13.01.2022

Vom Entlernen

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Foto von Arctic Qu
Geht es in der Impfdebatte noch um Gesundheit? Oder geht es um Macht und Ausgrenzung, um den Wunsch nach sozialer Teilhabe vs. Selbststimmung über den eigenen Körper? Wir sollten ehrlich aussprechen, welche Gefühle uns heute WIRKLICH treiben.
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Ich frage meine Kinder gern und immer wieder: Was lernt ihr derzeit in der Schule? Welche Fächer waren heute dran?

Die Kinder berichten mir brav neues Wissen, neue Fakten, neue Kulturtechniken, und mit »neu« meine ich hier natürlich, dass es für sie, die Kinder, neu ist. Tatsächlich lernt man in Schulen ja meist das, was sich bewährt hat und zu wenig kontroversen Lehrplänen geronnen ist, und viel anders sollte es auch nicht sein.

Das tägliche Dazulernen ist wichtig und richtig, und doch frage ich mich in diesen Tagen, ob man spätestens als Erwachsener nicht ebenfalls anstreben sollte, täglich zu entlernen.

Lernen und Erkenntnis sind, so glaube ich heute, in gleichem Maße der Erwerb von Wissen wie sie auch das Abwerfen von Irrtümern sind.

Ich »weiß« Dinge, die ich aufgeschnappt habe, die mir aber eigentlich nur Ballast sind, und die würde ich sehr gern wieder »entlernen«. Wenn man bedenkt, dass das Leben aus unseren bewussten Momenten besteht, dann ist jede unsinnige Promi-Meldung ein Lebenszeitdieb. Gewisse Social-Media-Konzerne mit ihren globalen Aufmerksamkeits-Staubsaugern unterscheiden sich, satirisch formuliert, von Massenmördern doch nur in der Legalität, aufgrund einer eher versteckten und gestreckten Letalität.

Zu den professionellen Aufmerksamkeitsdieben und Denkfehlerprofiteuren gesellen sich aber weiterhin unsere eigenen Denkfehler, unsere Kurzschlüsse und ungewissen Gewissheiten. Während es aber nicht einfach ist, den Aufmerksamkeits-Konzernen ganz zu entgehen, ohne sich vom sozialen und wirtschaftlichen Leben auszuschließen, so können wir doch die Fehler in unserem Denken beheben, einen nach dem anderen. Das aber geht natürlich nur, wenn wir uns unserer Denkfehler überhaupt bewusst sind!

Erste Lektion

Der erste große Irrtum, den ich selbst entlernen will, ist die Annahme, dass ich irgendwas der Sache wegen anstrebe.

Der Satz »Ich will X« bedeutet in den meisten Fällen seines alltäglichen Gebrauchs tatsächlich: »Ich wünsche mir das angenehme Gefühl, welches mit X einhergeht, und nehme dafür das schlechte Gefühl Y in Kauf.«

Als Beispiel: »Ich will Schokolade« bedeutet ehrlicherweise: »Ich will das Gefühl, welches mit dem Essen von Kakao, Zucker und Fett einhergeht, und nehme dafür das schlechte Gefühl in Kauf, mich später unwohl zu fühlen.«

Zu sagen »Ich will Z nicht« bedeutet in den allermeisten Fällen des alltäglichen Gebrauchs entsprechend, dass man das unangenehme Gefühl, welches mit Z einhergeht, lieber meiden will, selbst wenn man durch die Vermeidung dieses Gefühls ein weiteres, sonst angenehmes Gefühl einbüßt.

Franz Kafka und Murmeltiertag

Bei der Schokolade mag es uns noch selbstverständlich erscheinen, dass wir sie des angenehmen Gefühls wegen essen. Glück ist bekanntlich nicht käuflich, aber Schokolade ist es durchaus!

Ich will aber ein weiteres Beispiel nennen, wo der Unterschied zwischen »Ich will X« und »Ich will das Gefühl von X« über einen ganzen Lebensweg entscheiden kann.

Im Essay vom 13.12.2021 schrieb ich über meine Tochter, die derzeit darüber grübelt, welche berufliche Ausrichtung sie in ein paar Jahren ihrem Leben geben soll.

