27.02.2022

Generation Prinzessin-auf-der-Erbse

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Foto von Evie S.
Unsere Moral, Politik und Lebensphilosophie wurden von Leuten geprägt, die sich in einer geschichtlich einmaligen Blase befanden, die schlicht nicht wussten oder spürten, was »richtige Probleme« sind – und jetzt klopfen die richtigen Probleme an die Tür.
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Es war einmal ein Prinz, der hatte die ganze weite Welt bereist, denn er war auf der Suche nach einer wahren Prinzessin. – Junge Damen, die sich für Prinzessinnen hielten, derer gab es (und gibt es wohl auch weiterhin) viele, doch sind es auch wahre Prinzessinnen? – Der Prinz kehrte traurig heim, sehr schlimm traurig und dazu noch unverrichteter Dinge.

Eines Abends aber stürmte der Sturm, der Donner donnerte und auch der Regen regnete, und da klopfte es an das Stadttor.

Der alte König ging zum Tor (warum auch immer er selbst in diesem Märchen das Stadttor bedient), und er öffnete die schwere Holztür. Ein Fräulein stand da, und es war regennass, aber doch charmant, und das Fräulein sagte von sich, dass es eine Prinzessin sei.

»Oh!«, sagte der König.

»Ah!«, sagte der Prinz.

»Ha!«, sagte aber die Mutter des Prinzen, und bei sich dachte sie: »Das werden wir schon noch erfahren, ob sie eine wirkliche Prinzessin ist!«

Man bot dem nassen Fräulein an, sich zu trocknen, vielleicht sogar zu baden, dann sich ein weiteres Mal abzutrocknen, und endlich schlafen zu gehen.

Die Königin wollte höchstpersönlich der angeblichen Prinzessin ihre Bettstatt bereiten.

Während das Fräulein badete, ging die Königin in die Schlafkammer, wo die Prinzessin die Nacht verbringen würde.

Die Königin nahm alle weichen Matratzen vom Gestell herunter, und sie legte eine einzige Erbse aufs harte Brett, dann aber legte sie zwanzig weiche Matratzen darüber, auf welche sie wiederum zwanzig Eiderdaunenbetten stapelte.

Darauf sollte die Prinzessin dann schlafen. Und das tat sie auch. Zumindest versuchte sie, zu schlafen, doch es wollte ihr nicht gut gelingen.

Am Morgen fragte die alte Königin die junge Dame, wie diese geschlafen habe, und sie antwortete: »Ich habe meine Augen die ganze Nacht nicht geschlossen! Der Himmel weiß, was da im Bette gewesen ist. Ich habe auf etwas Hartem gelegen, sodass ich ganz braun und blau über meinem ganzen Körper bin! Es ist ganz entsetzlich!«

Da aber freute sich die Königin, denn so wusste sie mit Gewissheit, dass sie eine echte Prinzessin vor sich hatte! Nur eine echte, wahre und wirkliche Prinzessin wird eine einzige Erbse durch 20 Matratzen und 20 Eiderdaunenbetten hindurch spüren!

Da nahm der Prinz die Prinzessin zur Frau, und …

Intermezzo

Liebe Leser, ich habe hier das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse frei nacherzählt, mich dabei ohne Zitatangaben beim Original bedienend (siehe zeno.org), fast als schriebe Frau von der Leyen ihre Doktorarbeit oder Frau Baerbock ihr großes politisches Buch.

Das Original jenes Märchens schließt übrigens nicht mit »dann leben sie noch heute« (es wurde uns von Andersen überliefert, nicht von den Grimms), sondern mit einem geradezu ironisch-doppeldeutigen Satz: »Sieh, das ist eine wahre Geschichte.«

Ich aber will heute, wenn es gestattet ist, diese wahre Geschichte weiter berichten. Ich will notieren und vorlegen, was wahrscheinlich noch zur Wahrheit gehört. – Setzen wir also neu an, wo wir eben unterbrachen!

Des Märchens zweiter Teil

Da nahm der Prinz die Prinzessin zur Frau.

Auch der alte König fand höflichen Gefallen an seiner Schwiegertochter, und also erhob er sie zur höchsten Beamtin in seinem Königreich. Die Prinzessin wurde zur rechten Hand des Königs und zur ersten Ministerin.

