17.03.2022

Das Nichtgesagte

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Dave Hoefler
Man verhinderte die Ukraine-Debatte im Bundestag. Warum bloß?! Vermutlich weil unbequeme Wahrheiten drohten. Es gilt: Das Nichtgesagte ist heute oft die eigentliche Wahrheit – und das Gesagte ist zu oft gelogen (oder schlicht bekloppt).
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Heute (17.3.2022) sprach im Bundestag via Video-Schalte der »Ukraine-Held« (Zitat bild.de, 3.3.2022) Wolodomyr Zelensky.

Die CDU/CSU-Fraktion wollte eine Debatte zum Ukraine-Krieg anschließen lassen, so sagte sie (bild.de, 17.3.2022). Die »Ampel«, also die SPD-FDP-Grünen-Regierung mit Olaf »Nichts-mit-Cum-Ex-Korruption-zu-tun« Scholz, war dagegen, im Bundestag über den Ukraine-Krieg zu sprechen. Heldenverehrung ja, demokratische Debatte nein.

Ich wage die These, dass die von Merkel zur Opposition bedeutungsverkleinerte CDU/CSU-Fraktion sich darauf verließ, dass gerade die SPD reflexhaft bis panisch eine Debatte zur Ukraine verhindern würde. Man ließ Zelensky sprechen. Er erhob schwere Vorwürfen. Man unterbrach ihn mit Applaus, zum Schluss stand man sogar zum Klatschen auf. Es gibt auch Applaus, der besagt: »So, und jetzt halt wieder die Klappe.«

Was fürchteten die, die nicht darüber sprechen wollten?

Ach, ich will mich in diesen Tagen weiter an jenes Diagnose-Prinzip der Ärzte halten: »Wenn du Hufschlag hörst, denke ›Pferd‹, nicht ›Zebra‹.« (Ich erwähnte es auch im Essay vom 11.3.2022, es ging um die »Biolabore«.) – Mit anderen Worten: Das Naheliegende liegt aus gutem Grunde nahe. (Ich werde noch näher darauf eingehen, viel näher.)


Die BILD wird nicht müde, den Namen Zelensky mit dem Begriff »Held« in Verbindung zu bringen; aktuell: »Heldenpräsident« (bild.de, 17.3.2022).

Wir wissen aus Erfahrung (siehe dazu auch den Essay vom 10.3.2022, da ging es um Krankenschwestern), dass »Held« ein anderes Wort für »Kanonenfutter« ist.

Wenn sie Zelensky zum »Helden« erklären, erklären sie ihn nach üblichem Wortgebrauch implizit auch zum Kanonenfutter. Ich hoffe ehrlich, dass dies nur unbewusst und aus Ungeschicklichkeit geschieht. Man würde sich dann halt fragen: Wessen Kanonen? Für welchen Krieg waren diese eigentlich bestimmt?


Ich gehe davon aus, dass der Grund, warum man die Debatte zur Ukraine fürchtet, sehr dem Grund ähnelt, warum die EU auf den Ukraine-Krieg erst einmal mit totaler Zensur des russischen Staatsfunks reagierte (siehe dazu auch Essay vom 2.3.2022). Es geht um eine Gefahr – aber Gefahr für wen?

Wenn du Hufklappern hörst, denke ›Pferd‹, nicht ›Zebra‹, und das ›Pferd‹ ist in diesem Fall: Man ließ nicht zu, im Bundestag über die Ukraine zu reden, denn man fürchtete, dass sehr unangenehme Wahrheiten auf den Tisch kommen könnten. Wer Leichen im Keller hat, der hält die Kellertür besser fest verschlossen.


Es ist mehr als nur eine »Leiche«, die Deutschland bezüglich seiner Russlandpolitik im Keller liegen hat. (Ich überlegte kurz, hier eine andere Metapher als »Leiche im Keller« zu verwenden, schlicht weil in der Ukraine die tatsächlichen, unmetaphorischen Leichen mehr werden. Ich entschied mich dagegen. Wenn die Metapher auf zu schmerzhafte Weise zur Realität passt, dann ist dies doch die Schuld der Leute, die solche Übereinstimmung zuließen, und nicht die Schuld des nah an Metaphern gebauten Essayisten.)


