21.09.2022

Du aber bist keine Fliege

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten
Zur Erinnerung: Eine Wahrheit wird nicht dadurch falsch, dass sie unangenehm ist. Wer aber eine unangenehme Wahrheit anerkennt, der hat eher die Chance, rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen.
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Ich mag Widerspruch. Und Widerspruch ist besonders gut, wenn der Widerspruch mich ärgert. Aber es muss der richtige Ärger sein.

Ich mag den Widerspruch, bei welchem ich mich über mich selbst ärgere: Grr, wie konnte ich so doof sein – ich habe ja wichtige Details übersehen, zentrale Schlussfolgerungen verschnarcht. Ja, ein Widerspruch, der mich so ärgert, das ist ein guter Widerspruch.

Jedoch, es gibt auch jenen doofen Widerspruch, der eigentlich gar keiner ist, außer dass der Widersprechende eben »emotional« dagegen ist, und so etwas ärgert mich aus ganz anderen Gründen.

Zu Düster?

Da gäbe es natürlich den Widerspruch der sogenannten »Guten«, Sie wissen, »Staatsfunk-Gucker«, sogenannte »Linke«. Wir kennen ja deren Argumente gegen störende Wahrheit: »Halt die Fresse, blöder Rechter! Ich zeig dich an! Hass und Hetze, überall!«

Ich höre aber auch von Leuten, die mir eigentlich wohlgesinnt sind, schon mal unsachlichen, eher emotionalen Widerspruch.

Das kann dann so klingen: »Herr Wegner, ich mag Sie ja, aber was sie da aktuell sagen, das ist mir zu düster, wenn nicht sogar fatalistisch!«

(Apropos »fatalistisch«: Es war Nietzsche, der die amor fati, die Liebe zum Schicksal berühmt machte, und er sah sich als den »letzten Stoiker«, und diese Stoa ist doch wieder modern, oder nicht?)

Ich hörte solche Kritik zum ersten Mal gleich von mehreren Leuten, als ich 2018 meinen Lesern empfahl, das »Lied der Innenhöfe« anzustimmen, sprich: Man solle sich in Vorbereitung auf kommende Entwicklungen nicht darauf verlassen, dass öffentliche Räume als zuverlässiger Lebensort zur Verfügung stehen – zumindest nicht für jeden.

Nun, einige Leser schreiben mir heute Mails aus ihren »Innenhöfen« im deutschen Ländlichen – traumhafte Orte! – oder aus ihren neuen Innenhöfen in Schweden, Kanada und anderswo.

Andere Leser schreiben mir, dass sie ihren »Innenhof« leider nicht sichern konnten. Es spielt keine Rolle, wer »Schuld« dran ist. Jetzt kriecht die Panik hoch – und manchmal die Resignation.

Der Realität ist es egal, ob du die Warnung vor ihr zu »düster« fandest.

Seit Jahren predige ich die Relevanten Strukturen: Bedenkt, was euch wirklich wichtig ist!

Ich lege uns heute einen weiteren Schritt nahe: »Ja, bedenkt eure wirklich relevanten Strukturen, und dann lasst dringend alles los, was nicht zu diesen gehört! Zur Sicherheit, überlegt euch, was ihr tun würdet, wenn ihr auch die relevantesten Strukturen loslassen müsstet.«

Und wieder höre ich: »Das ist mir zu düster!«

»Es ist das Jahr 2030…«

Ja, man sagte mir sogar, die Idee des »Loslassens« erinnere ans WEF und an Klaus Schwab. Wir kennen ja jene Überschrift: »Willkommen in 2030. Ich besitze nichts, habe keine Privatsphäre und das Leben war nie besser.«

Jener Text war übrigens kein erklärtes Ziel von Klaus Schwab, sondern eine Prognose der dänischen Politikerin Ida Auken, die diesen Text im Jahr 2016 unter der Marke des WEF publizierte. (Nachzulesen etwa: forbes.com, 10.11.2016)

Es ist nicht die Schuld von Klaus Schwab, dass Sie und ich für 10 Euro im Monat alle Musik der Welt bei Spotify, Apple Music oder YouTube Premium abonnieren, statt einzelne Alben zu kaufen und zu besitzen, wie früher.

Es ist nicht die Schuld des WEF, dass Sie und ich bei Facebook unsere Rechte wegklicken.

