21.5.2020

Die Unreinen und die Lupenreinen

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Vivek Doshi
SPD will Genossen als solchen eliminieren, weil er mit AfD-Stimme gewählt wurde. Deutschland ist mit der Hysterie infiziert, Andersdenkende seien »Unberührbare«, deren Handschlag die Guten auf dämonische Weise »unrein« macht.
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Wenn Sie diese Zeilen lesen, verfügen Sie heute wahrscheinlich über ein elektronisches Gerät mit Internetverbindung. Sie sind abgesichert genug, um sich die Zeit gönnen zu können, einen Essay Ihres Lieblingsessayisten zumindest zu überfliegen. Wenn Sie in den Badezimmerspiegel schauen, sehen Sie einen freien Menschen in einem mehr-oder-weniger freien Land – zumindest die meisten von Ihnen – und die meisten von Ihnen sehen noch immer eine Hoffnung, selbst etwas Glück zu finden oder zumindest das Glück der eigenen Kinder möglich zu machen.

Und nun stellen Sie sich bitte vor, dass Sie in die Kaste der Dalit geboren wurden – bekannter unter dem Namen Paria oder Unberührbare.

Im alten Kastensystem des Hinduismus galten die Dalit – die indischen Ureinwohner! – als »unberührbar«.

Mehr Erfahrung und Menschenkenntnis

Über die SPD muss wenig mehr gesagt werden – in jeder Ansammlung von Menschen kriselt es hier und da, doch keine Partei der jüngeren deutschen Geschichte steht mit ihrem »Image« für solche menschlichen Abgründe wie die Roten, für Hass und Hetze, für Zensur, für sehr spannende Verquickungen von Politik, Medienbusiness, Wohlfahrtspöstchen und anti-demokratischen Tricks (siehe etwa meine Essays vom 20.2.2019, 24.10.2017 oder vom 23.8.2018). Wer ethisch gegen das Prinzip der Demokratie argumentieren wollte, bräuchte einfach nur »SPD« zu sagen. Die SPD ist die Partei eines Edathy, eines Maas, eines Oppermann, eines Steinmeier und eines Kahrs, es ist die Partei wöchentlicher Schienbeintritte gegen die Werte der Demokratie – womit wir bei den Tagesnachrichten wären…

Meine Achtung vor den SPD-Granden in Berlin wäre mit null noch schmeichelhaft hoch beziffert – vor Ort aber, in den Kommunen, da finden sich tatsächlich noch Politiker, die wirklich für ihre gemeinsamen relevanten Strukturen tätig sind, die einfach nur leben und das Leben ihrer Mitmenschen stärken wollen, und es ist fast beliebig, welches Parteibuch sie etwa aufgrund ihrer Familiengeschichte daheim in der Schublade liegen haben.

Im bayerischen Höchstadt, einer Stadt mit schönen mittelalterlichen Bauten und einem klotzartigen Gymnasium, wurde ein neuer Bürgermeister gewählt, doch – oh weh! – eine der notwendigen Stimmen kam von einem AfD-Ratsmitglied.

In der SPD kann man nach Eikonal, Kurnaz und Chebli noch immer »sozialdemokratischer Schlossherr« werden, nach Zensurgesetz, Rent-a-Sozi und dem »umstrittenen« Auftreten im 2015-Desaster noch immer Peinlichminister bleiben, man kann den Sozialismus verlangen, mit der umbenannten Schießbefehl-Partei koalieren, aus Eitelkeit in seiner Promotionsarbeit plagiieren, an »spannenden« Geschäften beteiligt sein oder sehr, sehr gut am Flüchtlingsbusiness verdienen, all das geht klar, wenn man Soze ist – aber vor Ort, da wo die echte Arbeit gestemmt wird, wo ein Günther Schulz sich vor Georg Grundmann, Stefan Schmidt und Marianne Musterfrau verantworten muss, nicht vor Genosse Gates oder Señor Soros, da, vor Ort die Stimme eines »Unberührbaren« anzunehmen, da zieht man bei den Superdupademokraten die Grenze. Obwohl es in der Relotiusgazette steht, ist es wohl wahr, was wir lesen: »Mit AfD-Stimme gewählt – Bayerns SPD prüft Rauswurf von Bürgermeister« (spiegel.de, 20.5.2020).

Mann wie Frau von Welt schauen regelrecht regelmäßig über Hamburg hinaus, und so lesen sie und wir bei der Welt die Begründung der Partei der Unberührbaren, pardon, ich meine: des Politikers der AfD, die perfiden Gründe, warum er den Sozen zum Bürgermeister mitwählte:

Der AfD-Politiker Christian Beßler hatte sich nach der Wahl dazu bekannt, für Schulz votiert zu haben. Er mache „keinen Hehl daraus, dass ich Herrn Günter Schulz für den kompetenteren Kandidaten mit mehr Erfahrung und Menschenkenntnis halte“, schrieb Beßler. Auch ein CSU-Politiker hatte sich um das Amt beworben. (welt.de, 20.5.2020)

Ein Mensch, der quer über Parteigrenzen gewählt wird, nicht wegen Parteibuch, sondern nach Eignung fürs Amt und mit dem Wohl der Bürger im Hinterkopf – gegeben den elenden Zustand ist das in den Zeiten von Maas, Giffey, Lambrecht & Co. natürlich ein Skandal.

Die Lupenreinen

Das alte Indien war nicht allein damit, einzelnen Gruppen eine »Unberührbarkeit«, sprich: Unreinheit, zu attestieren, und nicht nur in Indien ging eine Zeit lang die Unberührbarkeit tatsächlich mit Berufen einher, bei denen es für das gesamte Land von Vorteil ist, wenn die Gruppe »nicht berührt« wird. Leichenwäscher galten als »unberührbar«, Müllsammler auch, und bis heute sind Dalit nicht selten in den Bereichen Entsorgung und Abwassersystem beschäftigt.