»Die Menschen in der Ukraine wollten frei leben und sich nicht einem anderen Land unterwerfen«, so sagte Zelensky in seiner Rede (zitiert, wie auch im Folgenden, nach welt.de, 17.3.2022). (Ein Zyniker würde fragen: Wie passt das zu Zelenskys Bitte, in die EU aufgenommen zu werden?)

Aber nein, es sind andere Themen, welche die Partei der Putin-Versteher, die jetzt ja den Bundeskanzler stellt, lieber nicht angesprochen haben will.

»Wir haben immer gesagt, Nord Stream 2 ist eine Waffe«, so Zelensky. Ui, ui, ui – Merkels Herzenspipeline soll Russland dabei helfen, Bomben auf die Ukrainer zu werfen? Nein, ich glaube nicht, dass die CDU wirklich eine Debatte wollte. Am Ende würde gar irgendein Frechdachs in den Raum werfen, die CDU und SPD bombten in der Ukraine indirekt mit, indem sie Putins Freunde mit Geld versorgten.

»Ich schäme mich für mein Land«, so schreibt BILD-Reporter Paul Ronzheimer (bild.de, 17.3.2022). Ich seufze, denn ich verstehe, wie er sich fühlt. – Was müsste aber der Fall sein, damit er sich nicht schämt? Und, vor allem: Wie realistisch ist das zu erwarten, bei diesem politischen Personal?

Ach, es sind gar zu viele Themen, die man heute in den hohen Häusern wohl lieber nicht debattieren will. Man will es nicht öffentlich besprechen, denn Sonnenlicht ist bekanntlich das beste Desinfektionsmittel, und zu viele Lupenreine scheinen vom Unsauberen zu profitieren – privat aber muss man es nicht diskutieren. Man könnte auch sagen: Wer weiß, der weiß, wer aber nicht weiß, der musste und sollte nicht wissen.


Mein professionelles Bauchgefühl sagt mir, dass es weit mehr »unerwünschte Themen« bezüglich Russland gibt, als uns aktuell bewusst ist (also im Sinne der »unknown unknowns« von Rumsfeld, siehe etwa Essay vom 2.3.2022).

Manche der Dinge, die wir heute lieber nicht debattieren sollen, waren ja vor einiger Zeit in den Nachrichten. Man findet sie auch heute noch online, wenn auch nicht »ganz vorn«. Mainstream-Zeitungen haben es sich angewöhnt, heute etwas »problematische« Nachrichten zwar online zu lassen, sie aber mit einem Hinweis über dem Text »einzuordnen«, (wohl weil sie offline zu nehmen wie ein »Schuldeingeständnis« wirkt).

Im Essay vom 16.03.2022 erwähnte ich einen gewissen Artikel in der Süddeutschen (der Titel damals: »Korrupt wie eh und je«). Aktuell bin ich auf einen anderen Artikel gestoßen, und der ist mit einem schreiend gelben Hinweis versehen (solche Hinweise werden bei jener Publikation sogar automatisch geschaltet…), dass der Text »über 7 Jahre alt« sei.

Die Überschrift jenes Text lautet: »Russia ›secretly working with environmentalists to oppose fracking‹«, zu Deutsch: »Russland arbeitet heimlich mit Umweltschützern zusammen, um sich Fracking entgegenzustellen«. (theguardian.com, 19.7.2014)

Der Mensch, der solche Vorwürfe erhob, war immerhin der damalige NATO-Chef Anders Fogh Rasmussen. Die naheliegende Motivation russischer Freunde des zentraleuropäischen Umweltschutzes war, dass durch Fracking gewonnene Energie die europäische Abhängigkeit von russischem Erdgas verringern würde.

