20.08.2022

Konfabulation und Knackwurst

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Jake Givens
Redaktionen sind eine Wurstfabrik mit wenigen Wurstsorten (»Klimapanik« etc.). ALLES wird zu einer davon verwurstet. Ein »Guter« ist einer, der jede Wurst schluckt – und als »Rechter« gilt einer, der erstmal prüfen will, was in der Wurst so drin ist.
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Ich studierte Philosophie, doch ich hätte Psychologie studieren sollen. Die Welt braucht nicht ziselierte Erklärungen – die Welt braucht eine grundlegende Psychotherapie.

Aber, ach, seien wir realistisch: Wir Menschen fragen weder nach dem einen noch nach dem anderen. Wir fragen selten nach Erkenntnis und nach Therapie oft erst, wenn es zu spät ist. Wir Menschen als Gruppe sind nicht so präzise in unserem Denken – oder reflektiert – wir Menschen denken mehr so wurstig.

Die mit der imposantesten Unkenntnis um die Theorie der Wahrheit, selbstbewusst gepaart mit noch weniger Wissen um Gut und Böse, genau die werden zu Faktenprüfern und Moralrichtern erklärt.

Und zu oft sind es die, welche selbst eine psychische Besonderheit zu ihrer Identität erklärt haben, die jedem, der ihr Tun zu hinterfragen wagt, eine wahnhafte Angststörung diagnostizieren.

Die Realität ist redlich bemüht, die Menschen durch gelegentliche Schocktherapie zurück zu sich zu holen – was muss sie denn noch anstellen? – doch wir Menschen sind stur.

Wären wir geübter

Im Essay »Darf man über ›Lügen‹ reden?« stellte ich 2017 die These auf, dass man auch einer Organisation attestieren könnte, lügend zu sein. Es ist eine philosophische These, welche Fragen stellt zu Bedeutung und Begriffen, konkret: zu Lüge und Wahrheit selbst.

Fünf Jahre sind seitdem vergangen. Wir erlebten eine lächerliche US-Wahl. Deutschland wird von einem mit Skandalen in Verbindung gebrachten deutschen Bundeskanzler regiert, welcher uns einfach alle auslacht (siehe bild.de, 19.8.2022). Scholz kann sich an angeblich nichts erinnern.

Wären wir geübter im philosophisch-logischen Denken, würden wir schlussfolgern, dass Scholz entweder moralischrechtlich oder aber geistig schlicht nicht in der Lage ist, ein Land zu regieren. Die Zeiten sind so irre, dass der Kanzler zwar mit dem größten Steuerbetrug der bundesdeutschen Geschichte in Verbindung gebracht wird, dort lachend behaupten kann, sich an nichts zu erinnern, und es wird mehr so als Kuriosität hingenommen. Der Kanzler ist eine Institution, und was sollte das für eine Frage sein, ob Institutionen lügen? Ich vermute ja, dass er durch einex Grünex ersetzt werden könnte. Wir würden/werden vom Zeitalter der blanken Lüge in eine Zeit mangelnder Wahrheitsfähigkeit übergehen.

Einige Bürger spekulieren, dass Scholz nicht trotz, sondern wegen Cum-Ex zum Kanzler wurde. Ich halte das für absurd: Warum sollten Strippenzieher im Hintergrund einen Kanzler wollen, der aufgrund seiner Vergangenheit leicht zu erpressen wäre?

Ja, in der Zeit von »Journalisten« und »Faktencheckern« (zu diesen siehe auch Essay vom 11.8.2022) wird die Frage weniger interessant, ob Institutionen die Wahrheit sagen oder ob sie lügen. Natürlich haben wir davon auszugehen, dass Funktionäre und Konzernjournalisten »die Wahrheit sagen«. Jedoch: Die Wahrheit der Politik und Propaganda ist eine präskriptive Wahrheit (sagen, was sein soll) und postskriptive (setzen, was war), nicht die deskriptive (sagen, was ist).

Ich finde die Frage täglich spannender, welche inneren Vorgänge dazu führen, dass Institutionen sagen, was sie sagen – gewissermaßen die Psychologie der Wahrheit.

Ein aktuelles, relativ kleines Medien-Ereignis könnte uns tiefere Erkenntnis zur Psychologie der institutionellen Lüge geben.

