Dushan-Wegner

08.02.2023

Haltet sie mit Quatschdebatten beschäftigt!

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Wo ist es so schön wie in Köln?
Gendern, politische Korrektheit und andere Sprachgebote sind ein Angriff auf den gesunden Menschenverstand. Doch sie sind mehr! Debatten um Bullshit-Themen halten das Gehirn in Geiselhaft, stehlen Lebenszeit und damit Leben – ganz ohne »Gewalt«.
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Wenn ich einen Nagel in die Wand einschlagen muss, debattiere ich erstmal mit mir, welchen Hammer ich nutze. Welcher Nagel geeigneter ist. Ob ich den Putz nicht beschädige, und ob ich Gips habe, falls ich es doch tue.

Ich decke den Boden ab und stelle den Staubsauger bereit. Für den Fall, dass ich mir wieder auf den Daumen hauen sollte, prüfe ich die schnelle Verfügbarkeit der Erste-Hilfe-Tasche. (Als ob Pflaster gegen zerschlagene Daumenknochen helfen könnten.)

Dann ist es so weit.

Mit der zitternden linken Hand halte ich den Nagel an die Wand. Mit seiner Spitze exakt in die Mitte des Bleistiftkreuzes, dessen Lage ich zuvor mit Wasserwaage, GPS und den Ratschlägen eines sternkundigen Schamanen ausgependelt hatte.

In der rechten Hand schwinge ich den Hammer zurück, den ich eigens für diesen Zweck gekauft hatte, weil nur dieser das zu Nagel und Wand passende Gewicht aufweist.

Werde ich endlich zuschlagen? Werde ich den spitzen Stahlstift in Putz und Mauerwerk treiben, wie es wohl seit seiner Schöpfung sein Ziel und Zweck war?

Was dann?

Man könnte ja meinen, dass es der Einsatz von Werkzeugen ist, der den Menschen von seinen tierischen Vorfahren unterscheidet.

Jedoch, auch Affen oder Krähen wurden beobachtet, wie sie Stöcke und Steine als Werkzeuge einsetzen.

Man könnte also einschränken wollen, dass Symbole das Werkzeug sind, das der Mensch benutzt, das Tier aber nicht.

Wir beobachten aber, dass Bienen sich mit einer Tanzsprache zu verständigen wissen, sprich: getanzten Symbolen, welche die Lage von Futterquellen symbolisieren.

Doch wenn Tiere ebenfalls über Werkzeuge verfügen und wenn einige Tiere sogar mit Symbolen hantieren können, was unterscheidet uns dann – prinzipiell?

Wie viele Ebenen?

Menschen tragen in ihren Schädeln weit größere Gehirne als Bienen, Krähen oder Affen es tun. Und während die Gehirnleistung und die Energieversorgung des Gehirns (siehe etwa spektrum.de, 1.9.1995) allein nicht den entscheidenden »philosophischen« Unterschied ausmacht, so begünstigt sie diesen wohl.

Kommunikation, sei es die Worte des Menschen oder die Tanzsprache der Bienen, ist ein Werkzeug für den Umgang mit der Welt. Kommunikation dient der Koordination und dem Lernen aus den Erfahrungen ihrer Kommunikationspartner. Und all das tun auch einige Tiere.

Soweit mir bekannt ist, besitzt aber nur der Mensch die Fähigkeit und den natürlichen Drang, über seine Werkzeuge nachzudenken, also »Meta-Werkzeuge« zu entwickeln. Schrift etwa ist ein Meta-Werkzeug. Schreibmaschinen waren ein Meta-Meta-Werkzeug. Die Fabrikmaschinen, mit denen man Schreibmaschinen herstellte, waren Meta-Meta-Meta-Werkzeuge, und so weiter. (Wie viele Ebenen von »Meta« in Computern deutbar sind, das wage ich gar nicht zu sagen, deshalb bringe ich das Beispiel mit den Schreibmaschinen!)

Sinnvolle Vokabulare

Ob die Beziehung zweier Menschen, die Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft oder sogar die Beziehung eines Menschen zu sich selbst: Es genügt nicht, zu kommunizieren, auch die Regeln der Kommunikation müssen verhandelt und immer wieder neu an der Realität ausgerichtet werden.

Menschen und Gesellschaften, die sich nicht über ihre Kommunikation verständigen, werden eine Zeit lang aneinander vorbei reden, und dann sich irgendwann zerstreiten oder einander zu ignorieren lernen.

Und, extra gefährlich: Wer sich nicht über seine Sprache verständigen kann, wird sich bald in Krisenfällen ebenfalls nicht verständigen.

Das Verständigen über Sprache ist aber Grundlage kreativer Leistung und der Wissenschaft. Es hat seinen guten Grund, warum Fachrichtungen ein eigenes Fachvokabular entwickeln – und warum dieses Fachvokabular kontinuierlich weiterentwickelt wird.