Über die Jahre tauchte immer wieder an prominenten Stellen der Verdacht auf, dass einige amerikanische und europäische Umweltbewegungen de facto von Russland finanziert werden. Diese Nachrichten tauchen aktuell auf mehreren kleineren und (hoffentlich) unabhängigeren Nachrichtensites auf; zerohedge.org, 16.3.2022 liefert aktuell eine brauchbare Zusammenstellung. Die Frage, wie viel Putin in westlichen Umweltbewegungen steckt, schwärt aber schon länger.

Laut einem Bericht der Washington Times aus dem Jahr 2016 über geleakte E-Mails beschwerte Hillary Clinton sich intern darüber, dass die USA es in der Energiepolitik mit von Oligarchen finanzierten Medienkampagnen und aus Russland finanzierten Umweltbewegungen aufnehmen müsse (washingtontimes.com, 10.10.2016).

Man wolle eine neue Pipeline bauen? Man wolle nach Öl bohren? Sofort wird eine neue Umweltkampagne wie aus dem Nichts entstehen, die alles verhindert, was das Energiegeschäft russischer Oligarchen schmälern könnte.

Ich kann wirklich gut verstehen, warum Brüssel und Berlin gerade lieber weniger Debatten zu Russland führen möchten.


Nach der oberflächlichen Deutung erlebten wir eine Währungskrise, eine Migrationskrise (die weiter andauert, doch die jungen Herren sind nun afrikanische Studenten aus der Ukraine, die weder Russisch noch Ukrainisch sprechen; siehe dw.com, 27.2.2022, und als Erklärungsversuch berliner-zeitung.de, 17.3.2022), eine Pandemie, eine Rassismuskrise (für deren Demos die Pandemie »nicht galt«) und nun einen tatsächlichen Krieg, immer natürlich vor dem Hintergrund einer ganz doll schlimmen Klimakrise (deren Panikprofis schon mal auf Jachten umherfahren oder sich eine Villa auf Meereshöhe gönnen).

Man könnte einzeln durchgehen und aufzeigen, wie diese Krisen zuverlässig die Panikprofis dahinter reicher werden ließen (für »Black Lives Matter« siehe aktuell etwa dailymail.co.uk, 16.3.2022). Das Problemchen einer solchen Liste wäre aber, dass man zwar den Effekt, aber nicht immer die Absicht belegen kann. Auch diese Leute lernen, ihre Absichten zu verstecken, und wer als Whistleblower deren Absichten offenlegt – oder nur wie Assange dabei hilft – der kommt schneller in Hausarrest oder ganz in den Knast als du »Gulag« sagen kannst.

Es wirkt manchmal, als seien all dies nicht wirklich getrennte Krisen, sondern nur die stinkenden, tödlichen Blasen im Oberflächenschaum desselben unter uns allen brodelnden Sumpfes.

Wir könnten es nicht immer einzeln belegen, selbst wenn es die Spatzen von Europas Dächern pfeifen sollten, dass einige offen anti-westliche NGOs via Briefkastenfirmen in Panama von Russland aus mitfinanziert wurden. (Einige Umweltaktivisten haben sich eventuell aber ganz ohne Russland von allgemeiner Vernunft, nachvollziehbarem Gewissen oder auch nur »Normalität« verabschiedet. Greenpeace etwa fällt schon mal dadurch auf, für ihre PR-Aktionen konkret Menschenleben zu gefährden, sei es indem man glitschige Farbe auf Fahrbahnen kippt oder Luft-Stunts überm vollbesetzten Stadion veranstaltet; siehe Essay vom 3.8.2021. Aktuell blockierten Greenpeace-»Aktivisten« etwa einen mit Blaulicht fahrenden Krankenwagen; siehe @Erdkadse, 16.3.2022. Ab welchem Punkt prüfen die Behörden, ob gewisse »Aktivisten« nicht als »Terroristen« genauer beschrieben wären?)

Nein, ich kann es nicht belegen – doch dass Merkels Politik in dem Maße, in dem sie Deutschland schadete, den einstigen »sozialistischen Bruderstaaten« der DDR nutzte, das sind Linien, die wir schon vor einiger Zeit sahen – und es also treu notierten (siehe Essay-Liste).

