Dushan-Wegner

02.06.2024

Oma Courage und der Beintag

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten
Die üblichen Verdächtigen trommeln zum Krieg (oder zur »Verteidigung«, klar). Ob sie selbst für die Profite der Kriegsverdiener sterben wollen, müssen wir nicht fragen. Man will schier verzweifeln: Hat die Menschheit denn gar nichts gelernt?
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Frau Strack-Zimmermann, so lesen wir aktuell, »will 900.000 Reservisten aktivieren«, sprich: Deutsche – die natürlich nicht diese Dame selbst sind, auch politische Kollegen oder Parteispender nicht und vermutlich auch keines ihrer Kinder – sollen sich bereitmachen, für irgendeine höhere Sache zu sterben.

Früher kämpfte man für sein Land, also deutsche Soldaten für Deutschland. Es gab Zeiten, da ergab das emotional einen Sinn, und diese Zeiten wirken manchem Deutschen sehr fern, in mehr als einer Dimension. Heute fragen wir uns: Wofür kämpfen deutsche Soldaten?

Als Begründung der Notwendigkeit der »Aktivierung« von Reservisten nennt sie irgendwas mit dem bösen Russen: Putin, sagt sie, »trimmt sein Volk auf Krieg und bringt es in Stellung gegen den Westen. Daher müssen wir so schnell wie möglich verteidigungsfähig werden«, denn Putin wird bestimmt »seine Raubzüge fortsetzen«.

Nicht über die Lichtgestalt

Freunde, Deutsche, Landsleute, leiht mir euer Ohr! Ich bin nicht hier, um über Frau Strack-Zimmermann zu sprechen.

Das Böse, das Menschen tun, lebt nach ihnen fort. Das Gute wird oft mit ihren Gebeinen begraben. Es ist Frau Strack-Zimmermans eigene Entscheidung, was und wie viel dereinst von ihr bleiben wird. Wie ich so lese, nennt sie sich eine gläubige Katholikin, und es steht mir nicht an, eine Prognose ihrer eventuell anstehenden Zeit im Fegefeuer abzugeben – falls eine solche Reinigung überhaupt notwendig sein wird und diese Lichtgestalt der deutschen Politik nicht, wie sie es vermutlich erwartet, direkt in den Himmel eingeht und dort dann anheuert als Jesu militärische Beraterin.

Ich will von den Menschen sprechen, von uns, die wir von Gewissen, Zweifeln und böser Politik geplagt sind. Und die wir mehr Sport machen sollten.

Soweit der Idealfall

Ich habe gehört, dass Kraftsportler einander ermahnen: »Never skip leg day!«

Das bedeutet wörtlich übersetzt: »Überspringe nie den Beintag«, und ich gebe euch mein Ehrenwort, dass ich mich dieses Ratschlags hier ausschließlich metaphorisch bediene.

Ich habe mir von sportlichen Menschen sagen lassen: Wer seine Muskeln mit Hanteln und anderen Übungen auf Muskelwachstum hin trainiert, der trainiert sie nicht jeden Tag, denn es braucht auch Ruhetage dazwischen.

Weil der Körper wie die Seele aber täglichen Sport benötigen, trainiert man die Muskelgruppen eben abwechselnd. Einen Tag etwa Oberkörper, am nächsten Tag pausieren die Arme, dafür trainiert man dann etwa die Beine. – Soweit der Idealfall.

Die Stengelbeine der Halbtrainierten

Aus naheliegenden Gründen kommt es vor, dass Männer jene Muskelregionen besonders intensiv trainieren, die traditionell zuerst mit Männlichkeit assoziiert werden. Es soll immer wieder der Fall sein, dass ein Freund des Kraftsports zwar fleißig die Arme, Schultern und Brustmuskulatur trainiert, seinen Rücken aber nur so nebenbei (denn diesen sehen zwar die Damen – fragt sie! –, doch er selbst nicht, wenn er sich im Spiegel betrachtet) – und das Training der Beine überspringt er womöglich ganz.

