hören, aber auch bei 1:13:14, noch während der Redner spricht.

Bei ihr aber hörte man nichts.

Warum spricht sie dann aber vom Applaus?

»Dass wir uns alle darin einig sind«

Im Buch »Talking Points« habe ich ein ganzes Kapitel den sogenannten »Applauszeilen« gewidmet, einem wichtigen Werkzeug im Werkzeugkasten (nicht nur) politischer Rhetorik.

Eine Applauszeile ist eine Meinungsäußerung, Feststellung oder Absichtserklärung, welche das Publikum dazu aufruft, sich hinter dem Sprecher zu vereinen. Der Applaus ist die Reaktion des Publikums, in welcher es erklärt, dem Aufruf folgen zu wollen.

Schauen wir uns also an, was Frau Baerbock kurz zuvor sagte: »… making clear, that we stand with Ukraine, as long as they need us. And because we all agree on this, and this not a …«

Ich deute es so: Frau Baerbock sagt kurz zuvor, dass sie deutlich machen will, dass »wir« mit der Ukraine stehen, »solange die uns brauchen, und dass wir uns alle darin einig sind.«

Wer sich je mit politischer Rhetorik beschäftigt, erkennt hier eine vorbereitete Applauszeile.

Im erwähnten Buch »Talking Points« beschreibe ich auch, wie Michael Jackson in seinen Konzerten politische Applauszeilen einsetzte, wie in den Videos einer seiner Proben deutlich wird. Es passt gut, dass wir in einer Proben-Aufnahme von »They Don’t Care About Us« (siehe YouTube) nicht nur die Einspieler politischer Reden hören, sondern zum Schluss auch aus der Regie die Anweisung erklingt: »Hold for Applaus«.

Applaus lässt sich planen und gezielt hervorrufen.

Die Worte der Frau Baerbock klingen exakt so, wie ein Spindoktor und Redenschreiber eben eine »Applauszeile« geschrieben hätte.

Aber es kam kein Applaus.

Vielleicht lag es an Frau Baerbocks eher kantigem Vortrag.

Meine starke Vermutung, dass es in diesem Rahmen eben schlicht nicht üblich und höflich wäre, Gesprochenes durch Applaus zu unterbrechen, außer es ist deutlich, dass der Sprecher gerade zum Ende kommt.

Woran auch immer es lag: Mir scheint, dass Frau Baerbock ein Script aufsagte.

Ja, es ist ein Skandal, wie offen die Worte der Ministerin eine Verachtung für Deutschlands Wähler und für die Grundwerte der Demokratie zeigten.

Es ist gruselig, wie offen Politiker zugeben, dass sie sehr bewusst das Leid der Deutschen in Kauf nehmen.

Im Essay  »Neue Staatsfeinde und jetzt kein Haus« beschrieb ich kürzlich, wie die Politik sich darauf vorzubereiten scheint, die erwarteten Proteste leidender Bürger mit Panzern und aus Diktaturen bekannten Methoden niederzuschlagen.

Jetzt hat die deutsche Außenministerin offen ausgesprochen, dass die Politik bereit ist, für außenpolitische Ziele das Leid der Deutschen hinzunehmen – und dass ihr der Wille der Wähler gleichgültig ist.

Bestätigung des Offensichtlichen

Es ist skandalös und erschreckend, egal wie sehr sich die Propaganda müht, es umzudeuten und einzufangen. Und es ist wieder einmal ein ganz eigener Skandal, dass es nicht ein (viel größerer) Skandal ist.

Was Baerbock sagte, ist offen demokratieverachtend. Überraschend daran ist nur noch, wie offen diese Figuren es zugeben.

Frau Baerbocks Worte waren ja nicht der einzige offene Affront gegen die Werte der Demokratie. Der tschechische Außenminister Jan Lipavský etwa erklärte dem Publikum, wie schlimm jeder Zweifel an der offiziellen Deutung sei (siehe YouTube, um 1:19:50). Zweifel seien erodierend, und deshalb sei in Sachen Ukraine nur eine Deutung zulässig, nämlich dass Ukraine gewinnen kann und wird. Wir kennen aus dem Geschichtsunterricht politische Systeme, in denen Zweifel verpönt sind, doch wir nannten sie damals »Diktatur« und fanden sie eher doof.

Ich nehme also alle diese Worte zur Kenntnis, doch ihr Inhalt ist lediglich eine Bestätigung des Offensichtlichen.

Viel, viel interessanter als der Inhalt der baerbockschen Worte erscheint mir heute die Frage: Wer hat ihr diese Formulierungen aufgeschrieben?

Wer es ist

Im Essay »Merkel sucht den Nachfolgeroboter« verglich ich 2021 das Auftreten der Frau Baerbock mit einem Roboter, der Phrasen auf ihre Wirkung hin ausprobiert, ohne sie zu verstehen. Was wir seitdem und aktuell erleben, widerspricht dieser Beschreibung nicht.

Spätestens seit 2015 und Lockdowns wissen wir, dass denen unser Leid kaum gleichgültiger sein könnte.

Die geben offen und selbstbewusst zu, dass sie unser Leid erwarten und es für ihre politischen Ziele in Kauf nehmen – Polizei und Panzer stehen bereit, um eventuelle Proteste leidender Bürger, der neuen »Staatsfeinde«, niederzuschlagen.

Die Frage ist nicht mehr, ob die »Sprechroboter« in der Politik das Leid und Schicksal der Bürger kümmert – diese Menschen sagen offen und explizit, dass es sie nicht kümmert.

Poetisch gesprochen: Noch spannender als die Frage, was die Roboter sagen, ist doch die Frage, wer es ist, der diese Roboter programmiert.

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