Dushan-Wegner

20.03.2023

Krieg im deutschen Garten

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten
»Liebet eure Feinde«, so sagen die Christen, doch in der deutschen Debatte gilt jeder, der nicht exakt derselben Meinung ist, als Feind – ohne jede Liebe. Es fehlt der Raum für einfach nur: »Ich habe meine Meinung, und du deine, und das ist okay so.«
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Stellen wir uns einen Garten vor. In diesem unserem Garten wachsen mehr Pflanzen, als man auf einen schnellen Blick zählen könnte. Statistiker sagen, es seien 83 Millionen einzelne Pflänzlein.

Die Pflanzen in diesem unserem Garten leben leider nicht in Harmonie, oh nein! In unserem Garten kämpfen die Pflanzen gegeneinander.

Die Rosen rauben einander die Sonne. Der Efeu erstickt die Buchen. Die Brombeerhecke wuchert, und die Tomaten darunter bekommen kaum Luft.

Eine Pflanze kämpft gegen die andere, jede gegen jede. Und Wasserlinsen und Seerosen kämpfen um die Vorherrschaft auf dem Tümpel, und beide zusammen ersticken das Leben darunter.

Eine jede Pflanze scheint zu meinen, dass der Garten besser wäre, wenn es keine Pflanzenart außer der ihren gäbe. Und mitten in all dem Krieg der Pflanzen leben viele kleine, hübsche, und vernünftige – und zumeist weitgehend unschuldige – Gänseblümchen, die einfach nur leben wollen – und doch Teil ebendieses Kriegsgartens sind.

Nicht (nur) entzweit

Wir haben uns fast schon daran gewöhnt: Wo auch immer jemand eine abweichende Meinung öffentlich äußert, etwa einen Vortrag hält oder kritisch über die Regierung redet, rotten sich Schlägerbanden zusammen und versuchen, die Abweichler zum Schweigen zu bringen.

Wenn Politik oder Presse aber von Andersdenkenden reden, ist es längst »neues Normal«, diese als Feinde zu betrachten, als Unkraut (wörtlich als »Ratten«). Und mit Unkraut redet man nicht. »Feinde« sollen froh sein, dass sie überhaupt noch dieselbe Luft atmen dürfen wie »die Guten«.

Doch ich selbst bin ja nicht ganz frei von solchem Denken in den Kategorien »wir« und »die«. Frei nach Max Goldt meine ich etwa, dass kein anständiger Bürger mit Journalisten auch nur reden sollte: »Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zulässt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.«

Ähnlich mit jenen Zeitgenossen, die mich an »Non Player Characters« erinnern. Mitbürger, bei denen politisch korrekte Phrasen herumschwirren, wo bei Menschen eigentlich ihr Verstand und ihr Gewissen sitzen sollten. Was sollte ich mit solchen Leuten bereden?

Wie eine Vase

Sie können heute praktisch jedes beliebige Thema in die Debatte werfen – Klima, Migration, Stadtplanung.

Wenn etwa in den sozialen Medien jemand Ihr Posting bemerkt, werden Sie innerhalb von Minuten die giftigsten Widerreden erleben. Keine Argumente, keine Empathie, nur Gift.

Die vielen Gräben werden tiefer, wir sind nicht entzweit, wir sind nicht in zwei Gruppen gespalten – wir sind mehr wie eine Vase, die auf den Boden fiel und in viele Splitter zerbrach, dass niemand sie jemals zusammensetzen wird. Oder eben wie ein verfilzter Garten, wo eine Pflanze gegen die andere kämpft.

Erdbeeren gegen die Gurken

»Liebt eure Feinde!«, so sagt Jesus (Matthäus 5:44). Wir nennen uns eine Nation mit christlicher Tradition. Politik und Kirchenfunktionäre berufen sich auf vorgeblich christliche Werte, doch der einzige Bibelvers, an den sie sich erinnern können, ist der erste Teil von Matthäus 12:30: »Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.«

Das Bild vom wilden Garten weckt romantische Gefühle. Unser deutscher Garten aber ist eher ein Krieg der Disteln gegen die Dornen, der Erdbeeren gegen die Gurken, und jede Pflanze meint, dass dieser Garten besser wäre, wenn es nichts außer ihr gäbe. Irren ist pflanzlich.

Manchmal, wenn die Sonne

Ich könnte hier ja von der Schönheit des Miteinanders, vom großen gemeinsamen Garten, in welchem ein jeder auf seine eigene Weise zur Schönheit des gemeinsamen Großen beiträgt. Wir wissen, dass das eine Utopie ist – und »Utopie« bedeutet bekanntlich: der Ort, der nicht existiert.

Wenn Disteln und Dornen den Garten verwüsten, dann wird das kleine Gänseblümchen den Garten nicht retten – doch das Blümlein kann lernen, mitten im Pflanzenkrieg glücklich und zufrieden zu sein  mit seiner vermeintlich kleinen Existenz.

Wenn Deutschland ein verfilzter Garten ist, mit einer Debatte, in welcher jeder jeden bekämpft, dann möchte ich das Gänseblümchen sein, das einfach nur lebt – und den Streit loslässt.

Manchmal, wenn die Sonne und die Winde es gut meinen, soll es ja geschehen, dass sich wie durch ein Wunder eine Lichtung bildet. Eine Lichtung vieler bescheidener, in sich ruhener Gänseblümchen.

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