Bei den Gesprächen mit unserer Erstgeborenen können Sätze fallen wie: »Ich glaube, ich will Anwältin werden!«

Nun habe ich wahrlich nichts gegen die Juristerei, sie ist schließlich die Kunst, welche das menschliche Zusammenleben ohne (körperliche) Gewalt regelt. Meine Rückfrage aber ist: »Willst du Anwältin werden – oder willst du das Gefühl erleben, von dem du jetzt meinst, dass das Anwaltsein es mit sich bringt? Was weißt du tatsächlich darüber, wie es ist, Anwältin zu sein?«

Im weiteren Gespräch stellten wir fest, dass das Anwalts-Bild meiner Tochter von tollen Anwaltsromanen und Netflix-Serien wie »Suits« beeinflusst sein könnte. Aus meiner Lebenspraxis ahne ich, dass das tatsächliche Arbeitsleben der meisten Anwälte eher mit den immergleichen Verträgen und den immergleichen Streitereien zu tun hat, und eher weniger – und schon gar nicht täglich – mit der aufregenden Story eines Hollywood-Thrillers.

Mancher Jungjurist träumte davon, in einem John-Grisham-Roman zu leben, doch tatsächlich erwarteten ihn Franz Kafka und Murmeltiertag.

Ich frage also zurück: »Wenn du sagst, dass du X willst, etwa ›Anwalt werden‹, dann willst du wahrscheinlich das Gefühl, wovon du meinst, dass es mit X einhergeht – was weißt du über das tatsächlich mit X einhergehende Gefühl?«

Ich sage nicht »tu das nicht«, wie könnte ich? Ich sage: »Informiere dich genauer über das, worüber du eigentlich entscheidest! Was ist dein eigentlicher Wunsch, und wirst du es mit dieser Entscheidung bewerkstelligen?«

Mehr Praktisches

Der alte Auftrag der Griechen pocht mir beharrlich in der Seele: »Erkenne dich selbst!«

Ich wende es hier so an: »Erkenne dich selbst, indem du forscht und benennst, welche Gefühle du anstrebst, wenn du sagst, dass du X willst oder nicht willst.«

Und natürlich stelle ich mir die Frage auch bezüglich des großen aktuellen Über-Themas, der sogenannten Impfungen.

Wer sagt, dass er sich die mRNA-Injektion setzen lassen will (in Propaganda-Sprech: den »Piks«), welches Gefühl erhofft er sich davon? Und wer sich der Gentherapie verweigert, sei es von Anfang an oder dem sogenannten »Boostern«, welches Gefühl strebt er tatsächlich an?

Die Menschen in meinem Bekanntenkreis, die sich »impfen« und »boostern« ließen, taten es praktisch ausnahmslos, weil sie sich das Gefühl erhofften, wieder »am Leben mitmachen« zu dürfen – kein einziger tat es, so mein Eindruck, weil er wirklich Angst vor der Krankheit hatte. Und tatsächlich erhielten viele Geimpfte zu Beginn das erhoffte Gefühl – bis einige eben doch an Covid-19 erkrankten und doch nicht mehr mitspielen durften. Ein Unternehmer berichtet mir aktuell, dass er fürs Erste in Übersee-Quarantäne festhängt, durchgeimpft, geboostert und an Covid-19 erkrankt – während sein Business vor Ort ohne ihn auf ganz eigene Weise mit Corona ringt. Ob die Impfung ihm das Gefühl brachte, das er erhoffte?

Jene Menschen aber, die sich nicht impfen ließen, sie wollten die Angst vermeiden, in die Statistik der »plötzlich und unerwartet« an Herzproblemen oder Autoimmun-Problemen Verstorbenen einzugehen. Die Ungeimpften können allerdings wahrlich nicht sicher sein, ob nicht doch etwas dran ist, dass man ungeimpft viel heftiger und potentiell tödlich an Covid-19 erkrankt. Es ist eine Abwägung von Gefühlen. – Was tun?

Die Entscheidung fällt nicht wirklich für oder gegen das Impfen, sondern für oder gegen bestimmte Ängste und Unsicherheiten. (Und »Halbgeimpfte« schaffen es, beide Ängste zu kombinieren – herzlichen Glückwunsch, ich habe da auch keine Lösung.)

Die Denkschritte

Ich will dazulernen, ich will täglich weniger dumm sein, also gehe ich die tatsächlichen Denkschritte hier einen nach dem anderen durch.

Zur Erinnerung: »Ich will X tun« bedeutet tatsächlich: »Ich will das angenehme Gefühl, welches mit X einhergeht, und nehme dafür das schlechte Gefühl Y in Kauf.«

Der Satz »Ich will mich impfen lassen« bedeutet tatsächlich: »Ich will das angenehme Gefühl sozialer Teilhabe und die Gewissheit eines Schutzes vor schwerem Krankheitsverlauf, und ich nehme dafür die Angst vor Impf-Risiken in Kauf.«

Der Satz »Ich will mich nicht impfen lassen« bedeutet tatsächlich: »Ich will das unangenehme Gefühl der Angst vor Impfschäden vermeiden, aber auch das unangenehme Gefühl, wenn Politik und Propaganda sich meines Körpers bemächtigen, und ich nehme dafür die Angst vor einem schlimmeren Krankheitsverlauf und die soziale Ausgrenzung in Kauf.«

Liebe Leser, ich spreche an dieser Stelle weder für die eine noch die andere Position. Ich trete hier vielmehr als Advokat brachialer Ehrlichkeit und Genauigkeit auf. Es kann passieren sein, dass einige Teilnehmer dieses »Generalstreits« (eine echte »Debatte« war es ja noch nie) es nicht mögen, wenn wir uns den wahren Positionen und Wünschen nähern, wenn wir wirklich ehrlich zu uns sind – daraus aber lassen sich dann wieder weitere Schlüsse ziehen.

