21.4.2020

Wir Ameisen im Möbiusband

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Mark Boss
Elf Monate kämpfte Rentner Detlef J., halb blind und zum Pflegefall geprügelt, wollte ins Leben zurück. Vergeblich. – Für ihn wird es keine Sondersendungen geben, für seine Familie keine Entschuldigung der Kanzlerin. Sind bestimmte Opfer weniger wichtig?
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Nehmen wir einen Streifen aus Papier, und zerschneiden wir diesen Streifen (oder kleben wir ihn gar nicht erst zusammen). Drehen wir eines der beiden Enden des Streifens einmal um, und dann kleben wir den Streifen neu zusammen.

(Hinweis: Wenn Sie mögen, lese ich Ihnen persönlich die Einleitung und einige Passagen aus diesem Essay vor, zum Beispiel auf YouTube, via Spotify und über die übrigen Podcast-Kanäle.)

Es ergibt sich: ein Möbiusband (siehe Wikipedia). – Das Möbiusband ist nach August Ferdinand Möbius benannt (siehe Wikipedia), einem Mathematiker und Astronom, der von 1790 bis 1868 lebte und an der Universität Leipzig lehrte. Das Möbiusband ist eine ganz besondere geometrische Form: Es hat nur eine Kante und nur eine Seite. Wenn Sie an einem beliebigen Punkt des Bandes ihren Weg beginnen, ob mit Gedanken oder Ihren Fingerkuppen, und wenn Sie das Band derart abgehen, dann können Sie alle, wirklich alle Punkte des Bandes abgehen, ohne einmal eine Kante überschreiten zu müssen.

Das Möbiusband ist als Symbol der ewigen Wiederkehr deutbar, wie wir sie etwa aus asiatischen Philosophien kennen.

Manche Dinge sind heute, im Jahr 2020, tatsächlich vollständig neu – etwa ein negativer Ölpreis, weil in Folge des Corona-Pandemie-Lockdowns die Lager voll sind (bbc.com, 21.4.2020). Andere Dinge aber fühlen sich an wie die ewige Wiederkehr, ein Wieder-und-Wieder, das ewige Möbiusband.

Auch nur die Pflegekosten

In der Einleitung zum Text »Lernt lächeln, sonst werdet ihr am Irrsinn irre!« schrieb ich:

Ein Rentner wird zum Pflegefall geprügelt. Halbblind und künstlich ernährt kann er die Pflege nicht bezahlen. Wo bleiben Staatsfunk-Promis und Gutmenschen, die sich sonst so moralisch geben? (Essay vom 22.8.2019)

Im Text vom August 2019 dann:

Rentner Detlef J., der von einem somalischen Flüchtling halb tot geschlagen wurde (siehe etwa »Sicherheit gegen Klimamaßnahmen – wäre das ein Deal?«), ist auf einem Auge blind und sein Schluckmuskel ist beschädigt. Ihm wurde eine Magensonde eingepflanzt. Seine Söhne sollen nun eine Pflegeeinrichtung suchen – seine Pflege wird tausende Euro kosten, deutlich mehr als die Pflegeversicherung zahlt (siehe bild.de, 22.8.2019). Mir ist nicht bekannt, dass ein Staatsfunker schon zu Spendenaktionen aufgerufen hätte. (Essay vom 22.8.2019)

Die »Story« – die Maßeinheiten unserer Weltwahrnehmung sind ja »Stories« – die Story also hinter dem Fall des Rentners Detlef J. ist so grausam wie sie schnell erzählt ist.

Als der Rentner auf dem Weg von einem Kniffelspiel nach Hause war, attackierte ihn »Flüchtling Ali M. (25)«.

Detlef J. wurde zum Pflegefall, halb blind, seine Söhne mussten schauen, wie sie auch nur die Pflegekosten bezahlen. Man stellen sich vor, der Täter hätte Detlef geheißen und das Opfer Ali – wir ahnen, dass die Söhne von Ali nicht auf Aufbringen der Pflegekosten kämpfen würden, oh nein.

