10.11.2022

Hemmungen, Wahrheit und etwas über Wahlen

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Matt Alaniz
Erlauben Sie mir zwei Fragen: Mal ehrlich, wie ernst nehmen Sie Wahlen, etwa in den USA? Und diplomatisch gefragt: Würden Sie bei jeder möglichen Antwort wagen, diese nicht nur ehrlich, sondern auch öffentlich zu formulieren?
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Ich fragte einmal einen Mann, der mir klug und weise erschien, was er tun würde, wenn er die Wahrheit wüsste. Er sagte, er würde dann lieber schweigen.

Ich fragte ihn nach dem Grund dafür, doch da schwieg er schon wieder.

In späteren Jahren wandte sich jener Mann den Freuden des Rausches zu, so höre ich, und wenn er je »die Wahrheit« gekannt haben sollte, hat er sie inzwischen vermutlich vergessen. (Oder er kann sie nicht vergessen, und genau das ist sein Leid – wer weiß?)

Mir blieb wenig übrig, als selbst eine mögliche Antwort zu erforschen, warum einer, der die Wahrheit kennt, lieber schweigen sollte.

Zwei erste Möglichkeiten

Ich kam damals zunächst auf erste, sehr naheliegende und offensichtliche Gründe, »die Wahrheit« nicht auszusprechen.

Da wäre zuerst die Möglichkeit, dass das Aussprechen der Wahrheit die Geschäfte mächtiger Figuren ein klitzeklein wenig verlangsamen könnte, was sie zu Wut gegen den Aussprechenden bewegen wird. Oder dass es die Glaubenssysteme der Mitmenschen angreifen würde, was sie zu ähnlicher Aggression motivieren könnte.

Eine andere Möglichkeit ist, dass man durch die öffentliche Erklärung, wonach dies oder jenes »die Wahrheit« sei, sich schlicht lächerlich machen könnte. Die erste der vielen Lügen sogenannter »Faktenchecker« ist ja, dass »die Wahrheit« überhaupt existiert (und die »Faktenchecker«, wie die Priester von einst, privilegierten Zugriff auf »die Wahrheit« haben), statt dass die Idee der Wahrheit eher den gedachten und abstrakten Zielpunkt einer Bemühung um weniger Fehlerhaftigkeit darstellt.

Über die Jahre entdeckte ich am Wegesrand dann immer wieder weitere mögliche Gründe, warum es klüger sein kann, die Wahrheit nicht auszusprechen.

Sei nicht langweilig!

Ein weiterer Grund, die Wahrheit nicht auszusprechen, könnte darin liegen, dass die wahre Wahrheit quälend langweilig und längst bekannt ist, uns Menschen aber immerzu nach »Neuigkeiten« dürstet.

Als Beispiel: Philosophie und andere Geisteswissenschaften kommen seit Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten nicht wirklich voran. Die Zeiten, als Denker die Menschheit mit wirklich neuen, großen Gedanken voranbrachten, liegen nun leider schon Jahrtausende zurück.

Ein Grund, warum Philosophie gar nicht weiterkommen kann, liegt schlicht in der Antwort darauf, dass die wahre Antwort auf so erschreckend wie langweilig viele der großen Fragen schlicht ist: »Die Evolution will es so.«

Was aber langweilig ist, wird nicht weiter erforscht (außer es ist profitabel, dann ist es auf andere Weise »nicht langweilig«), wie »wahr« es auch sein mag.

Ein Grund, warum wir in den Nachrichten recht selten die eigentliche Wahrheit hören, ist schlicht, dass Nachrichten, welche wirklich die genauestmögliche Wahrheit suchen, zu jeder Meldung automatisch die besten Theorien liefern müssten zur jeweiligen Antwort auf die Frage: »Cui bono?« – Wem nutzt es? Wer gewinnt dadurch an Macht, wer erzielt Profit? (Das wäre nicht nur denen lästig, es wäre für uns langweilig.)

