Dushan-Wegner

09.03.2023

Kanalarbeit oder Pflege?

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, kanalarbeit
Die Gleichberechtigung ist nicht abgeschlossen, bis nicht die Hälfte der Kanalarbeiter wirklich Frauen sind – und die Hälfte des Pflegepersonals entsprechend Männer. Oder ist das Unsinn, weil Menschen eben verschieden sind?
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Diese Woche war »Frauentag«. Wie man es nicht anders erwartet in dieser schrägen Zeit, zeichnete Jill Biden, die First Lady des Joe Biden, unter anderem einen biologischen Mann als »mutige Frau« (»Woman of Courage«) aus (state.gov), was natürlich für die wohl erwarteten und absichtlich getriggerten Reaktionen sorgte (siehe foxnews.com, 8.3.2023).

Ich nahm es schulterzuckend hin. Es ist nun einmal so, dass wir in einer Zeit leben, in der du dich als Mann – und noch dazu mit weißer Hautfarbe – schon mal wie der Schuhabtreter der Welt fühlst. (Tatsächlich ist dies aber nicht ein Kampf gegen alle weißen Männer, sondern ein Kampf einer kleinen Gruppe von Männern gegen alle übrigen Männer. Gates, Soros, Bezos & Co. sind ja selbst auch keine queeren, schwarzen, transsexuellen Lesben im Rollstuhl.)

»Es ist, wie es ist«, so sagte ich mir. Und ich ging zum Supermarkt, bevor ich gleich den Sohn aus der Schule abholen würde.

Vorm Supermarkt aber war etwas passiert. Offenbar war ein Kanalrohr geplatzt, drei Meter vorm Eingang.

Die Stadtwerke waren da. Man hatte die Gehwegplatten entfernt und ein Loch gegraben. Wasser war ausgetreten und ein Mann hegte das Wasser ein. Ein weiterer Mann kniete am Rand der Grube und beugte sich kopfüber hinein. Die ordentlich sitzende Unterhose verhinderte die »Maurerritze«.

Mein erster Gedanke war: Was geht eigentlich im Kopf dieses Menschen vor, der gerade seinen Kopf und damit sein Gesicht in ein Kanalloch hält?

Mein zweiter Gedanke aber – es wird Sie nach dieser Einleitung wenig überraschen – beschäftigte sich mit dem Geschlecht dieser Männer.

Ich dachte an die alte Internet-Weisheit: Es fällt auf, dass Feministen die Gleichberechtigung in Aufsichtsräten und Politik fordern, aber nicht bei Kanalarbeiten oder auf Baustellen.

Mein innerer Zyniker twitterte diese Beobachtung (@dushanwegner, 8.3.2023). Prompt antworteten mir Frauen völlig richtig, dass in anderen »dreckigen« Berufen dafür die Frauen in der Mehrzahl sind, namentlich in der Pflege.

Da ich kein Linker bin, dachte ich über diesen korrigierenden Widerspruch nach.

Eine meiner Denkregeln lautet bekanntlich: Wenn eine Aussage und ihre Verneinung beide plausibel scheinen, hast du wahrscheinlich das Problem nicht verstanden.

Wenn die These, wonach Frauen sich eher »weniger dreckige« Jobs aussuchen, im Alltag bestätigt zu werden scheint – und gleichzeitig wirklich »dreckige« Jobs wie gewisse Arbeiten in der Pflege vor allem von Frauen erledigt werden, haben wir vermutlich das Phänomen selbst nicht verstanden.

Keinen Tag

Ich ging in mich. Ich habe ja dereinst auf Baustellen und in Fabriken gearbeitet. Ich habe Häuser mit dem Presslufthammer abgerissen. Ich habe Farbtanks mit Hochdruckreiniger und Schaber gesäubert.

Es war teils brutal hart. Rückblickend fällt mir auf, dass meine Kollegen damals alle männlichen Geschlechts waren.

Es war hart, doch es war machbar. Ich bin ja noch hier, ich habe es überlebt. (Und meine heutige Schreibdisziplin wurde vermutlich davon geformt – siehe /liste/.)

Ich habe einige wirklich harte Arbeiten kennengelernt, doch ich würde keinen einzigen Tag in der Pflege durchhalten.