Wäre es andersherum gewesen, würde es Sondersendungen und Parlamentssitzungen geben, aber es war nicht andersherum. Der Fall Detlef J. interessierte nicht – nicht den verfluchten Staatsfunk, nicht die zynische Politikmaschine, gewiss nicht all die Funktionäre, Moralverscherbler und Migrationsgewinnler. Der zum Krüppel geprügelte Rentner war nur einer jener Späne, die eben so fallen im irren Wahn radikaler Globalisten. Detlef J. fand sich weit unten wieder auf dem, was Martin Lichtmesz »Die Hierarchie der Opfer« nennt.

Nun müssen wir leider erfahren: Rentner Detlef J. ist im Alter von 76 Jahren nach 11 Monaten tapferem Kampf um sein Leben verstorben (bild.de, 20.4.2020, hinter Bezahlmauer).

Wir Ameisen im Möbiusband

Der Rentner Detlef J. ist nicht der einzige Bürger, der in den letzten Jahren grundlos starb. Es gab noch weitere Fälle, aus verschiedenen Gruppen der Bevölkerung. (Man denkt etwa an jenen Rentner aus Wittenberg, dem die Kehle im Schlaf von einem jungen Flüchtling aus Afghanistan aufgeschnitten wurde, ndr.de, 21.4.2020.)

Detlef J. gehörte zu jener Gruppe der Bevölkerung, für die sich der Berliner Hofstaat nicht interessiert – ihn dafür umso gründlicher ausnimmt. Wenn der Politiker einer Regierungspartei am Hals gekratzt wird, dann sendet der Staatsfunk tagelang Sondersendungen. Wenn aber Rentner Detlef von Flüchtling Ali verprügelt wird und schließlich stirbt, dann ist es höchstens die hilflose Wut der Bürger, welche die Politik beschäftigen – gegen die man mit Diffamierung, Propaganda, dubiosen »Aktionstagen« und Verschärfung der Zensurgesetze vorgeht.

Für Detlef J. wird es keine Sondersendungen geben. Die Zerstörerin wird seine Söhne nicht um Entschuldigung bitten. Ein ganzes Jahr brauchte sie, um den Breitscheidplatz zu besuchen, siehe »Würden Sie für Merkel sterben?«, wo sie dann Bratwurst begutachtete und für Selfies grinste. Eine anständige Kanzlerin wäre zurückgetreten und würde in der Kirche ihres Gottes, so sie einen hat, um Vergebung bitten. Diese Kanzlerin wird sich wahrscheinlich eine fünfte Amtszeit von Gnaden des Staatsfunks gönnen (siehe »Kanzlerin, so lange sie will«), der China-Virus macht es möglich.

Es ist wichtig, um ein menschlicher Mensch zu bleiben, sich innerlich vom Zynismus der Zeiten loszusagen, bevor die Kälte der Kalten einem das eigene Herz erfrieren lässt.

Die dreisten Fratzen

Wer sich nur oberflächlich und kurz mit der »ewigen Wiederkehr« in asiatischer Philosophie beschäftigt, der könnte in der ewigen Wiederkehr etwas Positives sehen, eine ewige zweite Chance – es ist nicht ganz richtig.

Die ewige Wiederkehr, welche im Buddhismus Samsara heißt, ist keinesfalls zu feiern – es ist eher ein höllenartiger Zustand.

Asiatische Religionen sind vielfältig, auch der Buddhismus, doch eine der Lehrschulen könnte sagen: »Es braucht keine Erzählung von einer Hölle – die Hölle ist das hier, diese Welt, die ewige Wiederholung!«

(Randnotiz: Es gibt durchaus auch eigene Höllen im Buddhismus. Die tiefste der Höllen des Buddhismus heißt »Avīci«. Der 2018 verstorbene Musiker Avicii hatte sich nach dieser Hölle benannt; ich habe über ihn im Text »Weckt mich auf, wenn alles vorbei ist« geschrieben. In die tiefste Hölle der Buddhisten gelangen unter anderem jene, die absichtlich Vater oder Mutter töten. Sollten nicht auch jene hinein, Politiker etwa, deren zynisches Handeln dazu führt, dass der Vater, Mutter, Sohn oder Tochter eines anderen Menschen getötet werden? In Dantes letzter, neunter Hölle harren die Verräter aus, die Verräter an ihren Verwandten, die politischen Verräter und die Verräter an Gott selbst mit Luzifer als ihrem Obersten; siehe »Der Verrat und die Kreise der Hölle«. Die Gäste jener beiden Höllen, so ist anzunehmen, würden sich verstehen – höllenübergreifend.)

