08.10.2022

Perpetuum mobile der Meinung

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Marissa Daeger
Medien predigen der erschöpften Masse, dass die AfD der eigentliche Gegner sei – und »rechtsextrem«. Dann bestellen sie Umfragen, in denen die Masse sagt, was sie sagen soll – und das wird wieder zur Nachricht. Ein Perpetuum mobile der Meinung.
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Ein Perpetuum mobile ist eine Maschine, die endlos läuft, ganz ohne Energie von außen, indem sie die produzierte Energie nutzt, um sich selbst zu betreiben.

Als Beispiel für ein Perpetuum mobile können wir uns beispielsweise eine Wassermühle denken, die das Wasser, von welchem sie betrieben wird, wieder in die Höhe hebt, um dann von genau diesem Wasser betrieben zu werden, immer weiter, für alle Zeiten, rund und rund und rundherum im Kreis. (siehe Wikipedia)

Wo wir aber von Angelegenheiten reden, die sich um sich selbst drehen, wären wir wohl bei den Nachrichten des Tages!

»Ihr meint das selbst!«

Laut einer aktuellen Umfrage von Civey im Auftrag des Spiegel-Magazins sind 68 % der Befragten der Meinung, dass die AfD »rechtsextrem« sei.

Der Spiegel berichtet es stolz, und stellt ein Foto von Björn Höcke über den Artikel (spiegel.de, 7.10.2022). Um unmissverständlich deutlich zu machen, dass es sich bei diesem Artikel um Propaganda handelt, wählt man ein Foto, bei welchem dem politischen Gegner der Mund offen steht (Stand 8.10.2022, 12:00).

spiegel.de zählt zu den am häufigsten besuchten Nachrichten-Websites in Deutschland – Platz 1 laut br.de, 28.12.2021.

(Randnotiz: Die Staatsfunker liefern bei br.de, 28.12.2021 auch eine Liste alternativer Medien, die im Propaganda-Staat natürlich »Desinformation« heißen müssen, und sagen, wie schlimm sie sind. Wer auch immer jenen Staatsfunk-Artikel zusammenstellte, er erinnert mich an die Praxis in Diktaturen, Wahrheit und abweichende Meinung zu berichten, indem man sie zitiert, und dann sagt, wie schlimm und falsch sie sind – dadurch sie aber immerhin transportierte. Ich vertrete ja die Theorie, dass Descartes es in den Meditationen ähnlich tat. – Okay, Ende der Randnotiz.)

Wenn die vielen Leser von Spiegel Online also lesen, dass eine Mehrheit der Meinung sei, dass die AfD »rechtsextrem« sei, dann wird die Mehrheit eben tun, was die Mehrheit tut – sie wird der Mehrheit folgen.

Wie kommt es aber dazu, dass die Mehrheit der Meinung sei, dass die AfD »rechtsextrem« sei? Hat die Mehrheit selbst die Wahlprogramme und die Positionen studiert? Hat die Mehrheit sich mit einem ausreichenden Querschnitt an Politikern unterhalten, um zu diesem Urteil zu gelangen?

Nun, wenn wir schon von Zahlen reden, lassen Sie mich eine weitere Zahl notieren: Wenn ich aktuell (8.10.2022) auf spiegel.de nach »AfD« und »rechtsextrem« suche, finde ich 324 Fundstellen, inklusive obigen Textes.

Was der Spiegel tut, ist schlicht der Versuch, einen sich selbst verstärkenden Kreislauf der Meinungen anzustoßen.

Wir kennen das Konzept der »selbst erfüllenden Prophetie«. Im Propagandastaat erleben wir aber den »selbst erfüllenden Journalismus«: Journalismus, der etwas berichtet, nicht weil es der Fall ist, sondern damit es der Fall sei. (Der Spiegel lernte aus dem Fall Relotius, dass man es als Verlag insgesamt überlebt – auch Bill Gates hat meines Wissens seine zweieinhalb Millionen Dollar nicht zurückverlangt.)

