10.07.2022

Ob man Mitleid fühlen soll

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten
Wenn linke Journalisten von linken Schlägern verprügelt werden, haben wir mit Mitleid und Anteilnahme zu reagieren. Wie würden DIE eigentlich reagieren, wenn etwa ein AfD-Mitglied, warum auch immer, von Rechten verprügelt würde?
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Sehr geehrte Damen und Herren, vor zwei Jahren verprügelten linke Schläger einige Leute vom Staatsfunk. Konkret von der sogenannten »Satire-Sendung« »Heute-Show«.

Letzte Woche hat die Polizei die Ermittlungen abgeschlossen (welt.de, 9.7.2022).

Yep, es war ein linker Hinterhalt. Und einige der Opfer leiden bis heute. Wir wünschen, dass die Verletzten bald ganz gesund werden.

Die Täter wirkten wie »Zombies«, so sagten die Opfer. Man könnte auch sagen: wie »Non Player Characters«.

Die »Heute-Show« ist so ein bisschen der ältere, aber langsamere Bruder des »Hasspredigers« Böhmermann. Routiniert verbreitet man Häme über abweichende Meinungen. Man macht sich über behinderte Politiker der Opposition lustig (siehe etwa steinhoefel.com, 5.2.2018). Satire vom Staatsfunk eben.

Es ist derart unlustige Comedy, dass sogar ein Niggemeier es merkt. – Zitat: »Der Begriff ›Satire-Sendung‹ für die ›Heute-Show‹ ist einigermaßen irreführend. Größere Teile sind schlichte Comedy für Leute, die die Witze von Mario Barth mögen, aber nicht Mario Barth« (uebermedien.de, 6.2.2018).

Am 1. Mai 2020 nun filmten die Heute-Show-Spezis am Rande einer »Hygiene-Demo« in Berlin.

Nein, das war keine Demo der Antifa, die nach jahrzehntelanger Entsagung nun endlich Wasser und Seife forderten. Das war eine Demo gegen die Übergriffigkeit der Regierung im Namen des Corona-Virus.

Die Heute-Show-Staatsfunker trollten sich irgendwann, doch sie trollten sich durch eine von der Antifa besetzte Zone. Und prompt wurden sie verprügelt – offenbar von Linken. Es brauchte über zwei Jahre, bis das von der Polizei ganz offiziell so gesehen wurde.

»Woher diese Gewalt?«, fragte damals die ganz erschütterte TAZ (taz.de, 8.5.2020). Sind diese Journalisten wirklich so kindlich naiv? Kennen die wirklich ihre Leserschaft nicht?

Wenn ich linke Politiker zitieren darf: »Gewalt ist schlecht, egal von welcher Seite.« – Anders als linke Politiker meine ich das auch.

Uns stellten sich damals wie heute moralische Fragen, wie wir reagieren sollen. Wenn Linke, bildlich gesprochen, die Hand beißen, welche sie mit Propaganda füttert, wie reagieren wir?

Beklagen wir mitleidig den Gebissenen? Oder lachen wir den Kerl mit der nun blutigen Hand aus?

Ich bin kein Linker. Das könnte sich ändern, wenn ich unter Linke gerate und die mir gegen den Kopf treten, bis ich blöd werde, sie mir also quasi »das Hirn auf links ziehen«.

Da ich aber kein Linker bin, spreche ich einem Menschen nicht das Menschsein ab, nur weil er die Ereignisse anders deutet als ich. Doch ich spreche ihm auch nicht die Verantwortung ab. Jedoch, wir diskutieren hier theoretisch, philosophisch.

Weil jeder Mensch für seine Taten verantwortlich ist, könnte ich lachen wollen, wenn einer zu Schaden kommt, weil er seiner Verantwortung nicht nachkam. Das ist ein echtes moralisches Dilemma. Da wurden echte Menschen echt verletzt!

Es beginnt ja schon im Kleinen, im Freundes- und Kollegenkreis: Wie viel Mitgefühl und Unterstützung lassen wir Menschen zukommen, die offenbar der deutschen Propaganda glaubten und zu Schaden kamen?

Bürger, die gehirngewaschen wurden, bis sie glaubten, dass ein »Rassist« oder ein »Schwurbler« genannt zu werden schlimmer sei als der Tod. Und als sie dann tatsächlich tot waren, hatten sie keine Gelegenheit mehr, diese Bewertung kritisch zu überprüfen.

Und doch: Ich versuche, auch dann Mitgefühl für die Opfer der Propaganda zu entwickeln, wenn sie zuvor Andersdenkende wie mich übel beschimpft, beleidigt und verletzt haben.

Wie ist es aber mit Funktionsträgern und Politikern? Letztens las ich von einem Arzt und zwei regionalen Politikgrößen. Alle drei waren jeweils ungefähr so alt wie ich. Aber alle drei sehr aggressiv in einer bestimmten Angelegenheit unterwegs. Und dann: Alle drei tot, plötzlich und unerwartet.

Wie viel Mitleid bringe ich auf? Nun, für die Familien tut es mir sehr leid. Und für die Betroffenen auch, mindestens insofern, als sie keine Gelegenheit zur Neuabwägung mehr haben. Aber gut, das haben manche Menschen in deren Wirkungskreis auch nicht. Ich weiß es nicht.

Wie verhält es sich nun mit linken Staatsfunkern, mit den Mitarbeitern der Propaganda selbst? Wie viel Mitleid bringe ich auf, wie viel Sympathie über die Verurteilung der Gewalt hinaus?

Wenn Linke von Linken ins Krankenhaus geprügelt werden, müssen wir, als Nicht-Linke, uns dann Mitgefühl abringen?

Ich habe gegrübelt. Was hätte ein Konfuzius dazu gesagt, ein Yoda, ein Salomon?

Ich bin für mich zu diesem Schluss gekommen: Wenn linke Staatsfunker von linken Schlägern vermöbelt werden, sollten wir durchaus Mitgefühl und Anteilnahme aufbringen. Die Staatsfunker würden ja auch echtes Mitgefühl zeigen und von aller Häme fernbleiben, wenn ein konservativer Blogger oder ein AfD-Politiker von rechten Schlägern verprügelt worden wäre.

Danke, Wegner!

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