Es ist keine böse Weltverschwörung, dass moderne Mitbürger lieber teure Wohnungen in der Innenstadt mieten, als sich geduldig das Häuschen im Grünen zu erarbeiten. Die Folge ist dann, dass diese Was-mit-Medien-Generation viel arbeitet, viel bezahlt, und doch nichts besitzt. (Ob sie aber generell glücklich ist, wie jener »WEF-Text« vorhersagt?)

Nicht plötzlich reich

Das große Loslassen hat ja bereits begonnen. Und wir lassen nicht nur unsere Illusionen über Politik und Presse los. Die Menschen lassen auch sehr konkret bislang relevante Strukturen los, und zwar in Lebensbereichen, in denen man es so nicht erwartet hätte. Die Menschen »lassen los«, ohne einen »Plan B« zu haben. Mancher springt ohne Seil und Netz.

2021 schrieb ich über Kündigungen vor allem in den USA. Menschen kündigen ihren Job, ohne plötzlich reich geworden zu sein – man will sich lieber »irgendwie durchschlagen«. (Essay vom 29.9.2021: »Nach dem Lockdown überdenken Menschen ihren Job – und ihr Leben«)

Vor einem Monat schrieb ich über die täglichen »Personalausfälle« in Deutschland, die in gewissen Branchen besonders augenfällig sind. (Essay vom 27.8.2022: »Kurzfristiger Personalausfall und neue Ehrlichkeit«)

Und nun lese ich ganz aktuell, dass auch in Deutschland eine »Kündigungswelle« bevorstehen könnte (bild.de, 20.9.2022) – und es sind die Angestellten, die ihren Job kündigen – nicht die Unternehmen!

Laut einer neuen Umfrage haben bis zum August 2022 so viele Menschen ihren Job gekündigt, wie im gesamten Jahr 2021 zuvor – und viele weitere Bürger denken übers Kündigen nach. Die ganz große »Kündigungswelle« könnte den Konzernen erst noch bevorstehen.

Fragen Sie Unternehmer, wie schwer es ist, gutes Personal zu finden – selbst wenn man großzügige Gehälter zahlt!

Warum soll ich mich krumm machen, so denkt mancher, wenn man für ein Drittel weniger Gehalt doppelt so glücklich sein kann? Warum sich kaputt arbeiten, wenn man etwa als Krankenschwester ins Ausland gehen kann, weil man hofft, dort nicht mehr als »Verbrauchsmaterial« behandelt zu werden? Und, ganz aktuell, warum überhaupt morgens aufstehen, wenn man ohne Arbeit mehr Geld in der Tasche hat? (siehe dazu den Essay vom 13.9.2022: »Unverantwortlich, aber glücklich«)

Ja, widersprecht mir! Jedoch: Bloß lautstark zu erklären, dass eine Idee sich unkomfortabel anfühlt, das ist kein Widerspruch – zumindest nicht in der Sache. Wir sind doch keine Trottel hier, keine Linken, die Wahrheit fühlen, statt sie zu prüfen und zu erforschen!

Aus dem Fliegenglas

Ich halte mich ja an den Wittgensteinschen Leitspruch, die Aufgabe der Philosophie sei es, der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zu zeigen.

Ein »Fliegenglas« ist eine speziell geformte, unten offene Flasche, die mit etwas süßer Flüssigkeit gefüllt ist, und so die Fliegen anlockt, sie dann aber nicht so einfach entkommen lässt. Physisch war der Weg immer offen, es ist die Psyche der Fliege, welche sie gefangen hält (siehe Wikipedia).

Um dem Fliegenglas zu entkommen, müsste die Fliege ihre Gewohnheiten ändern, die Situation realistisch bewerten und ihre neue Umgebung verstehen. So etwas kann eine Fliege nicht, deshalb stirbt sie. Du aber bist keine Fliege!

Es ist ein tödliches »Fliegenglas«, sich nicht eingestehen zu wollen, dass der Fall ist, was der Fall ist.

Das große Loslassen hat bereits begonnen, ob du das düster findest oder nicht.

Das große Loslassen bedeutet auch: Es wird täglich schwerer werden, irgendetwas festzuhalten.

Und deshalb: Lass schon heute los, was unwichtig ist, um festhalten zu können, was morgen wirklich wichtig sein wird.

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