Dushan-Wegner

31.01.2023

Schiefe Ebene im Osten

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Bild: DW via AI
Deutschland liefert Kampfpanzer an die Ukraine, und es werden Kampfflugzeuge diskutiert. Nur so, zur Einordnung: Vor fast genau einem Jahr war noch die Frage, ob die Lieferung von Helmen zu viel ist.
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Das »Ich« ist eine Funktion des Körpers, mit dem Gehirn als einem von vielen Organen, welche zusammen jenen Effekt produzieren, die ich »Ich« nenne.

Nehmen wir jedoch an, dass jene Instanz, welche Sie ihr »Ich« nennen, nicht eine Funktion Ihres Körpers, sondern desjenigen von Volodymyr Zelensky, sprich: dass Sie als Zelensky geboren worden wären, und also auch heute dessen aktuelle Aufgaben wahrnehmen.

Sie haben es gewiss gemerkt: Ich habe hier auf großzügigen philosophischen Umwegen eine doch sonst recht simple Frage eingeleitet, und diese Frage lautet: Was würden Sie (heute) tun, wenn Sie Zelensky wären?

Ich wage die These: Wahrscheinlich dasselbe wie dieser (so er tatsächlich selbst entscheidet, was er als seine Entscheidung verkündet).

Was sollte und könnte er auch sonst?

Sicher, man könnte fordern, dass er mit Russland »verhandeln« sollte, um das Leben der Ukrainer zu schonen – doch das käme an diesem Punkt nach Meinung vieler Beobachter einer Kapitulation der Ukraine gleich (Ich notierte im Essay »Wer wird gewinnen – und mit welchen Waffen?« vom 15.3.2022, wie westliche »Intellektuelle« die Ukraine zur Kapitulation auffordern. Das ist bald ein Jahr her. Hach, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man nebenan Krieg hat!)

Die Alternative zur Kapitulation ist aber Kämpfen.

Und fürs Kämpfen braucht es Waffen. Oder, wie Keanu Reeves es in Matrix und dann wieder in John Wick 3 sagte (siehe YouTube): »I need guns. Lots of guns.«

Nein. Nein. Okay.

Wer seinen Morgen damit beginnt, die aktuellen Nachrichten querzulesen (etwa via »Freie Denker«), der wird dieser Tage morgens darüber auf dem Laufenden gehalten, welche und wie viele Waffen der Westen aktuell an die Ukraine zu liefern beschlossen hat (etwa in der »Morgenlage« bei achgut.com).

Buchstäblich im selben Moment, als Olaf Scholz sich »breitschlagen« ließ, Panzer zu liefern (siehe Essay vom 28.1.2023), fragte Zelensky bereits nach Kampfflugzeugen.

Die Betreuer von Joe Biden lassen ihn, so hört man aktuell, die Lieferung von F-16-Flugzeugen noch kategorisch ablehnen. Macron schließt eine Lieferung nicht aus. Scholz dagegen sagt seit etwa zwei Tagen »Nein« zu Kampfjets.

Angela Merkel war Frau »Nein! Doch? Oh!«. (Sinngemäß: »Ist mir egal, ob ich schuld bin, jetzt ist es halt so.«)

Olaf Scholz aber ist Herr »Nein. Nein. Okay.«

Nach aller Erfahrung zu vermuten, dass er noch vorm nächsten Wochenende sein »Okay« für Kampfflugzeuge geben wird. Wenn man die Schlagzeilen liest, scheint es vor allem die Debatte darum zu sein, die Scholz und Pistorius an der Frage nach den Kampfflugzeugen stört (etwa stern.de, 30.1.2023).

Und dann, und dann

Ja, ich kann Zelensky verstehen, und ich vermute, dass selbst diejenigen von uns, die ihn heute kritisieren, an diesem Punkt und an seiner Stelle nicht anders vorgehen würden.

Jedoch, dass ich seine Motivation verstehe bedeutet keinesfalls, dass ich nicht versuche, die größeren Muster seines Handelns zu verstehen.

Im Essay »Erdoğans Kaserne« vom 25.9.2018 habe ich das Beispiel vom Kamel beschrieben. Es steht gleich am Anfang jenes Textes, und Sie können es jetzt zwischendurch selbst nachlesen, also lassen Sie mich hier nur den Anfang und den Schluss der Geschichte notieren.

Die Parabel beginnt damit, dass ein Kamel und ein Reisender sich zum Nachtlager niederlassen. Der Reisende im Zelt, das Kamel draußen, im Sand. Jedoch, bald steckt das Kamel seine Schnauze durch die Zelttür, und bittet: »Ach, lass mich doch nur meine Nase ein wenig in deinem Zelt unterbringen, nur die Nase!«

Der Reisende erlaubt es. Bald ist die ganze Kamelschnauze im Zelt, dann der ganze Kopf – und zum Schluss schläft das Kamel im Zelt und der Reisende draußen.

Zelenskys Waffenforderungen erinnern mich an die Bitten jenes Kamels: Bitte noch das, und dann das, und dann das.

Man fragt sich, was noch kommt, und dann, und dann. Das heißt aber nicht, dass er etwas falsch tut.

Die härtesten der Waffen

»Das Kamel ist im Zelt« könnte bedeuten, dass westliche Soldaten direkt gegen Russland kämpfen – und nicht »nur« westliche Ingenieure indirekt und zeitversetzt in Form von Waffenlieferungen.

Es wirkt absurd, doch vor einem Jahr diskutierten wir noch, ob es schon zu viel oder doch nur eine »Symbolgeste« wäre, wenn wir Helme an die Ukraine liefern (welt.de, 26.1.2022). Und jetzt werden Panzer geliefert und Kampfflugzeuge diskutiert. Wenn wir die Linie weiterziehen, wo stehen wir in einem weiteren Jahr?