Ja, die Prinzessin, welche auf der Erbse geschlafen hatte, oder aber eben nicht geschlafen hatte, sie wurde bald zur mächtigsten Person im Land, offiziell gleich nach dem König, und dieser sagte zu ihr: »Regiere du, denn dein Wort ist so gut wie meins!«

Die Prinzessin auf der Erbse aber regierte frisch drauf los, und ihr erster Befehl lautete: »Wir schaffen ein Ministerium für weichen Schlaf! Jeder Bürger ist verpflichtet, weich zu schlafen, und wer nicht weich schläft, der wird bestraft!«

»Aber, aber«, mahnten die kleineren Beamten, »wie soll man das denn überwachen?«

»Wir stellen Hunderte und Tausende von Schlaf-Aufpassern ein«, entschied die Prinzessin, »und die gehen von Tür zu Tür, und sie prüfen, ob jeder auch gut schläft.«

»Aber, aber«, mahnten die kleineren Beamten wieder, »wer soll die Aufpasser bezahlen? Und woher sollen wir die nehmen?«

»Ha!«, sagte nun die Prinzessin, »ich weiß das: Wir schaffen die Armee ab! An Soldaten mit ihren scharfen Waffen zu denken bereitet mir Unwohlsein, fast als drückte mich eine Erbse. Wir sparen das Geld für Waffen und Bataillone. Die Soldaten werden zu Schlafaufpassern umgeschult. Und wehe, jemand im Lande schläft nicht gut!«

Gesagt, getan. – Der König war ja schon alt, und die Prinzessin hatte es ihm sehr angetan, und er schlief ja selbst bereits, auf seine eigene Weise.

Die Armee wurde aufgelöst, und die Soldaten wurden zu Schlafpolizisten umgeschult. Die Bürger kauften sich eilig weiche Matratzen, und wer nicht genug Geld für eine weiche Matratze hatte, dem lieh der Staat etwas dazu.

Wirklich gut zu schlafen, das war das neue Gesetz, und die meisten Bürger schliefen auch wirklich gut. Ja, viele waren der neuen Prinzessin sogar dankbar, dass sie ihnen den guten Schlaf befohlen hatte. Wer sich aber nicht ans Gesetz hielt und frecherweise nicht gut schlief, oder wer für den guten Schlaf nicht dankbar genug war, der wurde schnell, hart und gerecht von der Schlafpolizei bestraft – und dann schlief auch er gut.

Ja, die Bürger schliefen wirklich gut – fest und tief und, es sei wiederholt: gut.

Und dann, eines unerwarteten Tages, erklärte der junge König des Nachbarlandes dem alten König und seiner Prinzessin den Krieg, und während die Bürger samt ihrer Prinzessin tief und fest und gut schliefen, standen die Soldaten des Nachbarkönigs schon vor demselben Stadttor, an welchem einst die Prinzessin angeklopft hatte.

Was gleich hierauf geschah, liebe Kinder, das könnt ihr euch selbst anhand eurer Geschichtsbücher vorstellen. Es war eine Katastrophe, und die Lehre von der Geschicht’ ist deswegen: Prinzessinnen auf der Erbse ergeben keine guten Strategen.

Von Dazwischenkindern

Eine »neue alte« Weisheit lehrt uns: Wer Schwerter zu Pflugscharen schmiedet, wird bald das Feld desjenigen pflügen, der sein Schwert scharf hielt.

Die Generation, die heute ihr Leben zu gestalten versucht, folgt einer Generation, die selbst in einer welthistorisch einmaligen Situation und Zeitspanne lebte.

Die Generationen vor uns lebten in den Friedensjahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, konnten zu Zigtausenden die wahrscheinlich großartigsten Konzerte der jüngeren Geschichte besuchen, sie konnten, wenn sie wollten, Liebe machen ohne Angst vor Aids, und wenn sie dann genug vom wilden Leben hatten, konnten sie je nach Gusto ein solides Unternehmen gründen oder einen Beruf fürs Leben wählen, und von einem einzigen Familienvatergehalt ließ sich ein würdiges Häuschen finanzieren (siehe auch Essay vom 11.4.2019: »Es wird schwieriger, in die Mittelschicht zu gelangen – was sollen wir tun?«).

Im Essay vom 3.8.2019 (Titel: »Wenn der Staatsfunk ausgedachte Gefahren berichtet und tatsächliche Morde ausblendet«) zitierte ich den Film Fight Club, wo diese »Zwischengenerationen« in überraschend bitterem Ton beschrieben werden:

Wir sind die Dazwischenkinder der Geschichte, Mann! Kein Zweck und kein Ort. Wir haben keinen Großen Krieg. Keine Große Depression. Unser Großer Krieg ist ein spiritueller Krieg… unsere Große Depression ist unser Leben.
(Der Charakter ›Tyler Durden‹ im Film ›Fight Club‹ von David Fincher)

Man könnte es auch so formulieren: Unsere Philosophie und Moral wurde von Leuten konzipiert, die sich in einer geschichtlich einmaligen Blase befanden – und aus historischer Perspektive schlicht nicht wussten, was »richtige Probleme« sind. Und jetzt stehen die richtigen Probleme aus der realen Welt vor den ganz realen Türen.

