10.11.2021

Du mit deiner Grübelei

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten
Der Mensch liegt schon mal die Nacht lang wach und grübelt. Mal hat er einen konkreten Grund, mal ist es eher diffus. Warum aber sind es nie Stolz und Zufriedenheit, die uns schlaflose Nächte bereiten?
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Ich habe noch nie wach gelegen – Moment, der Satz ist noch nicht zu Ende! Natürlich habe ich schon wach gelegen, und der Schlaf war mir jedes Mal jeweils umso ferner, je angestrengter ich einzuschlafen versuchte – oh, wahrlich mehr als nur einmal.

Ich will den Satz erneut versuchen: Ich habe noch nie nur deshalb wach gelegen, weil ich mich quälende Stunden lang über einen vergangenen Erfolg gefreut hätte.

Wir sind Menschen, und wir Menschen liegen schon mal nächtens wach. Wir grübeln über Pannen. Wir grübeln über Peinlichkeiten. Wir grübeln über Verluste und vergebene Chancen.

Zwei Arten von Unrecht können mich wach halten: Das erlittene Unrecht und das begangene.

Das Unrecht, das an mir begangen wurde, und das Unrecht, das ich an einem anderen beging – welches der beiden mir mehr Schlaf raubt, und welches womöglich überhaupt keinen, das sagt dann doch viel über meinen Charakter aus.

Es sei festgehalten: Niemand ist schlaflos vor Zufriedenheit. Niemand hat je gejammert: »Ich konnte wieder die ganze Nacht lang nicht schlafen, so glücklich und so zufrieden war ich!«

Das Großartige des Morgens – zu Mittag ist es gewöhnlich und zum Abend bereits altbacken. Wie schnell erklären wir das Gute zu unserem Anrecht!

Gib einem Mann einen Fisch, und er wird erwarten, dass du ihm auch morgen einen Fisch gibst, und übermorgen auch, und ab da jeden Tag für den Rest seines Lebens.

Oh ja, ich habe schon wach gelegen – wach gelegen und gegrübelt. Geärgert habe ich mich, über verpasste Gelegenheiten geklagt. Ich habe mich schon dabei erwischt, grübelnd wach zu liegen, und nicht einmal sagen zu können, was eigentlich der Gegenstand meiner Grübelei ist. Es ist wie Weltschmerz, nur viel kleiner.

Die Natur will uns nicht glücklich halten, sondern fruchtbar.

»Seid fruchtbar und mehret euch«, so lautet der Auftrag unserer Natur – nicht: »Seid glücklich und auch dann zufrieden, wenn sie euch hier oder da mal Unrecht antun.«

Am Körper gesund zu werden und dann gesund zu bleiben, das bedeutet jeden Tag aufs Neue niederen Instinkten zu widerstehen – und wo das nicht genug ist, kann der Arzt einige Jahre lang das Unvermeidliche aufzuschieben helfen.

Am Geist gesund zu bleiben, nicht noch mehr zu leiden als es ohnehin notwendig ist, das bedarf täglicher Übung, so wie das Fitbleiben am Körper.

Nächstes Mal, wenn ich des Nachts grübelnd und wach im Bett liege, will ich meine Gedanken auszutauschen versuchen.

Wenn mein Gehirn mir wieder Grübelei auf die innere Hauptbühne stellt, dann will ich die Grübelei gleich wieder beiseiteschieben, und ich will meinen Kopf ermahnen: »Ja, ja, alles richtig – aber gedenke auch meiner Erfolge! Wie froh war ich, wie stolz!«

Du darfst noch immer froh sein, noch immer stolz. Deine Erfolge sind ja nicht weniger ein Teil von dir als deine Niederlagen! Jene frohen Momente, die kann kein Fremder dir nehmen – warum willst du dann deinem grübelnden Kopf gestatten, dir die Freude zu nehmen?

Ich habe schon manches Mal wach gelegen, und dieses Mal habe ich darüber geschrieben. Es ist nun bald vier Uhr. Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen, wieviel Uhr es auch gerade bei Ihnen sein mag – und ich werde versuchen, noch etwas Schlaf zu finden.

In wenigen Stunden werden hier alle wach sein – nicht alle freiwillig – und ein neuer Tag beginnt!

Weiterschreiben, Wegner!

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