23.10.2021

Genius und Eiscreme

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten
Einerseits wollen wir unsere Ziele mit so wenig Aufwand wie möglich erreichen. Andererseits ist es das Überwinden von Hindernissen, das uns froh macht. Es ist ein Dilemma! Was soll man sich wünschen?
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Es ist gar nicht lange her, da zogen mein Sohn und ich los, um etwas zu quatschen, um unsere Beine zu vertreten, und natürlich, um ein Eis zu kaufen und dann auch zu verspeisen.

Der Zweck eines Spaziergangs ist der Spaziergang. Darin waren wir uns einig – so viel hatte ich zumindest angenommen.

Pro forma war die Eisdiele unser Ziel, doch wäre es nur um die Beschaffung von Eiscreme gegangen, dann hätte es gewiss andere, effizientere Wege gegeben, als zu Fuß in großem Bogen zu gehen.

Plötzlich sagte mein Sohn: »Papa, ich glaube ich bin ein Genie.«

»Kein Zweifel«, antwortete ich, und fügte ironisch hinzu: »Der Apfel fällt ja nicht weit vom Stamm.«

»Nein, kein Apfel, Papa«, korrigierte mein Sohn: »Eiscreme!«

»Wie meinen?«

Der Sohn erklärte: »Papa, wenn wir hier jetzt abbiegen, und dann durch die Straße da gehen, dann sind wir viel schneller an der Eisdiele, und wir haben uns den halben Spaziergang gespart!«

Natürlich stimmte es. Musil notiert im Mann ohne Eigenschaften, dass heutzutage sogar ein Rennpferd als Genie gelten kann, warum also nicht ein Elfjähriger, der den Stadtplan derart verinnerlicht hat, dass er jederzeit den kürzesten Weg zur nächsten Eisdiele benennen kann.

Ja, wir hätten jene Abkürzung nehmen können. Und wir wären wohl auch schneller angekommen.

Jedoch, der Weg, den wir geplant hatten, er war schöner, und die Aussicht tat der Seele gut. Man erblickte den ganzen Himmel, man sah bis zum Horizont, und dem Horizont gegenüber standen dann wieder wir, die Betrachter. Der Mensch und seine Weltkugel – metaphysischer wird es kaum, und das alles in einer halben Stunde auf dem Weg zur Eisdiele.

Die Abkürzung, die mein Sohn sich ausgerechnet hatte, sie führte durch eine schmale Liefergasse hinter einem altgrauen Gebäudekomplex. Da war wenig Metaphysik, da waren alte Kartons und hungrige Katzen, ein wenig erbaulicher Anblick.

Weg und Ziel

»Leo«, so hätte ich sagen können, »der Weg ist doch das Ziel.«

Ich sagte es nicht, denn ich wusste schon vorab, was der Genius mir antworten würde: »Papa, du verstehst die Worte ›Weg‹ und ›Ziel‹ wohl nicht.«

Ich tat, was man von Papa Wegner ungefähr erwartet. Erstens bestand ich sanft darauf, dass wir uns an den geplanten Weg halten, und zweitens erklärte ich etwas von den inneren Widersprüchen der menschlichen Seele.

Es ist uns manche Sehnsucht angeboren, mancher Drang und manches Wollen.

Ganz konkret, unter anderem: Wir wollen Süßes und wir wollen Fettiges. Wenn das Süße und das Fettige als kühlende, erfrischende Eiscreme daherkommen, dann sind wir doppelt froh.

Und wir wollen das, was wir wollen, bitte direkt und effizient erreichen.

Die Menschen erfanden Maschinen wie Fahrräder oder Autos, um effizient von einem Punkt zum anderen zu gelangen.

Menschen erfanden Arbeitsteilung, und sie wurden zu Spezialisten in Teilaufgaben. Das machte die Arbeit im Kollektiv weit produktiver als die Arbeit ebenso vieler Generalisten.

Den Einsatz von Maschinen kombiniert mit Arbeitsteilung nennen wir Industrialisierung.

Ja, ich habe gehört, dass der Einsatz von Werkzeugen erst Kultur und Menschsein ausmacht – und Affen oder Krähen wirken auf uns menschlich, wenn sie einen Ast als Werkzeug benutzen.

Insofern ist der Wunsch meines Sohnes, bei der Eisbeschaffung effizienter zu sein, sehr natürlich und sehr menschlich.

Nicht wirklich belohnt

Das klitzekleine praktische Problemchen dabei ist, dass unser Gehirn zwar Effizienz fordert, sie aber nicht wirklich belohnt.

Der Evolution und deinem Gehirn ist es zunächst egal, ob du glücklich bist. Dein Gehirn will dich vorantreiben – und das kann es mit dem Versprechen von Glück, nicht aber mit dem Erreichen von Glück.

Dein Gehirn fordert zwar von dir, Problemen auszuweichen und maximal effizient an Ziele zu gelangen, doch die emotionale Belohnung gibt es dir fürs Überwinden von Schwierigkeiten.

Deine Kopfchemie drängt dich zu dem einen, belohnt dich aber fürs andere. Wenn du dir dieses inneren Widerspruchs nicht bewusst bist, wirst du als Workaholic enden, oder als eine andere Art von »-holic«.

Mein genialer Sohn tat sein Bestes, mich seiner Einsicht in meine Worte zu versichern. Ich werde nie endgültig wissen, ob er mir nicht nur deshalb eifrig zustimmte, weil wir uns dem gelobten Land näherten, welches man »Eisdiele« nennt.

Sahnige Eiscreme

Ja, es ist wichtig, nicht jeder Versuchung gleich nachzugeben, doch heimlich und leise dachte ich bei mir: »Und wenn du schon der Versuchung nachgibst, dann soll es sich lohnen!«

Wir bestellten großzügig Karamell- und Krokant-Eis. Menschliche Worte können nicht beschreiben, wie sich das Schmelzen auf der Zunge anfühlt, wie dir Karamell in den Rachen läuft, während du dein Gesicht in die Sonne hältst, und dir auch sonst die Welt einige Sekunden lang ganz in Ordnung zu sein scheint. Es ist … genial.

Jeder unserer Tage ist uns nur einmal geschenkt.

Der etwas längere Spazierweg mit dem schönen Ausblick, der weiche Karamell, der knusprige Krokant, die sahnige Eiscreme – wenn diese kleinen und großen Momente uns ein wenig glücklich machen, dann wäre es doch ein Verbrechen, dieses kleine Stück Glück, wenn es sich anbietet, zu verpassen.

Und morgen? Morgen wollen wir dann wieder ganz vernünftig sein!

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