Dushan-Wegner

13.05.2023

Billiger Weizen, teures Weizenbrot

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, breadandmoney
Der Preis der Rohstoffe fällt und fällt, doch Nahrung bleibt relativ sauteuer. Womöglich Abzocke. Doch die Politik kümmert das wenig. Vielleicht brauchen Politiker einen »Bürgerrat«, der ihnen sagt, dass teures Brot teuer ist!
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Das Essen wurde in den letzten Wochen und Monaten teurer, in vielen der westlichen Länder, in denen die immergleichen Konzerne die Lebensmittel vertreiben.

Warum?

Die Begründungen werden eher so geraunt. Wegen Ukraine und dem Speiseöl von dort. Weil kein Getreide mehr aus Russland kommt. Weil durch Covid die Lieferketten kaputt sind.

Okay, schauen wir uns einmal den Preis für Weizen auf dem Weltmarkt an! Der Preis von Weizen hat sich seit dem Höchststand von vor einem Jahr halbiert und Weizen steht heute beim Niveau von Anfang 2021 (siehe etwa tradingeconomics.com/commodity/wheat; alle Angaben in diesem Essay-Abschnitt beziehen sich auf die 365 Tage bis zum 13.5.2023).

Milch? Im letzten Jahr 36 % gefallen.

Der Preis für Zucker ist gestiegen , aber das sollte zumindest weder Käse noch Brot betreffen (außer vielleicht das »Brot« bei Subway, das laut einem irischen Gerichtsurteil so viel Zucker enthält, dass es als Süßspeise und nicht als Brot klassifiziert werden sollte; siehe npr.org, 1.10.2020).

Dafür ist der Ölpreis gefallen! Und zwar um knapp 40 %.

Sogar der Strompreis pendelte sich ein, denn auch wenn Deutschland sich energietechnisch mit Gusto die Beine wegsprengt, kann man ja feinen Atomstrom im Ausland kaufen, und so bleiben die Einkaufspreise für Strom kalkulierbar (siehe auch forbes.com).

Keiner war’s!

Woran liegt es nun, dass die Preise so gestiegen sind? Es ist unklar – oder, genauer: Es soll vermutlich unklar sein.

Es fühlt sich an, wie wenn man eine Gruppe Kinder fragen wollte, wer es war, der die Kekse geklaut und das Sofa vollgekrümelt hat. Sie werden behaupten, dass es keiner war, doch man ahnt, dass alle daran beteiligt waren.

Wenn man sich etwa den letzten Jahresbericht von Nestlé (nestle.de) anschaut, so sagen die etwa, dass ihre Gewinne »organisch« gestiegen seien, die Marge aber zuletzt sogar etwas fiel.

Der deutsche Staatsfunk fragt nach den Ursachen der Teuerung, und stellt fest, dass der »Lebensmittel-Einzelhandel nicht ganz unschuldig« ist, aber des Rätsels ganze Lösung hat man auch nicht im Angebot (tagesschau.de, 28.4.2023).

Der Lebensmittelhandel selbst jammert natürlich, in Deutschland wie auch in Österreich, dass man doch versucht, den Preisanstieg aufzufangen, doch die Preisspitzen von 2022 schlagen 2023 eben voll durch.

Ein Zitat aus Österreich aber ließ mich schmunzeln, denn es versteckte eine geradezu charmante Zirkularität. handelsverband.at schreibt, dass der Lebensmittel-Einzelhandel »inflationsbereinigt einen Umsatzrückgang von –3,2 % verkraften« musste. Man habe damit »hin zur Bevölkerung inflationsdämpfend agiert«.

Man will damit wahrscheinlich sagen, dass man seine Margen zurückfuhr, doch man verklausuliert es, um die Investoren emotional zu schonen. Doch der Sprachlogiker will mich davon überzeugen, dass hier eine Zirkularität vorliegt, da es ja ganz wesentlich der Lebensmittelhandel ist, der die Inflation erzeugt, sich dann aber selbst mit Hilfe der von ihm selbst geschaffenen Inflation arm rechnet.

Tatsächlich stiegen die Umsätze des gesamten Einzelhandels in Österreich etwa um 8,1 % (statistik.at (PDF)). Alle weiteren Fakten und Deutungen könnte man, wenn man zynisch wäre, in den Bereich des PR-Bullshits verweisen.

Diejenigen aber, denen von Herstellern und Händlern die Hauptschuld zugeschoben wird – die Rohstoffhersteller – sind relativ ratlos. Die »Landwirtschaft bekommt nur einen minimalen Teil« (ots.at, 12.5.2023). Und auch die Regierungen sind – wie auch anders? – »ratlos angesichts steigender Lebensmittelpreise« (euractiv.de, 9.5.2023).

(Immerhin haben sie in Österreich einen »Lebensmittelgipfel« einberufen, wenn er auch recht ergebnislos war. In Deutschland ruft man Gipfel eher wegen »Flüchtlingen« und gelegentlich »Islam« ein. Und wenn das Volk sich, ächzend unter mehr als 50 % Abgabenlast, kaum das Essen leisten kann, dann ist das doch keines Gipfels würdig.)