»Sei nicht langweilig!«, so lautet nicht erst seit heute das erste Gebot sozialen Erfolgs. Das soziale Gebot jedoch, immer die genauestmögliche Wahrheit zu sagen, existiert nach meiner Erfahrung erst gar nicht – im Gegenteil.

Wo sind die Lösungsansätze?

Ein Grund fürs Nichtaussprechen der Wahrheit kann auch sein, dass die bestmögliche Wahrheit sich unbefriedigend anfühlt, wenn sie nicht gleich mit Lösungsansätzen und Kampfplänen daherkommt.

Wir kennen ja die Sprüche: »Der Mensch lebt, solange er sich wehrt.«, »Nur wer sich nicht bewegt, spürt seine Ketten nicht.« – Bla, bla, bla.

Erschreckend viele Probleme sind für den Einzelnen nicht lösbar, und manche Probleme sind nicht einmal für die (politisch organisierte) Gesellschaft lösbar, auch wenn Schlangenölverkäufer uns etwas anderes versichern mögen.

(Wie soll etwa eine Gesellschaft das Problem spekulierender Banken lösen, wenn die Banker jederzeit der Gesellschaft buchstäblich wie auch bildlich die Lichter ausdrehen können?)

Ja, manche Schlangenölverkäufer gestehen sich gar nicht erst ein, dass sie solche sind. Oft genug berauschen sich selbst an der falschen Hoffnung, von deren Verkauf sie leben. Und manchmal sind wir es selbst, die wir uns auf diese Art berauschen. (Auch darüber steht etwas im »Buch übers Loslassen von Dushan Wegner«.)

Es ist denklogisch möglich, dass ein Mensch die Wahrheit nicht aussprechen will, weil die durchs Aussprechen bedingte Bewusstwerdung ihn auf schmerzhafte Weise lähmen würde – darf das aber Grund genug sein?

Laterne und Gleise

Über die Jahre wird mir ein weiterer Grund immer deutlicher, warum Menschen sich schwertun, die Wahrheit auszusprechen – oder das, was sie tief innen drin für die genauestmögliche Version einer möglichen Wahrheit halten.

Jener Grund wird recht präzise in der Parabel vom Betrunkenen unter der Laterne beschrieben. – Zur Erinnerung: Ein Schutzmann sieht einen Betrunkenen, der auf allen Vieren im Kreis um eine Laterne herum kriecht.

Was er da mache, wird der Betrunkene gefragt. Er lallt, er suche seinen Schlüssel. Wo er ihn denn verloren habe, fragt der Schutzmann, aus Gewohnheit. »Drüben, im Gebüsch«, lallt der Betrunkene.

Der Schutzmann fragt den Betrunkenen, warum er denn nicht dort im Gebüsch suche, sondern hier unter der Laterne.

Der aber antwortet verärgert: »Na, das sehen Sie doch! Hier unter der Laterne ist besseres Licht!«

Über die Jahre wächst mein Verdacht, dass erschreckend viele von uns sich die Wahrheit nicht auszusprechen trauen, weil die Antwort sie zu Konsequenzen verpflichten würde, die sie als denkbar umkomfortabel empfinden.

Mit dem Aussprechen (und dem darauf wohl unausweichlichen Eingestehen) gewisser Wahrheiten begibt sich der Mensch zunächst in eine emotionale Lose-lose-Situation: Wenn du Konsequenzen ziehst, wird es schmerzhaft, und wenn du keine Konsequenzen ziehst, wird es auf andere Art schmerzhaft. (Du begibst dich in dein eigenes Trolley-Problem, siehe Wikipedia, bei welchem du nicht nur den Hebel betätigst, sondern dazu auch selbst auf beiden Gleisen liegst!)

Da waren wohl Wahlen

Ach ja, übrigens: In den USA waren »Midterm-Wahlen«. Während ich dies schreibe, sind sie noch nicht endgültig entschieden. Es wird knapp. (Siehe aktuellste Zusammenfassung bei Wikipedia.)