Letztes Jahr schrieb ich (Essay vom 24.7.2021): »Zumindest was Merkel betrifft, ist man sich quer durch die politischen Lager einig, dass Merkel erstaunlich freundlich gegenüber politischen Kräften ist, welche die vorgeblichen ›westlichen Werte‹ genau gar nicht umzusetzen gedenken. Die Unterschiede scheinen eher in der Deutung zu liegen, worin der Verrat an den Werten des Westens bestand, nicht aber dass er stattfand.« – Als Stichwort nenne ich »die ›Putin-Pipeline‹ (wie Bild das Projekt »Nord Stream 2« nennt)«. Und ich stelle fest: »Mancher Beobachter stimmt zu, dass Merkel dem Westen – vor allem seinem europäischen Teil – echten Schaden zugefügt hat, oft zu Gunsten einstiger ›sozialistischer Bruderstaaten‹ wie Russland und China.«

Ich kann nicht belegen, dass auch nur ein deutscher Umweltaktivist von Russland bezahlt ist. Doch wenn er es nicht ist, was motiviert ihn dann, etwa das Zustellen von Landschaften mit unzuverlässigem Sondermüll zu fordern? Ein grundlegender, an Irrsinn grenzender Irrtum allein kann es doch nicht sein, doch nicht bei allen von denen – oder? Oder?! (Siehe auch »Windkraft ist Gewalt«)

Ich will kein Held sein, ein Ende als Kanonenfutter erschiene mir dann doch unbefriedigend. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, denn aus dem Fenster zu stürzen ist ungesund, das wissen nicht nur Prager. Ich will sagen, was ich weiß, nicht mehr – und doch will ich den Mut aufbringen, offenkundige Linien fortzuführen, bis ich sehe, wo sie sich kreuzen. (Als Essayist kann ich dann später immer wieder drauf hinweisen: »Schaut mal, da habe ich es geahnt.«)

Nein, ich weiß bis heute nicht, was Merkels Motivation zur »Energiewendewende« war. Ich stelle aber logisch fest, dass es die einzige erkennbare Linie in Merkels Handlungen war, ob diese populär waren wie die energiepolitische De-Industrialisierung oder eher unpopulär wie die offenen Grenzen, Deutschland zu schwächen, aber Russland – und damit: Putin – und/oder China zu nutzen. Ich hoffe aufrichtig, dass es nur mangelnder Weitblick war, der ihre Handlungen so und nicht anders ausfallen ließ.


Im Bundestag sind sie nach der Zelensky-Rede zur »Tagesordnung« übergegangen. Man diskutierte die von Pharmakonzernen gewünschte »Impfpflicht«. Unter anderem von den Grünen kam wieder infantiler Wortmüll, ein Schwall inkohärenter, aber sehr emotionaler Sprachfetzen, die man als Video verlinken kann, aber nicht weiter diskutieren sollte. Wir stellen fest: Solche gedankliche Kakophonie reduziert das Parlament zur kindischen Clownerie.

Es war selten wichtiger als heute, besonders auf das zu hören, worüber nicht geredet werden soll. Ja, es fällt schwer, den doofen, kreischenden Krach zu ignorieren, wie gerade Grüne ihn gerne produzieren – unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, um uns von anderen Dingen abzulenken, scheint ja deren erste Funktion zu sein.

Ich kann nur wenig daran ändern, dass Merkel, Scholz & Co. tun, was sie tun. Ich kann aber versuchen, mich zu weigern, den Kakao, durch den ich gezogen werde, auch brav in großen Schlucken zu trinken.

Was in dieser Zeit nicht gesagt wird, gellt mir heute besonders laut in den Ohren.

Ich will heute diese Lehren ziehen: Informiere dich bestmöglich. Habe den Mut, die Linien zu Ende zu ziehen. Wenn aber dein Verstand dir etwas anderes sagt als die Propaganda, dann traue im Zweifel stets deinem Verstand.

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