So ein Halbtrainierter hat dann Schultern, die den Moses des Michelangelo erblassen lassen würden (wäre dieser Gehörnte nicht bereits aus Marmor). Die Beinchen des Halbtrainierten aber wirken eher energiesparend, sprich: dünn wie die Stengelbeine der Flamingos.

Solche Leute ermahnt man dann: »Never skip leg day!«

Diese Ermahnung, nicht den Bein-Training-Tag zu überspringen, ist mir als Metapher inzwischen immer wieder begegnet. Sie soll daran erinnern, dass wer nur jene Aspekte seiner Fähigkeiten oder Qualitäten verbessert, die zu verbessern er besonders motiviert ist – die zu verbessern »Spaß macht« –, zu unausgewogenen Ergebnissen gelangen wird.

Fortschritt für Dummies

Beim Sinnen über die Menschheit kann ich mich bisweilen des Eindrucks nicht erwehren, dass wir als Menschheit auf gewisse Weise den »Beintag« übersprungen haben.

Die Werkzeuge, welche die Klügsten unter den Menschen für uns alle erfunden haben, sind für den Uneingeweihten schon länger nicht mehr von Magie zu unterscheiden.

Vor einigen Jahren überrollte uns das Internet, dann Smartphones und Dopamin-optimierte Apps. Und nun sind wir bereits in die nächste Ära eingetreten: das Zeitalter der künstlichen Intelligenz.

Die menschliche Weisheit aber, also »das Warum« des Einsatzes dieser Werkzeuge, hat sich seit Jahrtausenden genau gar nicht weiterentwickelt – ja, wir entwickelten uns eher zurück!

Vergleicht selbst! Lest etwa in der Bibel die Sprüche Salomons. Oder lest die Selbstbetrachtungen des Marcus Aurelius. Und vergleicht es mit allem, was die heutige Intelligenzija absondert.

Technische Rekorde, verkümmerte Weisheit

Die technischen Werkzeuge des Menschen werden, so technologische Entwicklung in Zahlen messbar ist, exponentiell stärker. Die Technik ist in unserer Metapher die Arm-, Schulter- und Brustmuskulatur. Doch die Weisheit des Menschen – also das, worauf wir stehen und was uns trägt! –, sind die verkümmerten Beinchen eines halbtrainierten Kraftsportlers, dem man ganz dringend raten will: »Never skip leg day!«

Man fragt sich und schüttelt den Kopf darüber, wie Figuren wie Strack-Zimmermann wieder zum Krieg trommeln können und Gehör finden! Wie kann es sein, dass nach vielen tausend Jahren menschlicher Geschichte die Menschen immer noch losziehen, um einander im ganz großen Stil zu töten?

Ach, es hat ja immer wieder die Mahner und Warner gegeben. Wir erinnern uns etwa an Bertolt Brecht und sein Drama »Mutter Courage und ihre Kinder«. »Mutter Courage« ist eine zynische Kriegsgewinnlerin im Dreißigjährigen Krieg, die ihre drei Kinder im Krieg verliert – und doch weiter am Krieg verdienen will. Was aber lernt die Menschheit aus diesen Warnungen? Was lernt Strack-Zimmermann, Mutter dreier Kinder, daraus? Nun, wir ahnen oder wissen es: Frau Strack-Zimmermann ließ allen Ernstes plakatieren, sie sei die »Oma Courage«.

Kannte weder sie noch sonst jemand in der Partei das Drama von Bertolt Brecht? Fand man, dass »Courage« irgendwie so schön energisch klingt? Wäre es damit ein Akt unfreiwilliger Wahrheit? Urteilt selbst.

Der Menschheit zurufen

»Ich laß mir von euch den Krieg nicht madig machen«, sagt Mutter Courage, und Oma Courage sagt, dass »wir so schnell wie möglich verteidigungsfähig werden« müssen. (Wo diese »Verteidigung« dann stattfindet und wen genau sie mit »wir« meint, sind andere Fragen.)

Ich möchte heute der Menschheit zurufen: »Never skip leg day«, »Überspringt nie den Beintag«!

Euer Oberkörper aus Technik und Software ist super- und überentwickelt, doch die Beinchen eurer Weisheit sind dünn und verkümmert, seit Jahrhunderten und Jahrtausenden schon.

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