09.11.2021

Geht es dir gut? Ändere das!

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten
»Geht es dir gut?« – Die Frage ist eine Floskel, aber mehr als das! Es ist der Kampfruf einer Tyrannei des Gutgehens. Es ist in Ordnung, wenn es einem nicht gut geht! Geradezu lähmend wird es jedoch, wenn einer »gut« mit »komfortabel« verwechselt.
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Wie geht es dir? Allgemein gut? Familie fein und niemand arg krank? Das freut mich. Oh, doch jemand krank? Na dann, gute Genesung. Kopf hoch, es geht weiter, auf dem einen oder dem anderen Weg. Und dann geht es dir wieder gut.

Floskeln. Halb ernst gemeint, halb der Form halber aufgesagt.

Worte sollen Bedeutung tragen, nicht nur Geräusche bilden. In Floskeln aber versteinern Worte, verlieren ihr Leben, aber nicht ihre Form. Floskeln sind die Fossilien der Sprache.

Das Wort »Floskel« stammt ja aus dem Lateinischen; »flosculus«, das bedeutet Blümchen – diese Blümchen aber sind reichlich vertrocknet!

Die Worte der Floskel erinnern uns, dass da ein Inhalt war, ein Leben – und die äußere Form der Floskeln kann uns auch dann prägen, wenn nur noch eben die Form, die Hülle da ist.

»Geht es dir gut?« – die Antwort darauf ist oft genug eine Lüge.

Ja, wie anstrengend sind doch jene Leute, die tatsächlich auf diese Floskelfrage hin noch zwischen Tür und Angel uns ihr gesamtes Herzeleid berichten wollen. Es ist eine Tyrannei der Offenheit.

Ach, da bin ich doch selbst in diese neue Mode gerutscht, das Nervige und Anstrengende gleich als Tyrannei zu brandmarken. – Ich will es mir gönnen!

Über manche Tyrannei wird ja heute geklagt. Die Tyrannei der Masse etwa, auch Pöbelherrschaft genannt. Die Tyrannei der Ungeimpften. Und über die Tyrannei der Billigmoral, über die klage auch ich.

Doch, da wäre noch eine Tyrannei, die erst benannt und dann bekämpft zu werden verdient, nämlich: die Tyrannei des Gutgehens.

Zuerst sei notiert: Nein, es muss dir nicht gut gehen.

Ein alter Russe antwortete mir einmal auf die Frage, wie es ihm gehe, wie folgt: »Ich bin wachgeworden, und die Knochen taten weh, also wusste ich, dass ich noch lebe.«

Der Russe scherzte übers Älterwerden.

Da es aber ein Russe war, und ein bärtiger Russe obendrein, scheint mir noch eine tiefere Bedeutung in jenem Scherz zu klingen. Jener Russe hatte recht, auch im großen Sinne, als Metapher fürs Leben selbst – natürlich hatte er recht.

Wenn es mir in jeder Hinsicht gut geht, was sagt das über meinen Lebensstil aus?

Es geht mir gut, weil ich nie an die Grenzen meiner Möglichkeiten gelange – um durch diese Grenzen hindurch zu stoßen?

Es geht mir gut, weil ich nie einen Sprung riskiere, dessen Folge es sein kann, fies auf die Nase zu stürzen?

Wissen Sie, wem es auch gut geht? Dem Stein im Flussbett. Er ist ja auch tot, er war nie lebendig, und also geht es ihm »gut«.

Wenn du aber »gut« mit »komfortabel« gleichsetzt, dann bist du bald ganz verloren.

Solange ich Widerstand spüre, solange ich etwas habe, gegen das ich kämpfe, innerlich oder äußerlich, solange ist Bewegung da – und das ist keine Floskel.

Geht es dir gerade nicht so gut? Immerhin, das ist ein Beweis dafür, dass du noch lebst.

Kannst du aber von ganzem Herzen sagen, dass es dir rundum wohl geht? Schön. Herzlichen Glückwunsch – und jetzt ändere das!

Weiterschreiben, Wegner!

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