Bitte nicht nutzlos

Mit etwas Übertreibung gewürzt erzählte ich davon, wie ich mich auf das Einschlagen eines Nagels vorbereite.

Ich brach die halb-fiktive Einleitung kurz vorm eigentlichen Draufschlagen auf den Nagel ab.

Es wäre denkbar, dass ich eben doch nicht den ersten Schlag setze! Ich könnte etwa überlegen, ob ich nicht lieber Schraube und Dübel verwenden will, dann würde die »Meta-Arbeit« von Neuem beginnen – und die ist eben nicht die Arbeit selbst!

Es könnte sogar passieren, dass ich nie zum Versenken des Nagels in die Wand komme, weil ich so sehr mit dem »Meta« beschäftigt bin. Dann aber ist meine »Meta-Arbeit« genauso nutzlos, wie wenn ich gar nichts getan hätte.

Wenn die »Meta-Arbeit« tatsächlich das Ergebnis verbessert, ist sie eine großartige Investition. Wer es sich leisten will und kann, seine Nagelarbeit so gründlich vorzubereiten, dessen Ergebnis wird regelmäßig überlegen sein – so er denn nach all der Vorbereitung auch zur Arbeit kommt.

Sortierte Minen

Der Text dieses Essays, liebe Leser, ist darauf ausgelegt, selbst eine Vorbereitung zu sein, eine Meta-Arbeit für das nun folgende Argument.

Wenn ich eine Nation angreifen wollte, könnte ich Truppen einmarschieren lassen, etwa wenn ich auch die Vorherrschaft über das Gelände und dessen Ressourcen sichern will.

Wenn ich die Nation aber einfach »nur« massiv schwächen möchte, könnte ich auch deren Kommunikations-Infrastruktur ausschalten, doch auch das wird in der Regel als aggressiver Akt gesehen.

Es gibt allerdings noch einen Weg, eine Nation zu schwächen: Greife ihre Kommunikation an. Lege nicht kinetische Minen auf die Straßen, lege moralische Minen in die Debatten.

Pseudomoral wie Gendern, politische Korrektheit, der schmale Korridor erlaubter Meinung oder das Propaganda-Konstrukt »Hass und Hetze« für politisch störende Wahrheiten, all das ist nutzlose »Meta-Kommunikation«, welche die Menschen erschöpft zurücklässt, und so sinnvolle Kommunikation verhindert.

Jedes Mal, wenn wir wieder im TV oder auf angeblichen »Nachrichten«-Websites die drögen Debatten über hanebüchene, pseudo-moralische Sprachregelungen hören, sollte uns bewusst sein, dass damit andere, viel wichtigere Debatten verhindert werden.

Ein Mensch und eine Gesellschaft kann jede Sekunde wie auch jeden Euro oder Dollar nur einmal »ausgeben«. Anders als beim Geld kann niemand bei Zeit einen »Kredit« aufnehmen – erst recht nicht bei den Gelegenheiten, die man durch Beschäftigung mit Unsinn ungenutzt ließ.

Wer mit Gendersternchen und anderen »Meta-Debatten« beschäftigt ist, der ist eben das: beschäftigt.

Unerträgliche Schere

Jedoch, wir sehen heute Zeichen der Hoffnung: Die Deutschen haben in der Mehrheit längst begriffen, dass das »Gendern« und andere Fake-Moral-Debatten sie davon abhalten sollen, über die eigentlichen Probleme zu reden.

Und die Deutschen lehnen den gefährlichen Meta-Unfug mehrheitlich ab (siehe etwa stuttgarter-nachrichten.de, 8.2.2023).

Die Schere zwischen der Propagandasprache des Staatsfunks und der Sprache der Deutschen, die den ganzen Wahnsinn bezahlen müssen, öffnet sich inzwischen so weit, dass man beim WDR eine Art »Kölner Frühling« erklärt. Den Meinungsknechten soll es freigestellt werden, ob sie Propagandasprache oder die Sprache der Menschen verwenden. (Wir wissen natürlich nicht, wie ernst diese WDR-Perestroika gemeint ist. Vielleicht ist es eine Falle, um Abtrünnige von der Ideologie zu finden und zu entfernen. Sei’s drum.)

Jetzt erstmal

Wenn uns also wieder einmal einer mit Gendersternchen und politischer Korrektheit belästigt, dürfen wir das ruhig als Angriff sehen, als Anschlag auf unseren Verstand, als Diebstahl unserer Zeit und damit unseres dahintickenden Lebens.

Ich rede gern mit Menschen darüber, wie wir reden, in welchen Worten und nach welcher Logik. Doch es muss Sinn ergeben, muss sich vor der Realität rechtfertigen lassen.

Ja, lassen Sie uns sinnvoll über Sprache reden.

Doch für den Moment lassen Sie mich bitte diesen Nagel in die Wand schlagen.

Oder meinen Sie, dass wir, statt eines Nagels oder einer Schraube, es mit einem Klebehaken versuchen sollten?

Weiterschreiben, Wegner!

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