15.02.2023

Das wird man ja wohl noch Krapfen dürfen

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten
USA und China liefern sich Wettrennen um künstliche Intelligenz. Rätselhafte UFOs werden abgeschossen. Die Welt vibriert, die Zukunft ist unsicher. Doch in Deutschland sorgen sich Behörden um rassistische Krapfen im Faschingskostüm.
Das wird man ja wohl noch Krapfen dürfen
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Ich weiß nicht, ob allen Deutschen bewusst ist, wie absurd gewisse deutsche Probleme und moralische Krisenlagen von außen betrachtet erscheinen.

Aktuell lesen wir etwa diese Schlagzeile: »Wegen kolonialistischer Motive – Antidiskriminierungsstelle mahnt Krapfen-Bäcker ab – der versteht die Welt nicht mehr« (focus.de, 15.2.2023).

Ein Bäcker in Heilbronn hatte, wie seit Jahrzehnten schon, zu Fasching seine Krapfen »kostümiert«. Als Chinesen, Cowboys, als Indianer … und als Schwarze.

Die »Antidiskriminierungsstelle« hat ihn dafür nun abmahnen lassen. Ohne Vorwarnung, ohne Gespräch.

Der Heilbronner war von einem Passanten denunziert worden. Der hatte ein Foto gemacht und den Bäcker bei der Heilbronner Antidiskriminierungsstelle verpetzt.

Das Amt schrieb ihm daraufhin, in einer von Satire nicht zu unterscheidenden Ernsthaftigkeit: »Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass sich Darstellungen dieser Art stereotypen Bildern bedienen. Es handelt sich um eine Reproduktion kolonialistischer Vorstellungen und einer Geschichte von Unterdrückung und kultureller Aneignungen.« (Antidiskriminierungsstelle Heilbronn, zitiert nach focus.de, 15.2.2023)

Die Begründung der »Faschingspolizei« (Zitat des Bäckers) klingt wohl wie ein Großangriff auf Verkleidungen im Fasching insgesamt. Die Verkleidungen hätten nichts mit der tatsächlichen Lebenswelt der Dargestellten zu tun.

Man könnte logisch zurückfragen, wenn es »nichts« mit den Dargestellten zu tun habe, woher man dann weiß, dass sie es sind, die dargestellt wurden. Und ob man es wirklich besser fände, wenn statt liebevollen Stereotypen wie dem »Chinesenhut« oder dem »Bastrock« eine Darstellung tatsächlicher »typischer« lokaler Gegebenheiten wirklich wünschenswerter wäre.
Keine Antimesserstelle

Die Stadt Heilbronn hat ja durchaus auch »richtig« Probleme. Etwa die gelegentliche Messerattacke mit »einer dreiköpfigen Messergruppe«, in welcher eine »unbekannte männliche Person« ein Messer zieht und zusticht (fnweb.de.de, 13.2.2023). Oder der Unbekannte, der auf dem Synagogenweg unvermittelt auf einen 42-Jährigen einsticht (stimme.de, 20.1.2023). Oder Freitag, der 13. Januar 2023, als ein Mann die Polizei in Heilbronn mit dem Messer bedroht haben soll, nachdem er vorm Balkon seiner Ex-Frau stand und brüllend Bibelverse rezitierte. Beim Einsatz wird er dann erschossen (echo24.de, 19.1.2023).

Ja, Heilbronn scheint ein Problem mit Männern diverser Herkunft und deren Psyche zu haben.

Doch gibt es in Heilbronn »Antimesserstelle«? Wohl nicht. Aber es gibt eine »Antidiskriminierungsstelle«.

In mehreren Bundesländern des deutschen Propagandastaates werden derzeit »Antidiskriminierungsstellen« aufgebaut, mit ebendiesem Zweck: Noch enger einschränken, was Deutsche sagen und denken dürfen – und welche Tradition sie pflegen dürfen.
»adi«

Die »Antidiskriminierungsstelle« in Heilbronn kürzt sich selbst »adi.hn« ab (so deren Website, Stand 15.2.2023).

Ich weiß nicht, wie viele und welche Gedanken man in Heilbronn bei der Wahl von »adi« hat einfließen lassen. »Adi« ist die Kosename-Form von »Adolf« (siehe Wikipedia).

Vielleicht wollte jemand seinen Vater oder Großvater damit ehren. Es wäre denkbar! Einer der freundlichsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte, hieß mit Vornamen »Adolf«.

Mit diesem Vornamen hat man ja auch wenig Wahl, als sehr freundlich zu sein. Etwa wie dicke Jugendliche, die extra humorvoll oder intellektuell brillant sein sollten, um so populär wie ihre sportlichen Zeitgenossen zu sein.
Die Maßnahmen

»Adi« in Heilbronn kämpft. Gegen rassistische Krapfen, die ein freundliches, anerkennendes Nicken über Kulturen hinweg wagen. Für einen »Fasching ohne Rassismus« (deren Website).

