20.12.2022

Langes Leben und seine Strafe

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten
Aus der CDU hört man die Idee, das Rentenalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Na super! Steuern sind eine Strafe für Fleiß und Erfolg, und in Deutschland sind sie auf rekordhoch. Wäre nur konsequent, die Deutschen für gesunde Lebensweise zu bestrafen.
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Wir stellen uns einmal ganz dumm, und wir fragen, was ist der Sinn eines Staates?

Ist der Staat dafür da, Recht und Ordnung herzustellen? Soll der Staat sein Volk schützen? Soll und will er Freiheit und Eigentum der Bürger verteidigen?

Soll er Bildung und Kultur fördern? Soll der Staat gar soziale Gerechtigkeit garantieren oder sich um die Gesundheit der Bürger kümmern?

In der Theorie all das, kein Zweifel. Ob dies in der Praxis auch der Fall ist, das ist natürlich eine andere Frage. 

Das Phänomen

Nehmen wir mal an, ein Mensch weiß nicht, wofür ein Ding da ist. Was kann man tun, wenn auch die Anleitung verloren ging und die Experten weit mehr schwätzen als wissen?

Man kann beobachten, man kann das Ding in die Hand und in Augenschein nehmen.

Die Form des Gegenstandes kann ein Hinweis darauf sein, wie er bedient werden will, was also sein Sinn ist – das klassische Beispiel hierfür ist eine Türklinke.

Wenn das beobachtete Phänomen sich bewegt, dann lässt sich aus der Richtung der Bewegung auf die vermutliche Absicht schließen, und manchmal wird die Absicht erst auf den zweiten Blick klar, womit wir bei aktuellen Meldungen wären!

Kopplung an Lebenserwartung

Die CDU, jene Erfolgspartei, die uns Merkel und das Jahr 2015 brachte, sie hat eine neue Idee. Man arbeitet an einem Reformmodell für das Renteneintrittsalter, welches man an die Lebenserwartung koppeln will.

SPD und CDU wollen ja beide die Rente »reformieren«, und wir ahnen längst, was »Reform« bedeutet.

Bundeskanzler Olaf »Erinnerungslücke« Scholz plädiert dafür, dass mehr Bürger auch gefälligst bis zum eigentlichen Renteneintrittsalter arbeiten. Und die CDU hat bereits Gespräche angeboten für eine große Reform der Rentenversicherung.

Klar, es ist wichtig, dass sie zusammenarbeiten, weil dann ist es bei den Wahlen egal, wer schuld daran war. Scholz also will die Rente mit 63 wieder herunterfahren, beziehungsweise das Alter wieder hochfahren. Und die Partei mit dem »C« im Namen, sie geht noch weiter.

Corona-Erfolgspolitiker und Immobilienbesitzer Jens Spahn hat sich etwas extra Feines ausgedacht. Er will das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung koppeln.

Wir lesen über seine Pläne:

Für jedes Jahr höherer Lebenserwartung sollte der Ruhestand einen Monat später beginnen. (n-tv.de, 20.12.2022)

Mit anderen Worten: Die Deutschen werden dafür bestraft, wenn sie auf ihre Gesundheit achten und länger leben.

Unsere Gemütsverfassung

Wir betrachten es ja inzwischen als selbstverständlich, als Teil unserer nationalen Gemütsverfassung, diesen typisch deutschen Neid gegenüber den Erfolgreichen und Fleißigen.

In anderen Ländern versucht man, erfolgreiche Menschen zu halten, man feiert sie und fördert sie, in Deutschland legt man ihnen hohe Steuern auf, droht mit Enteignung, zündet ihnen das Auto an, und jammert dann darüber, dass immer mehr von Ihnen das Land verlassen (aktuell merkur.de, 20.12.2022).

Wenn die Politik aber ihre Bürger dafür bestrafen will, dass sie länger leben, dann heben wir deutsche Missgunst tatsächlich auf ganz neue Ebenen.

Vor allem: Ich weiß nicht, ob das mit der Lebenserwartung in allen Branchen gleich gerechnet werden kann. Manche Beamte zum Beispiel könnten ohne Leistungseinbußen bis 100 arbeiten, selbst wenn sie mit 80 schon gestorben sind. In anderen Branchen aber, etwa Handwerker oder auf dem Bau, sind die Knochen schon mal Jahre vor dem 63. oder 67. Geburtstag erstmal durch.

Ich sage Ihnen, ich kann die Rentenkassen über Nacht fixen: Die Leute sollen einfach bis 80 arbeiten, besser bis 90, und dann können wir uns an Kanada ein Beispiel nehmen (siehe Essay vom 4.12.2022) und den staatlich finanzierten Suizid nahelegen.

Konkurrenz der Nationen

Was ist der Sinn des Staates?

Wir sehen seine Bewegungsrichtung, und wir schließen daraus auf die Motivation. Und die Motivation mancher Politiker könnte nahelegen, dass es der Sinn des deutschen Staates ist, die Bürger für jeden Erfolg zu bestrafen.

In letzter Zeit höre ich wieder häufiger diese Frage: Wohin sollen wir fliehen?

»Oh, es ist Zeit zum Auswandern!«, so sagte mir letztens einer.

Ich fragte zurück: »Und wohin?«

Er sagte: »Vielleicht sollten wir doch noch mal mit den Außerirdischen reden.«

Meine beste Hoffnung für die Zukunft ist die Konkurrenz der Nationen, der Wettbewerb verschiedener Länder und nationaler Philosophien.

Irgendwie scheinen sich unsere Politiker nur in eigener Sache daran zu erinnern, dass der Mensch nicht nur von Strafe, sondern auch von Belohnung motiviert wird. Und spätestens, wenn sie die Strafe nicht nur für die böse Handlung verhängen, sondern auch für die gute, scheinen diese regierenden Gestalten doch ein nicht-ganz-richtiges Menschenbild zu pflegen.

Ich bin beunruhigt, ja, doch ich glaube nicht, dass irgendetwas, oder: dass allzuviel von den Dingen, die heute beschlossen werden, in 5 oder 10 oder gar 25 Jahren noch sehr relevant sein wird.

Manches von dem, was wir heute erleben, scheint mir mehr wie die Gischt auf dem Meer, wie Wellen, vom Wind hin und her getrieben, während das Eigentliche die Unterströmung ist, die tief unten und für das Auge von oben unsichtbar, die Wassermassen umwühlt.

Zeit für Anerkennung

Einer der klügsten Sätze aller Zeiten lautet: »This too shall pass«, zu Deutsch etwa: »Auch dies wird vorübergehen.«

Man kann es auf doppelte Weise lesen: als Trost in schwierigen Zeiten, aber auch als Ernüchterung in frohen Zeiten.

Was ist der Sinn eines Staates?

Was ist der Sinn dieses Staates?

Wir tun uns heute manchmal mit der Antwort etwas schwer. Aber auch das wird vorübergehen und dann werden wir uns auf andere Weise schwer tun, oder wir werden auf andere Weise froh sein – und vielleicht werden wir dann alle bis 120 leben und bis kurz davor fröhlich arbeiten.

Und auch das wird dann vorübergehen – und ich bin darüber erstaunlich gleichmütig.

Weihnachten steht vor der Tür, und da haben wir reichlich Gelegenheit, uns und unsere Lieben für unsere Leistungen … – für unser bloßes Menschsein zu belohnen.

In diesem Sinne, wann auch immer Sie diesen Beitrag hören oder lesen: Frohe Weihnachten!

Danke, Wegner!

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