Am 19. August 2022 veröffentlichte die Berliner Staatsfunk-Dependance »RBB« diese Meldung: »Herbst im August – Berlin​er Bäume sind gestresst von der Dürre der letzten Monate. Deswegen werfen sie verfrüht ihre Blätter ab. Sieht es bei euch auch schon herbstlich aus?« (@rbb24, 19.8.2022)

Dazu postete man das Foto einer Berliner Szene aus der Umgebung des Axel-Springer-Hochhauses, mit golden herbstlichen Bäumen – im August, wohlgemerkt.

Tatsächlich wurde das Bild aber im November 2020 aufgenommen. Zunächst behauptete RBB bei Instagram wohl, das Foto sei am 18.8.2022 aufgenommen worden, am Tag zuvor (so bild.de, 19.8.2022). Dummerweise hat man Fake News über einen Ort erzählt, an dem Leser einfach selbst nachschauen konnten – und das taten sie dann auch (@peterjwilke, 19.8.2022).

Schließlich gaben die Staatsfunker zu, dass sie (wieder mal?) Unsinn erzählt hatten – und sie schoben die Schuld auf den Bildservice »Imago«, der ihnen das Bild geliefert hatte,  (@rbb24, 19.8.2022).

Ein simpler »Irrtum« also?

Moooooment!

Rekrutierung und Lapsus

Im erwähnten Essay über das Lügen durch Institutionen postulierte ich, dass man eine gesamte Institution als lügend bezeichnen kann, wenn sie ihre öffentlichen Stimmen derart auswählt, dass die meisten von ihnen auf die gleiche Art irren.

Wären wir Psychologen, könnten wir wohl auch feststellen, dass Redaktionen ihre Journalisten auf ähnliche Weise auswählen, wie Sekten ihre Jünger rekrutieren: Man betreibt nicht wirklich »Gehirnwäsche«, auch wenn es von außen so aussehen kann: Die Missionierung von Sektenjüngern bzw. Rekrutierung von Journalisten ist tatsächlich eine filternde Suche nach Menschen, die bereits von sich aus für die jeweilige Ideologie und ihre typischen Irrtümer anfällig sind.

Journalisten im Propagandastaat sind erfolgreich, indem und wenn sie zuverlässig auf die politisch erwünschte Weise »irren« – ob bewusst oder unbewusst – solange sie dabei nicht wie bei jener Spiegel-Fachkraft allzu offensichtlich und einfach widerlegbar sind.

Interessanter als die Frage nach der Wahrheit dieser Aussage ist also die Frage, welche Denkprozesse diese Fake-News entstehen ließen.

Ockhams Rasiermesser (siehe Wikipedia) legt nahe, dass im Wettstreit der Erklärung die einfachst mögliche Erklärung vorzuziehen sei. Spekulieren wir also – nach der einfachsten möglichen Erklärung suchend!

Die denkbare Szene: Einem Staatsfunker ist das Agenturbild auf den Bildschirm geflattert. Es ist August, doch auf dem Foto sind herbstliche Blätter in Berlin zu sehen.

Was ist die erste Reaktion des Staatsfunkers?

Fährt er zur Kontrolle an der Stelle in Berlin vorbei (das wäre knapp eine halbe Stunde Fahrtweg, laut Google Maps)?

Bittet er einen Kollegen, der ohnehin in der Gegend ist, einmal zu checken, was es mit den rätselhaften Bäumen auf sich hat?

Prüft er, ob es weitere Belege für das Phänomen »Herbst im August« gibt?

Prüft er das Datum des Bildes nochmal?

Nein, nichts von alledem.

Er denkt sich eine Begründung aus, die auffällig zum aktuellen Narrativ passt, bis hin zu Details – aber eben erfunden ist.

Das Phänomen, dass Blätter aus verschiedenen Gründen gelb werden können, ist seit langem bekannt, und es kann viele Ursachen haben (siehe etwa vistava.com, englisch). Hier liegt aber nicht einmal das vor!

Für einen Journalisten ist die Ursache immer die Klimapanik, selbst dann, wenn das Phänomen überhaupt nicht existiert. Klimapanik ist die Schlussfolgerung auf der Suche nach ihren Prämissen. Mich wundert ja etwas, dass er die angebliche herbstliche Belaubung im August nicht den Ungeimpften anlastete.

