05.06.2022

Wer starrt, ist schuldig (ob er starrt oder nicht)

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Bild: Propaganda-Plakat der Britischen Bahnen, via media.raildeliverygroup.com
In London kämpfen sie gegen das »aufdringliche Anstarren mit sexueller Natur«. Wenn jemand dich des bösen Blicks beschuldigt, bekommst du Ärger. Raten wir mal, wer beschuldigt werden wird … und wer nicht.
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In Großbritannien läuft seit 2021 eine Kampagne gegen das »Starren«. Auf grellroten Plakaten in der Londoner U-Bahn sehen Passagiere zwei kalte Augen auf sich starren, und dazu lesen sie die Drohung:

Intrusive staring of sexual nature is sexual harassment and is not tolerated (media.raildeliverygroup.com, 23.8.2021)

Zu Deutsch etwa: »Aufdringliches Anstarren sexueller Natur ist sexuelle Belästigung und wird nicht toleriert.«

Auf dem Plakat sieht man zwei strahlend blaue Augen. Es ist nicht eindeutig, ob sie die Augen des vermeintlichen »Anstarrers« darstellen sollen – oder die Augen des »großen Bruders«, der dich anstarrt, damit du selbst nicht zu frech andere Leute anstarrst.

Die Kampagne gegen das »aufdringliche Anstarren« wird von der BBC flankiert, etwa mit einem Propaganda-Stückchen über eine Dame, die 10 Minuten lang angestarrt wurde und darüber ganz erschüttert war (bbc.com, 30.4.2022).

Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan begründet die Kampagne gegen das aufdringliche Anstarren, Anstarren sei »sexuelle Belästigung« (»sexual Harassment«).

Eigene Prioritäten

Herr Khan ist ein Politiker wie aus dem woken Bilderbuch. Er betont, nicht der erste muslimische Bürgermeister zu sein, sondern ein Bürgermeister, der zufälligerweise auch muslimisch ist. Er wurde auf den Koran eingeschworen. Er ist Feminist, sagt er. Er ist Rechtsanwalt, der früher mehrfach Behörden verklagte, wegen Diskriminierung. Er ist stolz darauf, Rekordsummen erstritten zu haben (siehe newyorker.com, 24.7.2017 u.a.).

Und auch das Ergebnis seiner Politik ist typisch »woke«: Unter Khans Ägide überholte London erstmals New York bei der Zahl der Morde pro Jahr (bbc.com, 2.4.2018). (Als Gegenmaßnahme sammelte die Polizei ernsthaft Buttermesser ein; siehe dazu den Essay »Die Buttermesser können nichts für das, was in den Köpfen ist« vom 11.4.2018.)

Herr Khan hat eigene Prioritäten. Als eine seiner ersten Amtshandlungen verbot er Plakate in der U-Bahn, die dicke Leute daran erinnern könnten, dass sie dick sind. Etwa indem sie eine schlanke Frau zeigen (theguardian.com, 13.6.2016). Dafür lässt er jetzt Plakate gegen das Starren aufhängen.

Keiner war’s

Einigen Leuten reicht aber nicht eine simple Umerziehungskampagne mit diffusen Drohungen (»wird nicht toleriert«).

Politische Figuren wie die Aktivistin und Regierungsberaterin Nimco Ali versuchen, ein Gesetz durchzubringen, das »öffentliche sexuelle Belästigung« zum Verbrechen erklärt – und mit »Belästigung« meint man etwa einer Frau hinterher zu pfeifen – oder wohl eben auch »aufdringliches Starren«. (mirror.co.uk, 20.5.2022).

Das entsprechende Vorhaben wurde wohl »in höchsten Kreisen« für den Moment gestoppt. Boris Johnson wurde vergangenes Jahr zitiert, »Misogynie« als Verbrechen würde die Polizei davon abhalten, »echte Verbrechen« (»real crime«) zu verfolgen (mirror.co.uk, 5.10.2021). Nimco Ali aber versichert, dass es nicht Johnson war, der das Gesetz stoppte (standard.co.uk, 20.5.2022). Auch die Innenministerin Priti Patel versichert, dass sie wirklich gern ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung hätte. Wer stoppte es dann? Wir wissen nur, dass da gerungen wird. Wie verbietet man den Menschen das Menschliche, ohne die Gesellschaft endgültig lahmzulegen?