Verzweiflung ist kreisförmig, die Hölle ist ein Kreis, das Leben unter Dummheit, Staatsfunk und gutmenschlichem Fanatismus ist ein Kreis – wenn man nicht ausbricht, und sei es innerlich. Die Hoffnung hat ein Ziel, die Hoffnung setzt auf der Möglichkeit an, aus der ewigen Wiederkehr auszubrechen!

Die »Erlösung« – besser: Erleuchtung – des Buddhismus ist ähnlich zielgerichtet wie die Teleologie westlicher Weisheitslehren, und beide haben sie gemeinsam, dass sie einen Zustand ohne Leid anstreben, die einen den Himmel, die anderen das Nirvana, beides Zielzustände. Die einen wollen das Leid aufheben, die anderen wollen sich davon lösen und es überwinden, doch dass es wünschenswert wäre und also anzustreben ist, zuletzt ohne Leid zu sein, darin sind wir uns einig.

Eine ewige Wiederkehr ist nicht erstrebenswert. Das Möbiusband ist kein glücklicher Ort. Wir sind Ameisen auf dem Möbiusband, laufen hektisch in der vergeblichen Hoffnung, dass wenn wir nur schnell genug laufen, dass wenn wir nur stark genug hoffen, wir woanders ankommen.

Der Tod von Detlef J. fühlt sich an wie Wiederkehr der immer ähnlichen Meldungen. Ich sehe vor mir den verzweifelten Blick der Söhne. Ich sehe den traurigen Blick des Rentners im geschundenen Gesicht. Ich sehe die dreisten Fratzen der Politiker, welche sich in Moral baden und doch dreckig wie ein Abflussrohr sind, wenn auch nicht halb so nützlich.

Die nächsten und übernächsten Schritte

Das Leben auf dem Möbiusband ist ein Gefängnis. Gibt es ein Entkommen?

Wir meinen, dass wir aus freien Stücken im Kreis laufen, dass wir uns dies aus freien Stücken antun lassen, doch es ist nur halb richtig.

Kurz vor Weihnachten 2019 schrieb ich:

Mächte mit tiefen Taschen führen die Masse am Nasenring gefühlter Wahrheit durch die Manege, sitzen breit und fett auf den Rängen, schlürfen prickelnde Subventionen und lachen. (Essay vom 19.12.2019)

Man könnte präzisieren: Wir lassen uns am Nasenring unserer niederen Instinkte durch die Manege führen, an unserer Angst vorm Aufmucken, an unserer Trägheit, an der vielleicht richtigen und vielleicht doch falschen Annahme, die nächsten und übernächsten Schritte seien schon geschrieben.

Ein Möbiusband wird durch Zusammenkleben gebastelt. Ein Möbiusband wird unterbrochen, indem wir es zerschneiden.

Ich wünsche der Familie, ganz besonders den Söhnen des Rentners Detlef J. die Kraft, abzuschließen und neu zu beginnen, an ihrer Trauer und ihrer berechtigten Wut auf ein ungerechtes System nicht zu zerbrechen.

Haben wir Menschen die Kraft, den ewigen Kreislauf, die ewige Wiederkehr des Leids zu unterbrechen? Hat Deutschland diese Kraft? Wenn wir wollen, wenn wir genug an der Zahl sind und wenn wir klug genug sind, dann ja – sonst… wird es eng.

Bis wir gemeinsam klug sind – oder falls wir es nicht bis dorthin schaffen – bleibt uns wenig anderes übrig, als selbst klug zu werden, selbst und persönlich das »unendliche Band« zu zerschneiden und ein besseres Ziel anzustreben.

Das Land dreht sich wie auf einem ewigen Band um sich selbst, doch das ist noch kein Grund, dass wir als Einzelne es auch so tun müssten.

Es gilt, auch weiterhin: Trauert mit den Trauernden. Sprecht den Lebenden neuen Mut zu. Ordnet eure Kreise!

Die ewige Wiederkehr ist unser Schicksal, kein Zweifel, doch sie muss nicht unser Schicksal bleiben.

Es kann besser werden – es liegt an uns, ob es besser wird.

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