24.11.2021

Nochnicht, Nichtmehr

von Dushan Wegner, Lesezeit 2 Minuten
Der Mensch ist ein Dazwischenwesen, zerrissen zwischen der Sehnsucht nach dem Schönen, das NOCH NICHT der Fall ist, und der Wehmut nach dem Schönen, das NICHT MEHR der Fall ist.
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Der Mensch ist ein Dazwischenwesen. Die Risslinien unserer Zerrissenheit nennen wir Charakter. Die Spuren des Zerrissenseins verzieren die Seele und schmücken das Gesicht, wie die Dehnstreifen den Bauch der Schwangeren.

Ein Dazwischenwesen bist du. Zerrissen bist du. Zerrissen zwischen Nochnicht und Nichtmehr.

Zwei Hauptgefühle kenne ich zu Nochnicht und Nichtmehr. Im Nochnicht bin ich die Sehnsucht. Im Nichtmehr bin ich die Wehmut.

Dein Leben ist ein Dazwischenleben, auf vielen Ebenen zerrissen. Auf manchen Ebenen bist du die Sehnsucht. Auf anderen Ebenen bist du die Wehmut. Auf wieder anderen Ebenen bist du weder Sehnsucht noch Wehmut, und es ist deinem inneren Richter überlassen, ob du jene Ebenen deinen Gleichmut nennst oder bloß die übliche Apathie des Verlorenen.

Du spürst Sehnsucht, und das ist der Schmerz des Nochnicht: Noch ist nicht der Fall, wonach es dich sehnt.

Du spürst Wehmut, und das ist der Schmerz des Nichtmehr: Es ist nicht mehr der Fall, was doch so schön war.

»Erkenne dich selbst«, so mahnen die Griechen, noch immer, und noch immer täglich, und ich will es heute wieder neu formulieren: Erforsche, wo du Sehnsucht spürst. Gestehe dir, wo du Wehmut spürst. Und verstehe, dass zwischen Nochnicht und Nichtmehr das Leben und des Lebens Werden liegt.

Die Schwangere hofft, dass sie das Gebären überlebt, und wenn sie es überlebt, ist sie dankbar, doch auch zu Tränen traurig, dass es vorbei ist.

»Gebierst du?«, so fragt sich neun Monate lang die Schwangere – oder viele Jahre zuvor schon – und immer ist die Antwort: »Noch nicht«, und dann für kurze Zeit hat sie keine Zeit, diese Frage zu stellen – und danach heißt es lange, und irgendwann für den Rest ihrer Zeit: Nicht mehr.

Sei dankbar für die Sehnsucht, denn solange du etwas spürst, wonach du dich zu sehnen vermagst, solange könntest du dir eine Hoffnung erarbeiten.

Sei dankbar für deine Wehmut, denn die Momente, die Wehmut rechtfertigen, das ist eine Währung der ganz großen Buchhaltung.

Sei dankbar für deine Zerrissenheit.

Sei nicht traurig, dass dein Leben zerfurcht ist, sei nicht traurig über deinen Charakter.

Sei dankbar, dass du bis hierhin überlebt hast.

Weiterschreiben, Wegner!

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