13.11.2022

Dein Leben gehört der Rentenkasse

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Foto von Matt Bennett
Ein Ökonom schlägt vor, dass die Deutschen hundert Stunden mehr pro Jahr arbeiten, weil es immer weniger junge Erwerbstätige gibt, aber immer mehr Rentner. Das wird das Problem aber verschärfen! Egal. Dein Leben gehört der Rentenkasse.
man and woman sitting on bench facing sea
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Wir hier, liebe Leser, haben uns nun bald ein halbes Jahrzehnt gemeinsam über Politik aufgeregt. Haben geschimpft, gebangt, geflucht.

Hach, was für kluge, scharfe und doch wohldurchdachte Worte haben wir in Stellung gebracht!

Ein jeder Aufsatz eine stolz erhobene Faust — hilflos gegen den Himmel geschüttelt.

Ein jeder Satz wie ein Peitschenhieb – wie Xerxes, der dereinst das Meer auspeitschen ließ (siehe Herodot).

Wir haben hart daran gearbeitet, Stufe um Stufe die Leiter hinaufzusteigen, von der wir hofften, dass sie uns tiefere Erkenntnis zu den Mechanismen des institutionalisierten Wir verschafft.

Und wenn wir einmal hinaufgestiegen wären, auf dieser Leiter, hofften wir, unsere Mitmenschen nachziehen zu können, und dann könnte man gewiss »etwas verändern«.

Es war eine Illusion, so viel darf man wohl sagen, doch in welcher Hinsicht genau?

Welche Tyrannei?

Wir fühlten, dass wir kämpften, doch wofür oder wogegen kämpften wir?

Wir nahmen detailliert auseinander, was die Politik alles falsch macht, wo sie sich mal widerspricht und wo sie mal offen lügt.

Was aber haben wir verändert?

Der Zyniker in uns sagt: »Wenig – wir haben wenig verändert. Eigentlich nichts.«

Ist es aber wirklich »Zynismus«? Wäre es nicht eher schlichte Bitterkeit, einfacher Glas-halb-leer-Pessimismus, beides in der Sache wohlbegründet?

Nun, auch hier gilt die erste Regel der Juristerei weit über diese hinaus: Es kommt drauf an!

Haben wir etwas an der Politik geändert? – Nun, äußerlich betrachtet womöglich nicht. Demokratie ist eben immer auch die Tocquevillesche Tyrannei der Mehrheit – und im Propagandastaat wäre Demokratie eben die Tyrannei der manipulierten Mehrheit.

Wenn nur etwas Äußerliches zu verändern unser Ziel war, könnte man wenig Belege dafür vorlegen, dass wir nicht gescheitert sind.

Der weise Scharfschütze

Die Philosophen erzählen die Parabel vom »Texanischen Scharfschützen«.

Ich erzähle davon im Essay »Wir sind Scharfschützen, mit Farbe und Pinsel«, hier deshalb nur kurz: Ein Mann besucht ein Dorf in Texas, und sieht überall Zielscheiben mit Einschusslöchern genau in der Mitte. Er sagt sich: »Hier muss der beste Schütze der Welt leben!« – Dann stellt sich heraus: Jemand ballert wild herum, und jeweils nachträglich pinselt er Zielscheiben um die Einschusslöcher.

Im Englischen ist diese Metapher als »Texas Sharpshooter Fallacy« bekannt, und »Fallacy« heißt »Fehlschluss«.

Soll heißen: Es ist unter intellektuell redlichen Menschen zu vermeiden, seine Ziele im Nachhinein (neu) zu definieren, passend zum Ergebnis.

So habe ich es gelernt.

Inzwischen habe ich sehr ernsthafte Zweifel an der universellen Gültigkeit dieser Regel.

Ich sehe Politiker, die alle möglichen Dinge und ihr Gegenteil fordern, und jene politischen Forderungen, welche beim Publikum ankommen, zu ihrem Kernanliegen erklären (und doch etwas ganz anderes tun – es sind ja Politiker).

Ich sehe Unternehmer, die mehrere Dinge ausprobieren, dann die Misserfolge aber abschreiben und nicht weiter erwähnen, sich aber laut und stolz ihrer Erfolge rühmen (und daraus Profite einfahren), und es ist im Prinzip ganz und gar nichts Verwerfliches daran – es ist der wahre, gute Geist des Unternehmertums!

Ich sehe Menschen, die in ihrem »Lebensdesign« verschiedene Dinge probierten, die mehr als einmal auf die Nase fielen, denen in ein oder zwei Angelegenheiten dann aber doch ein Erfolg beschert war, und solche Menschen haben dann alles Recht, laut zu sagen: »Das bin ich, das war immer mein Ziel, ich musste dieses Ziel nur herausarbeiten

Ist es ein Fehlschluss, Ergebnisse im Nachhinein zum Ziel und damit zum Sieg zu erklären? Nun, es kann unehrliche Rhetorik sein – doch in eigener Angelegenheit kann man es gelegentlich auch Weisheit und hohe Lebenskunst nennen.

