18.1.2018

Die Aufdröselung der Freiheit

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto: Tim Bouw (bearbeitet)
Wenn wir die Freiheit nicht verlieren wollen – als Einzelne und als Gesellschaft – müssen wir immer wieder innehalten und fragen: Sind wir frei? Sind wir frei genug? Aber auch: Was meinen wir mit „Freiheit“ überhaupt?
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Ich darf Ihnen hier eine weitere Iteration meiner Versuche, „Freiheit“ zu greifen, vorlegen. Nicht die erste, und wenn es mir geschenkt ist, auch nicht die letzte.

Wer „Freiheit“ sagt, der weckt gleich ganz viele Emotionen. In „offizieller“ deutscher Debatte ist Freiheit fast schon ein Schimpfwort, könnte sie doch etwa via Meinungsfreiheit genutzt werden, eine „falsche Meinung“ auszusprechen. Zugleich ist für viele Menschen die Freiheit ein Sehnsuchtsbegriff – alle mögliche Hoffnung und Aufhebung wird in die Freiheit projiziert. Doch, auch wenn man die Freiheit fürchtet und bei drakonischen Strafen verbieten will, bestimmt aber, wenn man sich nach Freiheit sehnt und für sie kämpft – es ist von Vorteil, zu wissen und sagen zu können, was man mit „Freiheit“ überhaupt meint.

Man kann es nicht beschreiben und dementsprechend kann man schlecht darüber singen, dieses Gefühl von Freiheit. Wie soll der Funke überspringen, wenn ich nicht weiß und du nicht weißt, was Freiheit heißt?
– Söhne Mannheims, „Freiheit“

Ich will mich der Freiheit über einen Umweg nähern, so geht das manchmal schneller. Ich will kurz über einen blauen Ball reden. Danach reden wir über die Freiheit, und fragen schließlich, ob wir selbst frei sind.

Der blaue Ball

Wenn ich einen Gegenstand sehe und meine, dieser Gegenstand sei blau, dann habe ich eine Blau-Wahrnehmung, welche auf physikalischen Eigenschaften von Lichtwellen und reflektierenden Oberflächen beruht.

Unsere Sprache ist immer nur so genau wie im Alltag notwendig, das spart Ressourcen. (Gruppen, die aufgrund von Spezialisierung eine genauere Sprache für ihren Fachbereich benötigen, entwickeln eine Fachsprache.)

Wenn der Satz „dieser Ball ist blau“ wahr ist, dann sind bestimmte Fakten in der Welt der Fall. Es gibt einen Ball (immer wichtig), der Ball hat eine Oberfläche mit bestimmten reflektierenden Eigenschaften und bei Gelegenheit könnte dieses Licht auch in das Auge eines Menschen eindringen, um schließlich kausal zu einer „Blau-Wahrnehmung“ im Menschen zu führen. Es ist nicht notwendig, dass dies auch tatsächlich passiert (man vergleiche: wenn ein Baum im Wald umfällt und keiner hört ihn, hat er ein Geräusch gemacht?), doch pragmatisch ist aus der Tatsache, dass jemand über einen blauen Ball sprach, zu schließen, dass er ihn tatsächlich gesehen hat und das vom Ball reflektierte Licht in ihm die „Blau-Wahrnehmung“ erzeugte.

Ist der Begriff „blau sein“ erst „aufgedröselt“ in Wahrnehmung, Oberfläche und Lichtwellen, dann ergibt es sich von selbst, dass die einzelnen Aspekte von den jeweils zuständigen Wissenschaften übernommen werden.

Aspekte von Freiheit

Es ist ja nicht so, dass die Freiheit in ihren möglichen Teilaspekten nicht wissenschaftlich behandelt worden wäre. Man hat sich ihr ja durchaus wissenschaftlich genähert, aber was in der öffentlichen Debatte ankommt, bleibt doch meist Geschwafel. Man redet von „der Freiheit“, als ob sie ein getrennter Begriff wäre – oder auch nur einheitlich definiert. Man füllt es meistens mit dem, was einem selbst politisch in den Kram passt, bis hin zur „Freiheit, Gott zu gehorchen“.

Für die Freiheit (wie für „Blau“ oder „das Gute“) gilt wohl ebenfalls, dass sich der Begriff „Freiheit“ ebenso „aufdröseln“ lassen sollte.