»Das Kamel ist im Zelt« könnte denktheoretisch auch dafür stehen, dass nach den Flugzeugen auch immer härtere Waffen geliefert werden – und wir müssen nicht aussprechen, was die »härtesten« der Waffen sind.

Nun könnte man mir vorwerfen, ich würde hier ein »Slippery Slope«-Argument aufstellen, ein »Dammbruch«-Argument oder »Argument der schiefen Ebene« (siehe Wikipedia). Das ist eine rhetorische Technik, die darin besteht, gegen eine Maßnahme zu argumentieren, indem man das Risiko vorhersagt, dass es in einem »Domino-Effekt« zu deutlich drastischeren Folgen führen wird.

Mit einer solchen »schiefen Ebene« zu argumentieren gilt schon mal als unfein – jedoch, gerade in der Zeit von Globalisten und ihren nützlichen Idioten, die sich »links« und »moralisch« finden, erleben wir wieder und wieder, dass mangels einer kollektiven Vernunft, welche rechtzeitig die Notbremse zieht, die schiefe Ebene eben doch zuverlässig heruntergerollt wird. – In Mecklenburg-Vorpommern soll etwa derzeit in einem Dorf mit 500 Einwohnern eine Unterkunft für 400 Migranten eingerichtet werden (bild.de, 30.1.2023) – aller Erfahrung nach sind wohl zumeist »junge Männer« zu erwarten. Das Dorf könnte damit sozial kippen. Es ist nur einer von vielen, in denen Globalisten und ihre Helfer die »schiefe Ebene« geradezu lustvoll herunterrutschen.

Ausgesprochen(er) moralischer Druck

Die vergangenen Jahre haben uns gelehrt, dass wenn implizit oder explizit versichert wird, dass es »schon nicht so schlimm kommen wird«, es tatsächlich nicht »so schlimm«, sondern auch mal »viel schlimmer« kommen kann.

Was also sehen wir am Horizont, wenn wir die aktuellen Linien weiterzeichnen?

Was vor einem Jahr galt, gilt auch heute: Der »Magen« Russlands zum Verdauen von Kriegstoten ist weit robuster, als wir denken. Putin kann noch eine ganze Weile »frische« Soldaten vor westliche Waffen werfen.

Aus Russland wird schon seit letztem Jahr berichtet, dass die Schüler in den Schulen wieder, wie einst in der Sowjetzeit, auf den Einsatz im Krieg vorbereitet werden (siehe etwa english.elpais.com, 9.11.2022), inklusive Übungen an der Waffe.

Es stellt vermutlich die optimistische Deutung dar, dass man sich auf einen langen Krieg in der Ukraine vorbereitet, und die Schüler in zwei oder drei Jahren eingesetzt werden. Eine pessimistischere Deutung wäre, dass Putin sich einen »legalen« Weg schafft, Kinder zum Sterben in die Ukraine zu verschiffen – und dann würde ein unausgesprochener oder wahrscheinlich ausgesprochener moralischer Druck auf die Ukraine und seine Partner entstehen, lieber zu kapitulieren, als russische Minderjährige zu töten.

Darauf nicht wetten

Eine der unangenehmsten Fragen in Propagandastaaten lautet seit jeher: »Und dann?«

Als Merkel die Grenzen offenstehen ließ, galt man als »Nazi«, wenn man die Frage stellte: »Und dann?«

Und ähnlich gilt man heute bald als »Putin-Troll«, wenn man angesichts der Waffenlieferungen fragt: »Und dann?«

Es gibt zwei Arten, einen Krieg zu gewinnen und den Gegner verlieren zu lassen: Den Gegner vernichten – oder seine »Moral« brechen (im englischen Sinne von »Morals«, also etwa seinen »Kampfgeist« und seine »Opferbereitschaft«).

Rechnet der Westen wirklich damit, dass Russland sich »vernichten« lässt, bevor es Atomwaffen einsetzt?

Oder rechnet der Westen damit, die russische »Moral« zu brechen?! – Uff! – Die Deutschen, die ihre Töchter opfern und ihre innere Sicherheit drangeben, wenn und weil junge Männer damit drohen, sich selbst auf dem Mittelmeer zu ertränken, sollen langfristig einen stärkeren »Moralmagen« haben als Russen?! Darauf würde ich nicht wetten.

Zu viele Ichs

Das »Ich« ist eine Funktion des Körpers, und dieses hier schreibende Ich hofft, dass bald eine realistische dritte Möglichkeit auftaucht.

Mein Vater brachte mir eine tschechische Redeweise bei, welche im Original lautet: »vlk sytý a ovce celá« – zu Deutsch: »der Wolf satt und das Schaf ganz«.

Das bedeutet: Man möge eine Lösung finden, so die Akteuere zufrieden sind und doch keine tödlichen Opfer gebracht werden.

Nun, für das Vermeiden von Todesopfern in der Ukraine ist es schon lange zu spät. Und so bleibt uns doch die Hoffnung auf eine Erkenntnis, in der nicht noch mehr »Ichs« zur Schlachtbank geführt werden.

Jeder Mensch hat sein Leben nur einmal, auch die vielen »Ichs«, die in der Ukraine vor ihrer Zeit ausgelöscht werden.

Wir hoffen noch, dass ein Ausweg gefunden wird, hoffen auf die Möglichkeit, der »schiefen Ebene« durch eine glückliche Wende zu entfliehen.

Bis dahin bleibt einem jeden erneut jener alte Rat: Carpe diem – nutze den Tag!

Weiterschreiben, Wegner!

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