Aus der Perspektive des einzelnen Staatsfunkers ist diese Fabel wohl ein Irrtum, ein Lapsus, ein Mausrutscher. (Man hat sich ja an die Zwei-Quellen-Regel gehalten: Die erste Quelle war die eigene Deutung, die zweite Quelle war das Narrativ.)

Aus der Perspektive der Redaktion, die ja Leute einstellt, welche immer wieder in dieselbe Richtung irren, kann es aber eine »institutionelle Lüge« genannt werden.

Inzwischen können wir dem institutionellen Lügen auch einen psychologischen Namen geben: Es ist eine Variante der Konfabulation.

Laut Wikipedia versteht man unter Konfabulation »in der Psychopathologie die Produktion objektiv falscher Aussagen oder Erzählungen. Diese beruhen auf falschen Wahrnehmungen oder Fehlfunktionen des Gedächtnisses«.

Mit anderen Worten: Die Konfabulation ist nicht nur eine ganz automatisch gesagte Unwahrheit, sondern dazu noch eine, die reichhaltige, aber erfundene Details und Erklärungen enthält.

Während der einzelne Journalist sich schlicht »irren« mag, betreibt die Redaktion als Ganzes eine Art »institutionelle Konfabulation«.

Die Redaktionen des Propagandastaates sind Konfabulations-Maschinen: Du kannst eine beliebige Meldung hineinwerfen, es wird immer eine Deutung herauskommen, welche auffällig in die aktuellen Wahrheits- und Wertkategorien passt.

Deutsche Redaktionen sind wie große Wurstfabriken, die einige wenige Wurstsorten wie derzeit »Klimapanik« und »Coronapanik« im Angebot haben – und immer die Superwurst »Kampf gegen Rechts« (die ja schlicht der Kampf gegen jeden ist, dem die sonstigen aktuellen Wurstsorten nicht schmecken).

Egal welches Fleisch man hineinwirft, es wird immer zu einer der bestellten Wurstsorten verarbeitet werden. Als »Guter« gilt heute, dem jede Wurst schmeckt, und als »Rechter« gilt einer, der erst einmal prüft, was da in der Nachrichtenwurst eigentlich drin ist. Aber, hey, die »Guten« gehen auf für eine Bratwurst im Sinne des Staates demonstrieren (siehe Essay vom 14.10.2018) oder lassen sich für eine Wurst mal eben experimentelle Gentherapie injizieren (dpa, via zeit.de, 12.11.2021).

Manchmal aber, wie im Fall der RBB-Theorie über Herbst im August finden selbst Staatsfunk-Stammkunden die Klimapanik-Wurst rätselhaft.

Vegetarischer Tag

Wer die philosophischen Fragen von Wahrheit und Lüge klären will, der hat sie längst für sich geklärt, theoretisch oder praktisch.

Wer »Wahrheit« deskriptiv versteht, also beschreibend, der muss selbst danach suchen, muss vergleichen und prüfen.

Wer »Wahrheit« präskriptiv versteht, also dass jemand sie ihm vorschreibt, der kann sich auch weiterhin an die von Regierung und reichen Akteuren bezahlten »Faktenchecker« halten.

Ich frage mich, was uns dazu bewegt, ganz offensichtliche Denkfehler zu begehen.

Was bringt einen Staatsfunker dazu, sich zu einem Foto eine Geschichte auszudenken? Was bringt so viele unserer Mitbürger dazu, solche Geschichten immer wieder zu glauben? Und welche rationale Rechtfertigung hätten wir, nicht davon auszugehen, dass bei diesen Leuten immer alles auch konfabuliert sein kann?

Es wird (ohne Beleg) Otto von Bismarck zugeschrieben, gesagt zu haben, Gesetze seien wie Wurst: Es sei besser, nicht zu sehen, wie sie gemacht werden.

Nun, ich sehe das bei den Nachrichten anders: Mich interessieren durchaus die logischen und psychologischen Wege, die dazu führen, dass Institutionen so etwas sagen.

Ja, ich will verstehen, wie und warum die »Wahrheitswurst« produziert wird. Und ich will verstehen, warum Mitbürger sie so willig essen – ja, warum sie sogar jeden verurteilen, dem davor ekelt.

Und von Zeit zu Zeit will ich auch mal einen »vegetarischen Tag« einlegen, und Sie können sich aussuchen, ob ich das nur metaphorisch oder auch ganz konkret meine.

Wohl bekomm’s!

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Konfabulation und Knackwurst

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