Man sagt der erschöpften Masse auf Dauerschleife, dass die AfD »rechtsextrem« sei. Man bedroht die Andersdenkenden – bis die meisten von ihnen zu schweigen lernen – oder in Umfragen eben sagen, was sie sagen sollen. Und schließlich fragt man die erschöpfte Masse, wer der Feind sei – und wenn sie nun endlich sagt, was sie sagen soll, dann macht man eine Nachricht draus, und man kann der Masse sagen: »Seht ihr, ihr meint das selbst!«

»Danke, das …!«

In Propagandastaaten wie Deutschland oder Kanada beobachten wir seit Jahren diesen sich (scheinbar?) selbst verstärkenden Kreislauf.

Die Propaganda verkündet eine bestimmte Meinung als die einzig moralisch zulässige. Diese einzig zulässige Meinung wird über alle Kanäle verbreitet.

Als Nebeneffekt künstlich geschürter Krisen und jahrzehntelanger Vorarbeit in Schulen und Medien verfügt ein Mehrteil der Bevölkerung nicht über die notwendige Resilienz, um die verkündete Einheitsmeinung zu prüfen. Was hofft man denn zu gewinnen?

Gib der erschöpften Masse einen Feind, dann fragt sie nicht »Warum soll dieser unser Feind sein?«, sondern sie ruft: »Danke, dass du uns einen Feind gibst!«

Fake-Energiequellen

Die Medien des Propagandastaates und von Dauerkrise erschöpfte Masse scheinen ein »Perpetuum mobile der Meinung« zu bilden. Man gibt der Masse eine Meinung vor, die Masse adaptiert sie irgendwann, und dann applaudiert sie, wenn ihr genau diese Meinung vorgegeben wird, und so läuft dieser Mechanismus scheinbar von allein.

Das klitzekleine Problemchen mit dem Perpetuum mobile ist leider nur, dass es schlicht nicht möglich ist, denn es verstößt bekanntermaßen gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Es kann kein Perpetuum mobile geben, und eventuelle Meinungs-Kreisläufe (siehe Wikipedia), die zuerst im Interesse der Meinungsmacher sind, verstoßen gegen grundlegende Gesetze der Natur von Nachrichten.

Alle Perpetuum mobiles sind fake. Beim Prozess selbst geht immer etwas Energie verloren (zumindest auf der Erde), etwa an die Reibung. Theoretische Perpetuum mobiles enthalten einen Denkfehler, praktische Perpetuum mobiles enthalten eine heimliche (oder übersehene) Energiequelle.

Das Perpetuum mobile der Meinung im Propagandastaat ist natürlich ebenso fake. Natürlich gibt es eine »Energiequelle« – oder viele.

Schlimm böse

Die »Energie« einer Nachricht oder publizierten Meinung besteht darin, dass das zugrundeliegende Ereignis relevante Strukturen stärkt oder schwächt, und zwar auf eine Weise, die das Publikum fühlt.

Hätte ein solches scheinbares Perpetuum mobile tatsächlich eine eigene Kraft, dann müsste es nicht unablässig von außen – und teils sogar aus dem Ausland – mit hunderten Millionen an Propaganda-Geldern und einem milliardenschweren Staatsfunk befeuert werden.

Nach vielen Jahren an Propaganda und unter Einsatz von vermutlich Milliarden Euro entsprechender Ausgaben sind 68 % der Wähler der Meinung, dass die Opposition schlimm böse ist.

Weil es komfortabler ist

Dieser Essay ist, liebe Leser, tatsächlich kein politischer Text. Mein Verhältnis zu Parteien ähnelt dem zur Religion: Ich kenne mich ganz gut damit aus, ich lerne von ihnen über Menschsein und Gesellschaft, und doch bin ich Atheist.

Ich lese und kommentiere Nachrichten nicht mehr, um etwas zu verändern, sondern um selbst daran zu wachsen.

Die simple Frage ist: Wenn die Medien die Gesellschaft dazu bringen, zu 68 % derselben Einheitsmeinung zu sein, wirst du dich anschließen, allein weil es komfortabler ist?

Es geht mir hier nicht um diese oder jene Partei. Es geht mir um mich – und damit um jeden Leser, der sich selbst prüft und mit ähnlichen Fragen beschäftigt.

Wenn die Medien ihr nächstes Fake-Perpetuum-mobile anstoßen, wirst du willig mitmachen und zum Teil der Maschine werden – oder wirst du dich erstmal aus der Meinungs-Maschine rausnehmen, schon aus Prinzip?

Weitermachen, Wegner!

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