Unschön und verstörend

Nein, wir haben mit unserem Schimpfen auf die-da-oben vermutlich nicht so viel geändert – gar zum Besseren gedreht – wie wir es uns gewünscht hätten.

Jedoch, meine eigene Selbstbetrachtung und das Gespräch mit Lesern legen nahe, dass wir uns veränderten.

»Ich habe keine Angst mehr«, so sprach ich 2016 mir und uns Mut zu (und immer wieder holen sich Leser den Teddy dazu).

Und tatsächlich haben wir manche Angst abgelegt.

Eine der Ängste aber, die wir ablegten, richtete sich gar nicht unbedingt gegen die äußeren Zensoren und Gefahren. Es war unsere eigene Angst davor, aktuelle Entwicklungen zu Ende zu denken, wenn das absehbare Ziel unschön und verstörend ist.

Wir denken mehr zu Ende (wenn auch nicht alles).

Schuld ist die Demografie

Haben wir wirklich gar keine Angst mehr, zu Ende zu denken?

Nein, wir sind weder Roboter noch Psychopathen geworden – aber weniger Angst habe ich doch.

Ich lese aktuell, dass focus.de, 11.11.2022 titelt: »Deutsche sollen 100 Stunden mehr arbeiten – sonst gerät Wohlstand in Gefahr«, so die Forderung des bekannten Ökononomen Michael Hüther, der wohl immer wieder ein Ohr bei denen da oben findet.

Schuld sei die Demografie, so lesen wir. Sprich: Es gibt immer mehr Rentner und immer weniger Erwerbstätige. Die Deutschen werden im Durchschnitt älter. (Wenn auch die Lebenserwartung zuletzt langsamer gestiegen ist, und Forscher finden das »rätselhaft«, so n-tv.de, 18.10.2022 – hängt das womöglich mit dem Rätsel der Übersterblichkeit zusammen? Rätsel über Rätsel.)

Die Deutschen werden also im Durchschnitt älter, und die jungen Männer, die eben noch am Bahnhof mit Teddybären begrüßt wurden, zahlen wohl auch noch nicht alle und ausreichend in die deutsche Rentenkasse ein – und also sollen die deutschen Arbeitnehmer 100 Stunden mehr pro Jahr arbeiten.

Datenjournalist Matthias Janson schreibt bei Statista:

Die Zahl der Beitragszahler ist in den vergangenen drei Jahrzehnten um rund 20 Prozent gestiegen. Im selben Zeitraum nahm die Zahl der Altersrentner allerdings um 55 Prozent zu. (de.statista.com, 13.9.2022)

Und auch der Fachkräftemangel macht es notwendig, so heißt es heute, dass die vorhandenen Fachkräfte ordentlich ausgewrungen werden. (Auch bezüglich der Fachkräfte ließen sich Fragen stellen, die gemäß UN-Migrationspakt nicht in Mainstream-Medien diskutiert werden sollten.)

Früher hätte ich wahrscheinlich nur diese Meldung betrachtet und mich erzürnt, es damit dann aber bewenden lassen.

Heute versuche ich, keine Angst davor zu haben, die entscheidenden Schritte weiterzudenken.

Verschärfung zur Erleichterung

Nehmen wir an, dass tatsächlich durchgesetzt wird, dass deutsche Arbeitnehmer hundert Stunden mehr pro Jahr arbeiten. Und gehen wir auch davon aus, dass sie dadurch mehr verdienen und Abgaben zahlen können, und nicht bloß inflationsbereinigt dasselbe Gehalt auf mehr Stunden verteilt wird.

Das eigentliche Problem, dass es zu wenig Nachwuchs gibt, wird dadurch nicht gelöst. Ja, es wird verschärft – denn wer bis zur Erschöpfung arbeitet, um die Rentenkassen zu füllen, wie viel Kraft und Motivation hat er, dazu noch Kinder in die Welt zu bringen und aufzuziehen?

Sicher, es gibt diese Menschen, und es wird sie immer geben, doch seien wir ehrlich: Es würden und werden statistisch noch weniger Kinder zur Welt kommen.

Selbst ohne eine Verlängerung der Arbeitszeit würde die demografische Entwicklung weiterlaufen, und die Verlängerung der Arbeitszeit wird sie nur noch beschleunigen.