Wer sich heute dazu bekennt, zur einzigen Partei zu gehören, die Merkel und Staatsfunk grundlegend zu widersprechen wagt, der gilt als Unreiner, als Paria, als Ausgestoßener. Gewalt gegen Bürger, die auch nur im entfernten Verdacht der AfD-Nähe stehen, bis hin zu Mordversuchen, ist im Merkel-Staat so alltäglich, dass selbst bei Schreibern und Lesern der freien Medien eine gewisse Gewöhnung einzutreten droht (vergleich aktuell: tichyseinblick.de, 21.5.2020). Im Wahn, auch nur die »politische Berührung« durch die AfD mache einen Politiker unrein, ist man schon länger bereit, die Werte der Demokratie dranzugeben – siehe Erfurt.

Die AfD hat in Staatsfunk und Establishment aktuell nur den zweitgrößten Gegner – der effektivsten Kampf gegen die AfD wird derzeit aus der AfD heraus geführt (tichyseinblick.de, 19.5.2020: »Spaltung oder Abseits: Die AfD in der Zerreißprobe«), und damit sind die Probleme der Alternative noch recht einfühlsam beschrieben. Jedoch: Selbst wenn der Beelzebub persönlich in die AfD einträte und man auf Vorstandssitzungen teuflische Rituale vollführen würde, wie man sie sonst nur aus dem künstlerischen Dunstkreis der Clintons kennt, selbst wenn die AfD kleine Kätzchen grillen und mit Hamstergulasch servieren würde, selbst dann blieben sie die einzige Partei, die sich nicht wöchentlich vor der Gottkanzlerin mit dem Gesicht nach vorn in den giftigen Schmutz Berliner Realpolitik wirft.

Wenn eines meiner Kinder vor mir stünde, vom Spielen oben bis unten mit Schlamm bedeckt, Zweige in den Haaren, erdige Fußspuren auf den Kacheln hinterlassend, und wenn dann dieses Kind petzen sollte, dass die Schwester ein paar Kekskrümel auf dem Hemd hat, würde ich zumindest schmunzeln. So ähnlich kommt es mir vor, wenn ausgerechnet CDU und SED ein ehemaliges SED-Mitglied mit linksextremen Mitgliedschaften zur Verfassungsrichterin wählen oder mal eben Wahlen für »unverzeihlich« erklären – und dann irgendwem irgendwelche Ansagen über Politik und Moral machen wollen (vergleiche jungefreiheit.de, 20.5.2020: »Linksradikale Verfassungsrichterin – Die CDU hilft mit«). Sorry, aber nach Erfurt und Schwerin ist das Bekenntnis einer Hure zur Keuschheit glaubwürdiger als das Bekenntnis der Christ-, Sozial- und sonstiger Lupenreinen zur politischen Moral.

Mit einer kleinen, »unreinen« Stimme

Es verläuft eine Grenze zwischen politischem Wettbewerb und undemokratischer Diskriminierung, und diese Grenze ist nicht schmal, und die SPD scheint versessen, sie Tag für Tag zu überschreiten.

Dies ist eine Zeit, in der linke Gewalt fast-schon-normaler Teil des politischen Kampfes gegen Andersdenkende ist, in einer Zeit, in der Wahlen annulliert werden und dafür ein ehemaliges SED-Mitglied mit linksextremen Neigungen zur Verfassungsrichterin ernannt werden kann. Die Lupenreinen erklären die Andersdenkenden zu Unreinen. Wer einen Unreinen auch nur »politisch berührt«, wer sich von ihm auch nur mit einer kleinen, »unreinen« Stimme wählen lässt, der wird ausgestoßen wie einst einer, der einen Leprakranken auch nur berührt hatte.

Ich kann Ihnen versichern, dass AfD-Sympathisanten nicht alle Hörner und gespaltene Hufe haben. Bislang traf ich auch nur einen AfD-ler, der etwa nach Schwefel roch – er war Chemielehrer. (Ich verrate dem dreckigen Denunzianten-Gesocks aber nicht, an welcher Schule.) Manche AfD-Nahe könnten etwas geschwätzig wirken, doch wenn man sich etwas Mühe gibt, findet sich als Grund des gelegentlichen Redeschwalls der große, tiefe Schmerz darüber, was Deutschland von der bösen Zerstörerin angetan wird.

Wir schreiben und lesen diese Zeilen auf modernen Maschinen, wir möchten uns fortschrittlich und modern und ach-so-aufgeklärt finden, doch einige von uns stecken noch im Denken von Freund-und-Feind, von Unreinen und Unberührbaren fest.

In Deutschland gilt heute als »unberührbar«, wer der gottgleichen Merkelin und den heiligen Lehren des verfluchten Staatsfunks grundlegend zu widersprechen wagt – und wer sich darin selbst zum Unberührbaren und Unreinen richtete, dem verleiht der Aberglaube der Lupenreinen die magische Kraft, allein mit seiner Stimme schon den Gewählten zu verunreinigen. Den Dämonenglauben der Guten und Gerechten »mittelalterlich« zu nennen tut dem Mittelalter ein Unrecht an.

1997 erfüllte sich ein Anliegen Gandhis, das diesem schon fünf Jahrzehnte zuvor am Herzen gelegen hatte: Mit Kocheril Raman Narayanan wurde ein »Unberührbarer« der Präsident von Indien (siehe zeit.de, 11.7.1997).

Ach, es wird noch etwas dauern, bis auch in Deutschland ein Unberührbarer »berührbar« wird – das heißt aber nicht, dass es nicht irgendwann passieren wird!

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