Lieber Laufband

Ich wusste schon immer, dass die körperliche Pflege kranker Menschen nichts für mich wäre. Gestern aber wurde es mir zum ersten Mal bewusst, dass das doch wie ein Widerspruch zu meiner praktischen Vergangenheit wirken könnte.

Ist es die »Dreckigkeit« oder körperliche Härte des Jobs, die mir die Pflege unmöglich macht? Kaum. Da wird wohl noch etwas anderes sein.

Ich kenne persönlich genug Menschen, die in der Pflege und in heilenden Berufen arbeiten. Ich weiß, worüber man abends am Esstisch spricht – so man am Abend daheim ist.

Ich könnte das nicht machen.

Auf dem Bau oder im Kanal hat man ein Ziel, und wenn dieses erreicht ist, dann ist man fertig, und alle sind zufrieden. Oder es funktionierte eben nicht, dann meldet man das, und man wendet sich einer anderen Aufgabe zu.

Die Arbeit im Krankenhaus aber wirkt auf mich wie ein ewiges Rad: Du pflegst einen Patienten, reinigst seine Wunden und wechselst seine Verbände, doch die Arbeit wird nie »fertig« sein, in keinem Sinne. Und zu oft hilft alle Pflege nichts, und der Patient stirbt – und wird schnell durch den nächsten Patienten ersetzt.

Leid, so viel Leid! Ich weiß nicht, wie Pfleger es ertragen, nicht nur an einem, sondern an Dutzenden oder sogar Hunderten leidender Menschen zu arbeiten.

Ich werde lieber mit dem Presslufthammer drei Häuser abreißen, vier Farbtanks reinigen und 5.000 Kisten von einem Laufband aufs andere heben, als einen Menschen täglich zu pflegen, ihn sterben zu sehen – um dann gleich am nächsten Tag mit dem nächsten Kandidaten konfrontiert zu werden.

Ich bin aber dankbar, so sehr dankbar dafür, dass es Menschen gibt, die das können.

Erst mal abgeschlossen

Auch wenn ich selbst noch nicht stationär im Krankenhaus lag, so habe ich in eigener Sache natürlich für dies und das genug Kontakt mit Heilern gehabt. (Etwa als ich vorvergangenen Sommer beim Joggen auf feinstem, scharfen Kies über den verwirrten Hund stolperte, und der Pfleger mir dann eine Viertelstunde lang mit der Pinzette kleine Steinchen aus dem Fleisch der rechten Hand extrahierte.)

Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die diesen Beruf ausüben können. Ich könnte es nicht.

Statistisch gesehen sind es eben überdurchschnittlich Frauen, welche die »Drecksarbeit« der Pflege zu leisten in der Lage und auch bereit sind. (Ich weiß durchaus, dass es männliche Pfleger gibt, doch erlauben Sie mir eine ketzerische Feststellung: Ich kenne einige Krankenschwestern, die ihren Beruf über Jahrzehnte praktizierten und zuletzt als solche in Rente gingen, doch ich kenne keinen Pfleger, der nicht lange vor der Rente in einen anderen Job oder ins Management geflohen wäre. Ihre eigenen Erfahrungen, liebe Leser, mögen natürlich andere sein.)

Wer den gesunden Menschenverstand anwendet, könnte heute zu mancher ketzerischen These verführt sein – etwa dieser: Menschen sind verschieden, und zwar von Natur aus.

Einige von uns sind in der Lage, auf Strommasten zu steigen, den Kopf in Kanäle zu halten oder Verbrecher zu jagen, ohne in Panik zu geraten – und andere sind in der Lage, eines Tages auch mich zu pflegen, ohne daran zu zerbrechen.

Zuerst dankbar

Ein nachträgliches Gefühl zum Frauentag ist natürlich eine gewisse Wut auf die Verderber in Politik und Propaganda, die aus allem ein Politikum und eine Farce werden lassen.

Doch zuerst bin ich dankbar für jeden Menschen, der tapfer den Menschheitsbetrieb aufrechterhält, ob er oder sie nun die Kanäle des Menschen oder die der Stadt durchspült – ich bin dankbar.

Ich will nun auch weiter diese »essayistischen Kanalarbeiten« betreiben, und ich danke Ihnen, dass Sie auch heute wieder dabei waren!

Mit diesem Satz aber ist auch diese Arbeit abgeschlossen – für heute.

Weiterschreiben, Wegner!

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