Ich habe nur soviel dazu zu sagen: Demokratische Wahlen, in welche Milliardäre dreistellige Millionen-Summen für Propaganda zugunsten der ihnen genehmen Kandidaten pumpen können (cnbc.com, 3.11.2022), wo zuverlässig ein entscheidender Teil der Stimmen via »Briefwahlen« (»absentee votes«) entschieden werden, welche via »voter outreach« in armen Communities »geerntet« werden und zuverlässig mehrheitlich an dieselbe Partei gehen (fivethirtyeight.com), solche Wahlen vermag ich gerade nicht als »demokratisch« in meinem Verständnis des Wortes zu nennen.

Investition in Propaganda ist geradezu »old school«. Eine zuverlässigere und komplett legale Methode, das Ergebnis von Wahlen zu beeinflussen, bestünde theoretisch darin, US-Wahlen de facto zu »kaufen«, indem man Briefwahlstimmen derart »ernten« lässt, dass sich die Ergebnisse statistisch vorhersagen lassen.

US-Wahlen in den USA sind der Kampf zweier Mächte, doch diese zwei Mächte sind womöglich (»in Wahrheit«) der Wille der wirklich über ihre Wahl nachdenkenden Wähler, gegen jene Wahlstimmen, die anders als durch traditionelle Meinungsbildung bestimmt sind.

Man seufzt. Auch über Simulationen zu reden kann langweilig sein, etwa weil sie so plump und damit extra frustrierend sind – und weil so viele Leute von der behaupteten Realität einer offensichtlichen Lüge profitieren, dass es gefährlich werden kann, den Kaiser nackt zu nennen.

Der Rahmenhalter

Ich beginne ihn zu verstehen, jenen Mann, der mir sagte, wenn er die Wahrheit kennen würde, würde er sie doch nicht aussprechen.

Einen Menschen, der immer die Wahrheit sagt, wird man wohl für etwas verrückt halten. Was sind dann aber wir, die wir uns als »normal« bewerten? Sind wir alle und ein jeder »etwas verlogen«?

Ach nein, man sollte die Wahrheit nicht immer aussprechen – und niemals ganz – selbst wenn man sich sicher ist, auf der Suche nach der Wahrheit gewisse Fortschritte erzielt zu haben.

Die Aufgabe der Kunst ist es, jene Wahrheiten auszusprechen, für die es weder Wort noch Zeichen gibt. Das tut sie, indem sie, bildlich gesprochen, einen Rahmen um eine wohlplatzierte Lücke setzt, und wer hindurchblickt, sieht die Wahrheit. (Insofern sagte der Erste, der einen leeren Rahmen ins Museum hängen ließ, darin tatsächlich etwas Wichtiges über das Wesen von Kunst.)

In diesem Sinne, liebe Leser, verstehe ich meine Essays inzwischen als Kunst. Ich spreche nicht immer die (ganze) mir bekannte Wahrheit aus – aus allen der obigen Gründe.

Manchmal habe ich Angst, »die Wahrheit« zu sagen (und fände es eine Verschwendung, meine Essayisten-Laufbahn schon heute zu beenden). Und ich bin mir ohnehin »ganz sicher«. Und gelegentlich finde auch ich es schmerzhaft, mich den notwendigen Konsequenzen einer Erkenntnis zu stellen.

Immer aber versuche ich, zumindest einen »Rahmen« zu bauen und hinzuhalten. An Ihnen, lieber Leser, wäre es dann, durch diesen Rahmen zu schauen – und selbst zu beurteilen, ob ich ihn an der richtigen Stelle hochhalte.

Was ist also die ganze Wahrheit über Wahlen, über Politik, über uns?

Ich sage mal nichts weiter – und bin doch guter Dinge, dass wir uns verstehen.

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