22.10.2021

Ein guter Gleichgesinnter

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten
»Gleichgesinnter« – was für ein schönes Wort! Ein Freund kann sich über die Jahre entfremden, aber ein Gleichgesinnter, dem steht der Sinn so wie mir, der versteht mich. Ja, viele Gleichgesinnte zu haben, das wäre fein.
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Ein Freund, ein guter Freund, so sangen die Comedian Harmonists, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt. Ein Freund bleibt immer Freund, so hieß es, auch wenn die ganze Welt zusammenfällt.

Wie sicher sind wir uns, dass jenes Marschlied von 1930 nicht eine deftig ironische Ebene bespielte?

Wenn ich an dieser Stelle sagen sollte, dass es so einen Freund gar nicht gibt, dann wird mir etwa ein Dutzend von Ihnen mitteilen, dass sie durchaus einen solchen Freund hatten – oder vielleicht Ihr Vater, in Kriegszeiten, oder so ähnlich, früher eben.

Die Handvoll von Ihnen aber, die mir widersprechen wird, die widerlegt meine These noch nicht. Tausende von Ihnen werden mir nicht widersprechen, selbst auf Nachfragen nicht.

Heute zieht man etwa für Beruf und Möglichkeiten mal eben von einem Kontinent auf den anderen. Eine Freundschaft aber, die nicht gelebt wurde, sondern erst nach Jahrzehnten wiederentdeckt wird, ist das nicht eher eine geteilte Sentimentalität?

In finanziellen Notlagen hilft heute der Sozialstaat, und Freunde zu fragen wäre unschicklich. In Notlagen der Seele bieten sich elektronische Dienste an – und mancher hat dann in den digitalen Netzen so etwas wie Freunde gefunden, doch diese waren zuerst Gleichgesinnte.

Je älter ich werde, umso höher schätze ich den Begriff des Gleichgesinnten.

Ich will keine Trennlinie zwischen Freund und Gleichgesinntem ziehen. Die Überschneidung ist groß – und soll es auch bleiben. Jedoch, ich stelle fest: Familie kann sterben oder sich mit dir zerstreiten. Den Menschen, den du heute geliebt hast, für den kannst du morgen ganz kalt sein. Freunde können dich verraten oder sich andere Freunde suchen. Sogar du selbst kannst dich enttäuschen!

Dem Gleichgesinnten aber steht der Sinn so wie der deine, das sagt schon das Wort. Du bist dem Gleichgesinnten ähnlicher als manchem Freund aus Kindertagen.

Ein Freund, der ganz andere Entscheidungen in seinem Leben traf als du, dessen Leben in anderen Bahnen verlief als deines, wie will er dich verstehen? Wenn er dich aber nicht versteht, wie will er dein Freund sein? Es ist möglich, ja, doch es ist selten.

Sie und ich, liebe Leser und lieber Zuhörer, wir sind nicht Familie. Schon weil ich die meisten von Ihnen nicht persönlich kenne, würde auch Freunde als Begriff nicht genau greifen.

Wir sind aber Gleichgesinnte, sonst würden Sie diese Worte nicht hören oder diese Zeilen lesen.

Mit etwas Humor können wir sagen: Ein Gleichgesinnter, ein wirklich Gleichgesinnter, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt!

Räumlich sind weit voneinander entfernte Menschen, doch im Sinn, da sind wir uns nah, da sind wir gleich.

Gleichgesinnter – mit jedem Tag, den ich tiefer in dieses Leben hinabsteige, mit jeder neuen Erfahrung bedeutet mir dieses Wort mehr.

Weiterschreiben, Wegner!

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