Logisch und praktisch

Das Auge ist eine weiche Kugel, beim Erwachsenen etwas über zwei Zentimeter im Durchmesser (so Wikipedia). Ist unser Leben wirklich in Gefahr, wenn diese Kugel sich in eine bestimmte Richtung dreht? Rechtfertigt es, den Besitzer jener weichen Kugel verhaften zu lassen und zu bestrafen?

Das logische Problem am Starr-Verbot wäre, dass die »Gefahr« tatsächlich eine eingebildete ist.

In einer vollbesetzten U-Bahn wird immer jemand jemanden »anstarren«, selbst im Smartphone-Zeitalter, wenn die meisten Menschen auf ihr Mobiltelefon starren. Der einzige Ausweg wäre, tatsächlich alle Passagiere zu zwingen, ihren Blick unablässig auf den Boden zu richten, wie Gefangene im Hochsicherheitsgefängnis.

Das praktische Problem ist, dass entsprechende »Sensibilisierung« eine weitere soziale Waffe schafft. Ohne einen einzigen Beleg können Bürger einander angreifen und vom Staat fertigmachen lassen – und »irgendwas bleibt immer hängen«.

Was im Mittelalter der »böse Blick« war, das ist in »woken« Systemen bald das »aufdringliches Anstarren sexueller Natur«. Du hast einen schlechten Tag und willst deine Wut an jemandem auslassen? Man wollte dir keinen Platz freimachen? Du wünscht dir mehr Aufregung im Leben und bist die Art von Mensch, die sich über Drama definiert? Die Lösung für alle diese Probleme: Beschuldige jemanden des »aufdringlichen Anstarrens sexueller Natur«.

Ob ein Blick »aufdringlich« war, entscheidet das »Gefühl« der Angeblickten. Der Mann ist schuldig, wenn er beschuldigt wird – vor allem, seien wir realistisch. Ja, es werden realiter weiße Männer mittleren Alters sein, die man beschuldigen wird, insofern betreffen solche Gesetze und Kampagnen weder Sadiq Khan noch Nimco Ali.

Die Juristin Lois McLatchie schreibt in der Sun:

As a young female, I’d more than likely be able to explain myself away. An older man, particularly if they are unkempt or «neurodiverse” might not be so readily excused. (thesun.co.uk, 15.3.2022)

Zu Deutsch etwa:

Als junge Frau wäre ich wahrscheinlich in der Lage, mich herauszuwinden. Ein älterer Mann, gerade wenn er ungepflegt oder »neurodivers« ist, wird sich wohl nicht so leicht entschuldigen können. (thesun.co.uk, 15.3.2022; meine Übertragung)

Personaler in Unternehmen lästern ja bereits zynisch: Der Unterschied zwischen Belästigung und Flirt ist die Frage, wie hübsch der Betreffende ist.

Ebenfalls aus Unternehmen und Behörden kennen wir Ausschreibungen, die so ausgelegt sind, dass sie ganz bewusst nur von einem bestimmten Lieferanten oder Bewerber erfüllbar sind. Hier werden orwellsche Maßnahmen erlassen, die in der Praxis nur auf eine bestimmte Gruppe der Gesellschaft angewendet werden – zufälligerweise auf die Gruppe, welche die Gesellschaft noch immer finanziell und kulturell gegen alle Anfeindung nach vorne zieht.

Inselzoo

Ich frage mich ernsthaft, wie es Großbritannien einst gelingen konnte, weite Teile der Welt zu beherrschen. Einst beherrschte man den Welthandel und entsandte Flotten ans andere Ende der Welt – heute kämpft man gegen Bürger, die eine Frau anschauen.

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass aktuell in Deutschland eine Kampagne gegen Starren gefahren würde. Noch ist Deutschland etwas »normaler« als gewisse angelsächsische Länder. Schauen wir also ins angelsächsische Ausland, und wundern uns. Manchmal ist es ganz okay, ins Ausland zu gucken und froh zu sein, dass man nicht dort ist.

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