Ich will versuchen, beim Reden über Freiheit drei Aspekte zu unterscheiden:

  1. Das Empfinden von Freiheit.
  2. Situationen, in denen (typischerweise) Freiheit empfunden wird.
  3. Die strukturellen Gemeinsamkeit(en) (oder „Formeln“, klar – siehe „Ähnlichkeit“ in Relevante Strukturen) der Situationen, in denen Freiheit empfunden wurde.

1. Dat Jeföhl

Ich kann das Gefühl von Freiheit nicht beschreiben, genauso wenig wie ich das Gefühl des Blau-Sehens beschreiben kann, …

2. Die Situationen

… was ich aber beschreiben kann, sind Situationen, in denen Freiheit empfunden wird. Wenn wir uns untereinander austauschen über solche Situationen, empfinden wir (wahrscheinlich und in Abstufungen) auch das Freiheits-Gefühl des anderen nach.

Was wären denn „typische“ Freiheits-Situationen?

  • Vielleicht ein Tag, an dem alle dringende Arbeit erledigt ist, das Konto nicht allzu überzogen und niemand allzu krank, und man ins Auto steigt und einfach nach irgendwo fährt, nicht weil man muss, sondern weil es schön und spannend und neu ist.
  • Vielleicht die Monate, in denen ein junger Menschen sich entscheidet, was er nach der Schule mit seinem Leben anstellen wird. Noch ist man jung und alles ist möglich. Alles, was hernach kommen wird, ist ganz wesentlich das Werk der eigenen Hände. Welche Ausbildung, welches Studium? In Deutschland bleiben oder vor Merkels Irrsinn fliehen? Etwas Sinnvolles lernen oder sich in Geisteswissenschaften verlieren? Kunst oder Kohle machen? Familie noch als junger Mensch, nach dem Studium oder erst später? Es ist erschreckend, es ist furchteinflößend – und es ist Freiheit.
  • Vielleicht aber auch nur ein Moment der Stille, in dem niemand auf mich einredet, niemand etwas von mir will und keine Pflichten auf einen prasseln, und Sie ganz „frei“ sind, für ein paar Augenblicke Ihren Gedanken zu folgen. Ein Witzbold hat mal gesagt: „Du weißt erst dann, was es bedeutet ‚Eltern‘ zu sein, wenn du dich wie auf einen Kurzurlaub darauf freust, für 1 Minute aufs Klo zu gehen und die Tür abzuschließen.“ – Manchmal ist es wirklich wenig, was es braucht, sich frei zu fühlen.

3. Die Gemeinsamkeiten

Ich wage die These: Wir fühlen uns frei, wenn wir a) unser Handeln selbst bestimmen können, und b) mit den zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen zufrieden sind. In jeder der beschriebenen Situationen hatte der Mensch (zumindest) in dem Moment das Gefühl, sein Handeln selbst bestimmen zu können – und war mit den Möglichkeiten ausreichend zufrieden.

Die Definition von „Freiheit“ wäre damit: Situationen, in denen man a) selbst entscheiden und handeln kann, und dabei b) mit den zur Verfügung stehenden Optionen zufrieden ist.

Sind wir frei?

Wenden wir unsere Arbeitsdefinition von „frei sein“ doch, experimentell quasi, auf Deutschland an.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie, Ihre Stadt und Ihr Bundesland selbst über Ihr Schicksal entscheiden können? Und, da wo Sie entscheiden können, sind Sie mit den zur Verfügung stehenden Optionen zufrieden?

Wenn meine Arbeitsdefinition einigermaßen richtig ist, könnte das die Frage beantworten: Wir Deutschen, wir Europäer, sind wir frei?

Wenn „ja“: Warum feiern wir unsere Freiheit so wenig? Warum danken wir so selten, nach Berlin und nach Brüssel?

Wenn aber „nein“, oder auch nur: „nicht genug“, wenn wir also nicht das Gefühl haben, selbst über unser Schicksal zu entscheiden, wenn wir nicht mit den Möglichkeiten zufrieden sind: Warum lassen wir solche Unfreiheit zu? Warum wählen wir Mächtige, die uns die Freiheit rauben?

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