Zum Größtmöglichen

Um das erweiterte Märchen von der Prinzessin auf der Erbse aufzugreifen: Die große Debatte und damit auch die Politik des sogenannten »demokratischen« Westens wird von einer Generation bestimmt, die der Prinzessin auf der Erbse gleicht. Die linken Debattierer in den Fluren der Politik und der Talkshows der Propaganda wissen zu oft schlicht nicht, wie hart das Bett sein kann, in dem Menschen schon mal schlafen müssen.

Wer selbst eine kleine Prinzessin – oder natürlich einen kleinen Prinzen – daheim aufzieht, der weiß, dass Kindern ihr eigenes größtes Problem das größte denkbare Problem ist. Ein (verzogenes?) Kind, das sich zu seiner Spielkonsole und seinem iPad auch noch das neueste iPhone wünscht, das aber nicht bekommt, könnte sich für unglücklicher halten als das Kind im Kriegsgebiet, dem mal eben das Haus weggebombt wurde – die »Generation Prinzessin auf der Erbse« kannte selbst keinen Krieg mehr, keine Not und keine Angst ums Überleben selbst, also erschuf sie sich neue, absurde Probleme (schaltete etwa gute Atomkraftwerke ab und begab sich in idiotischer Kurzsichtigkeit in Energieabhängigkeit von Russland). Die Generation-Prinzessin-auf-der-Erbse denkt und wirkt ähnlich!

Wer keine Angst vor Krieg und Hunger hat, der sucht sich eben eine »Störungsquelle«, er pickt etwas heraus, das ihn zwickt und ihn quält und ihn so seine Existenz spüren lässt – und sei es das Gegenstück zur metaphorischen Erbse.

Wenn in Deutschland einer, der die vorgegebene Meinung-des-Tages kritisiert – worin auch immer die besteht! – ganz selbstverständlich als »Nazi« und »Faschist« beschimpft wird, dann sagt die geistige Generation-Prinzessin-auf-der-Erbse damit ja eigentlich: Dieser Mensch hält die Bürger vom weichen Schlaf ab, seine abweichende Meinung ist die »Erbse«, die den von Politik und Propaganda vorgeschriebenen Schlummer stört.

Es ist eben nur ein Problem, dass die Generation-Prinzessin-auf-der-Erbse lächerlich kleine Probleme zum größtmöglichen Problem erklärt, auch weil sie sich schlicht keine großen Probleme mehr vorstellen kann.

Das andere Problem der Generation-Prinzessin-auf-der-Erbse ist eben, dass sie den Tiefschlaf zum höchsten aller moralischen Güter erklärt hat.

Nicht der Böse ist den sogenannten »Guten« der Feind, sondern der, der auch nur die Möglichkeit des Bösen erwähnt – er ist die »Erbse«.

Störenfriede und Nervbacken

Die Generation-auf-der-Erbse ist an der Macht, und sie schickt die Polizei herum, um zu kontrollieren ob auch jeder gut schläft.

Zu anderen Zeiten hätte ich gesagt: »Lasst uns selbstbewusst die Erbse sein, die durch alle Matratzen hindurch die überkandidelte Prinzessin im ihrem Schlaf stört, immer und immer wieder!« – Das ist heute nicht falsch, doch heute sage und betone ich dazu: »Lasst uns hoffen, dass wir vor lauter Schlaf nicht verpassen, wenn plötzlich ein Nachbarkönig mit seiner Armee ans Stadttor klopft.«

Wem der Schlaf ein derart hohes Gut ist, dass eine Erbse ihm das größte vorstellbare Problem ist, der könnte auf wenig majestätische Weise aufgeweckt werden – und dann wünscht er sich zurück in die Zeit, als nervige Hülsenfrüchte sein größtes Problem waren.

Unsere Moral und unser Denken wurden geformt von Prinzessinnen, die richtige Probleme nicht kannten – und, das liebe Leser, ist eine wahre Geschichte. Lasst uns also gnädig zu den Erbsen sein, zu den Störenfrieden und Nervbacken – vielleicht ist es buchstäblich lebensrettend, wenn und dass sie uns wachhalten!

Weiterschreiben, Wegner!

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