Sachlich und ehrlich

Ich will mich ehrlicher machen. Ich will täglich weniger unehrlich zu mir selbst sein. (These: Wer meint, dass er allezeit ehrlich zu sich selbst ist, der hat sich damit selbst widerlegt.)

Man hört immer wieder, wir sollten lieber »sachlich« reden, die Dinge »nüchtern« betrachten. Ich stimme zu, und ich sage, sachlich und nüchtern, dass die »Sache«, um die es mir und Ihnen und jedem anderen Menschen geht, praktisch immer seine Gefühle sind, die er als Reaktion auf das Ergebnis einer Entscheidung zu entwickeln erwartet.

Wer sich nicht zumindest vor sich selbst ehrlich macht zur Frage, welche Gefühle er mit einer Entscheidung anstrebt, der ist nicht wirklich sachlich – der tut nur so.

Ganz und wirklich sachlich formuliert also: »Du willst X tun oder bewusst X nicht tun? Okay. Welche Gefühle erhoffst du dir davon? Und dann: Wie realistisch ist es, dass du sie auf diese Weise erlangst?«

»Die Sache«

Während ich dies schreibe, lernen meine Kinder brav in der Schule (seit vielen Monaten schon mit Masken, aber insgesamt guter Dinge). Man bringt ihnen wichtige Fakten und Fertigkeiten bei. Ich hoffe, dass sie dereinst ihren Platz finden werden, in einer Welt, von der es mir täglich rätselhafter ist, was ihre großen Regeln und Muster sein werden.

»Prüfe alles, glaube wenig, denke selbst«, so lautet unser Leitspruch, und daraus dürfen wir heute ableiten: Prüfe, wo du »X« sagst, aber in Wahrheit etwas anderes als »X« meinst, wie etwa »das Gefühl, das X in mir auslösen wird«. Dann prüfe, ob sich jenes Gefühl tatsächlich mit diesem X erlangen lässt. (Meiner Tochter rate ich, egal welchen Beruf sie anstrebt, sich mit einigen Vertretern der möglichen Berufe zu unterhalten, wie deren Arbeitsalltag wirklich aussieht, ob sie wirklich das Lebensgefühl erlangten, dass sie sich von der Berufswahl erhofften.)

Ich selbst bin kein Schulkind mehr, und für mich halte ich heute das Lernen für nicht weniger wichtig als das Entlernen.

In falscher Sicherheit

»Entlernen«, das klingt fast wie »Entfernen«, und das ist okay so: Ich will die Automatismen und unbewussten Denkschritte in meinem Kopf prüfen, und dann nach besten Kräfte jene entfernen, die mich aus träger Gewohnheit in falscher Sicherheit wiegen.

Ich werde nie »die Wahrheit« und »das Richtige« kennen – und ich misstraue keinem mehr als dem, der im Besitz »der Wahrheit« zu sein vorgibt – und doch kann ich täglich etwas näher an die Wahrheit gelangen, spruch: etwas weniger falsch liegen.

Ein Teil der Wahrheit ist wohl, dass wir Menschen praktisch nie »die Sache« anstreben, selbst wenn wir das meinen. Wir streben ein bestimmtes Gefühl an, welches wir uns von »der Sache« erhoffen.

So eine Ahnung

Ich will in mich gehen, und ehrlich zu verstehen versuchen, welche Gefühle ich eigentlich anstrebe. Und dann will ich die Sachen und Sachverhalte, aus denen regelmäßig jene Gefühle hervorgehen, zu verwirklichen suchen – so realistisch und sachlich wie es mir möglich ist.

Oder, ganz allgemein gesagt: Wenn du glücklich werden willst, finde erst heraus, was dich wirklich glücklich macht.

Ich zumindest habe so eine Ahnung, was mich glücklich macht: Ich veröffentliche jetzt für Sie diesen Text.

Anschließend esse ich mit Elli zu Mittag.

Später holen wir die Kinder von der Schule ab.

Und dann werde ich die Kinder fragen, was sie heute gelernt haben!

Weiterschreiben, Wegner!

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