Ich weiß nicht, ob diesen Gestalten bewusst ist, wie lächerlich und absurd ihr steuerfinanzierter Kampf gegen Würdigung kultureller Verschiedenheit erscheint.

Doch Vorsicht, »adi« scheint reichlich gewieft zu sein – oder einfach nur »versehentlich gerissen«.

Eine Mitarbeiterin von »adi« wird zitiert, sie habe nichts gegen Verkleiden von Fasching. Wenn man sich schon im Fasching »als schwarze Person verkleiden« wolle, doch bitte »ohne verletzende Stereotype«, also »zum Beispiel als erster schwarzer US-Präsident« (swr.de, 15.2.2023). (Nebenbei: Merken diese Figuren wirklich nicht, wie harsch Umschreibungen wie »schwarze Person« klingen?)

Doch Vorsicht, das könnte eine Falle sein! Wenn Sie sich tatsächlich als »schwarze Person« verkleiden, sprich: das Gesicht dunkel schminken, dürfen Sie das nur tun, wenn Sie ihre Karrierepläne nicht höher reichen als über Kanada zu regieren (bbc.com, 19.9.2023). In allen ernsthaften Szenarien nennt man das Schminken als »Mohr« heute aber »Blackfacing« und es ist schlimm doll böse (welt.de, 15.2.2023) – oder etwa nicht?
Ein Spiel

Ja, die Debatte ist lächerlich und absurd. Doch ich sehe auch Zeichen dafür, dass es sich zu entspannen scheint, dass etwas besser wird – und mit »besser« meinen wir: weniger irre.

»Adi« erlebt nach eigener Aussage einen »Shitstorm«. Man scheint zurückzurudern und sich zu verteidigen. Es sei nicht darum gegangen, »etwas zu verbieten«. Man wolle nur »sensibilisieren«.

Der Bäcker aber hat die kostümierten Krapfen nachbestellt und will sie selbstbewusst weiter anbieten.

Und auch jener Karnevalist, der sich als Mohr verkleidet hatte, wird vermutlich die letzten Jahre nicht unterm Stein gelebt haben. Karnevalisten gehören zu den am besten vernetzten Personen ihrer jeweiligen Stadt. Es erscheint mir vorstellbar, dass das »Blackface« und die folgende Entschuldigung mittlerweile ein gesellschaftliches Spiel darstellen.

Sogar die Angestellten von »Adi« scheinen selbst zu ahnen, wie absurd es ist, was sie zu verlangen haben – doch wer weiß, wie schwer es für sie ist, einen sinnvolleren Job zu finden, noch dazu einen mit sicherem Gehalt vom Staat.
Ein Anfang

Albert Camus sagte, dass die Einsicht, wonach das Leben absurd ist, nicht ein Ende sein dürfe, sondern ein Anfang. Alle großen Geister hätten dies zum Startpunkt genommen.

Ja, vielleicht erleben wir wirklich einen Anfang, so zart er auch sein mag. Oder zumindest den Anfang vom Ende politisch korrekten Schwachsinns.

Irrsinn mit Macht ist Despotie. Doch wenn wir dem Irrsinn den Gehorsam verweigern, wird er wieder zu bloßem Irrsinn.

Menschen verweigern dem Irrsinn den Gehorsam, und das ist doch ein Anfang!

Sicher, ein Anfang nach schmerzhaft viel verlorener Zeit und Gelegenheit. Ein Anfang aber doch.

Sicher, die USA liefern sich einen Forschungskrieg um Künstliche Intelligenz (Essay vom 2.4.2019). Irgendwer schickt durchaus irdische Ufos los (Essays vom 14.2.2023 und 13.2.2023). Experten für internationale Politik diskutieren die Wehrpflicht und mögliche Mobilisierung in Europa im Kontext eines denkbaren Großkriegs gegen Russland (foreignpolicy.com, 14.2.2023).

In Deutschland kämpfen die Behörden derweil mit Steuergeld gegen kostümiertes Süßgebäck. Und weil das so wichtig ist, richtet die Politik immer mehr solcher Stellen ein, wenn auch nicht alle sich »adi« nennen werden.

Immerhin sagen immer mehr Menschen denen: Ist jetzt genug. Spielt mit eurer Ideologie, aber spielt ab heute bitte wieder ohne uns. Wir wollen einfach nur leben. Und wir wollen uns am Leben, inklusive all seiner Merkwürdigkeiten, wieder und weiter freuen dürfen.

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