Was soll dann die Lösung sein? Soll der durchschnittliche Arbeitnehmer noch mehr Stunden pro Woche, Monat und Jahr arbeiten, und noch mehr? Rentenalter auf 75 Jahre anheben? Erklären, dass das Konzept »Rente« einfach nicht mehr funktionieret?

Oder, sollen die Deutschen sich Crystal Meth geben lassen, das man einst »Pervitin« oder »Panzerschokolade« nannte, damit sie eine Zeit lang rund um die Uhr arbeiten können? Und trägt das dann der Arbeitgeber, oder soll man das aus eigener Tasche zahlen?

»Wer nicht 16 Stunden pro Tag arbeitet, ist eine Ratte und ein Rechter!«, so wird es bald in den Abendnachrichten klingen, und: »Der Tod für die Rentenkasse ist ein ehrenvoller Tod.«

Es ist absurd, ein Problem lösen zu wollen, indem man es verschärft.

1962 kamen 5 Beitragszahler auf einen Altersrentner. Aktuell sind es etwa 1,8, und 2030 werden es 1,5 sein (de.statista.com, 13.9.2022) – während gleichzeitig seit Jahren gemeldet wird, dass besonders Hochqualifizierte das Land verlassen (siehe etwa wiwo.de, 24.8.2021), also diejenigen, welche Patente anmelden und Technologien erfinden, die wiederum gutbezahlte Arbeitsplätze generieren.

Auf Stundenbasis

Keine Angst soll mich hindern, es offen auszusprechen: Die Welt, wie wir sie kannten, ist nicht mehr.

Die Forderung, deutsche Arbeiter um hundert Stunden länger arbeiten zu lassen, sieht für mich aus wie der Versuch, das Unausweichliche ein klein wenig aufzuschieben.

Was sollen wir uns raten? Was kann man den Menschen raten?

Wer heute auf Stundenbasis arbeitet, sollte alles in seiner Kraft stehende tun, Qualifikationen zu erwerben, die seinen monetären Wert pro Stunde deutlich in die Höhe bringen. Man wird deinen Lohn relativ drücken wollen, und falls du das nicht akzeptieren willst, jedoch ersetzt werden kannst, wirst du ersetzt werden.

Wer Kinder hat, könnte diese ja anregen, einen Beruf zu wählen, der nach wirtschaftlichem Wert und nicht primär nach abgeleisteten Stunden abgerechnet wird (und wenn doch, pro forma, sollte man den Stundenlohn recht frei festlegen können).

Allen Übrigen wünsche ich Glück und Weisheit – oder dass wir alle uns hier in der Argumentation irren, dass wir einen Faktor übersehen haben, der alle Befürchtungen aufhebt.

Leiterkunde

War es vergebens, diese (eingebildete?) Leiter der Erkenntnis zu den wahren Mechanismen des demokratischen Miteinander hinaufzusteigen?

Ich mag die Metapher von Ludwig Wittgenstein, seine Philosophie sei wie eine Leiter, die man nach erfolgreichem Hinaufsteigen nicht mehr benötige und daher wegstoßen dürfe.

Nein, sie waren nicht (ganz) nutzlos, unsere Debatten um Politik und Parteien. Navigation und Schifffahrt sind ja auch wichtige Themen und ihre Debatte spannend – bis dem Eisberg nicht mehr auszuweichen ist.

Die politischen Debatten selbst können wir bald wie jene philosophischen Leitern wegstoßen. Wir malen eine gedachte Zielscheibe um unseren über die letzten Jahre gewachsenen Mut, Konsequenzen zu Ende zu denken. Wir tun so, als sei es das gewesen, was wir immer wollten.

Wir haben gelernt, einigermaßen angstfrei zu benennen, was uns Angst bereitet. Und als selbstbewusste texanische Scharfschützen in Lebensangelegenheiten dürfen wir für uns selbst erklären, genau dies sei immer unser Ziel gewesen.

Alles wieder gut

Wenn du auf der Titanic sitzt und der Eisberg naht, interessiert dich eher weniger, wer der Offizier ist, wer sein Stellvertreter, und welche Machtspiele sie noch treiben.

Du willst dein Leben in Sicherheit bringen, vielleicht sogar dein Hab und Gut.

Und, da weder Besitz noch Leben ganz sicher sind, ob mit oder ohne Eisberg namens »Demografie«, willst du jede Minute deines Lebens wertschätzen und bewusst leben.

Tue, was du noch tun kannst. Hilf deinen Lieben, zu tun, was sie tun können. Und ansonsten genieße jeden Moment.

Vielleicht irren wir uns!

Vielleicht wissen die Irren ja doch, was sie tun.

Vielleicht sind unsere Befürchtungen sämtlich unbegründet, und wenn wir nur hundert Stunden mehr pro Jahr arbeiten, wird alles wieder gut.

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