Nun ganz praktisch

Inzwischen sinken die Preise ja, ganz sanft. Sollten Sie es nicht mitbekommen haben, dann können Sie sich in den Medien immerhin davon überzeugen (n-tv.de, 10.5.2023).

Was man früher nur theoretisch auf den Preiszetteln tat, nämlich den Preis zu verdoppeln und dann gnädig 20 % Rabatt gewähren, wird nun wohl ganz praktisch durchgeführt, über Monate hinweg und mit Grundnahrungsmitteln.

Die Preise für Nahrungsmittel liegen insgesamt 17 % überm Vorjahr. Die Inflationsrate geht von 7,4 auf 7,2 % zurück (ebenda).

(Auf dem Sparbuch gibt es derweil null bis knapp-über-null % an Zinsen – während die EZB 2,5 % Einlagenzins zahlt (mdr.de, 1.3.2023). Ich bin sicher, dass auch die Banken und Sparkassen, wie die Lebensmittelhändler, eine »Erklärung« dafür parat haben. Es scheint sich zu verhalten wie mit den Preisen an der Tankstelle: Das Anheben geht viel schneller als das Absenken.)

Händler sind nicht Politiker

Bloomberg, ein Fachblatt des nüchternen Kapitalismus, stellt fest, dass trotz fallender Rohstoffpreise die Preise für Nahrungsmittel oben bleiben werden (bloomberg.com, 24.2.2023). Bloomberg schreibt ausdrücklich, dass 65 % des Preises von Nahrungsmitteln in der Produktionskette »draufkommt«, also unabhängig vom Rohstoff ist. All die Firmen zwischen Bauer und Einkaufswagen haben wenig Motivation, die Preise wieder zu senken, da die hohen Preise ja jetzt – auch dank Corona- und Ukraine-Schock – in den Köpfen etabliert sind.

Wenn der Preis für eine Packung Kekse von 1,50 auf 2,50 € hochschnellt, liegt das wirklich nur daran, dass der Weizenanteil in diesen Keksen um 1 € pro Packung teurer wurde? Könnten nicht gewisse »Mitnahmeeffekte« vorliegen, wo Unternehmen, »wenn eh alles teurer wird«, einfach mal auf den Teuer-Zug aufspringen und die Extra-Gewinne »gratis mitnehmen«?

Wer trägt also die Schuld? Und was ließe sich tun?

Ich denke, dass die Lebensmittelhändler sich noch in einigen wichtigen Punkten von der Politik unterscheiden.

Der Politik ist ihr Ansehen inzwischen egal. Politiker, die früher schamvoll zurückgetreten wären, werden heute Kanzler oder sogar EU-Boss.

Doch die Lebensmittelhändler und Marken sind nicht in allen Punkten wie supranationale Konzerne, Politiker oder politische Parteien.

Lebensmittelhändler versuchen zumindest, ein anständiges Image aufrechtzuerhalten.

Neben der Kaufverweigerung sehe ich als realistischste Möglichkeit, die Händler zu fairen Preisen zu bewegen, darin, sie so öffentlich wie möglich zur Rede zu stellen.

Zumindest auf den Mainstream können wir da nicht zählen. Die Journalisten haben sich in den letzten Schleifen des politischen Gastrointestinaltrakts eingerichtet, die stecken bis zum Hals in der Politik. Die Politik hat aber diese Woche de facto offen zugegeben, dass sie endgültig den Kontakt zu den Bürgern verloren hat. Ähnlich wie die Ministerien unzählige »Berater« einstellen, um zu tun, was zu tun eigentlich Aufgabe der teuren Angestellten des Ministeriums ist, wollen Politiker nun »Bürgerräte« einführen, welche das Volk vertreten – gegenüber den Volksvertretern. (Die Bürgerräte werden aber nur mit Bürgern besetzt, die den Politikern genehm sind, klar – keine Störenfriede. Absurdistan als ein um sich selbst drehendes Perpetuum mobile des Selbstbelügens; siehe etwa sueddeutsche.de, 5.5.2023.)

Aber immerhin

Wir werden selbst fragen müssen: Hallo, angeblicher »Discounter«, mal ganz konkret gefragt! Warum steigt der Nudelpreis, wenn der Mehlpreis sinkt? Warum wird Käse teuer, wenn die Bauern nichts von dem Preis sehen? Ihr seid doch ehrliche Kaufleute – korrigiert das also!

Ist der Erfolg garantiert? Nein. Ist er unmöglich? Auch nicht. Die Preise sinken ja gerade etwas, und Rumnölen beeinflusst Unternehmen definitiv.

Und wir werden etwas über Weltmärkte gelernt haben! Dazulernen ist sehr befriedigend und Wissen eine Form geistiger Nahrung.

Unser Magen mag zwar knurren, weil wir uns das Essen nicht mehr leisten können, aber immerhin haben wir gelernt, den Weltmarktpreis für Getreide oder Schweinehälften (ebenfalls fallend) zu verfolgen – und das ist doch auch etwas.

Weiterschreiben, Wegner!

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