26.2.2018

Twitter als Widerhall der Schreie aus der Tiefe

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Bild von Vlad Tchompalov
Wer seine Gedanken öffentlich formuliert, der kann besonders schnell und direkt dazulernen. Im öffentlichen Ausprobieren von Ideen schreiten uns aber SPD-Politiker auf so interessante wie beispielhafte Weise voran!
Twitter als Widerhall der Schreie aus der Tiefe
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Kennen Sie auch diese Tage, da möchte man nicht in den Spiegel schauen? (Ich meine das Wandutensil, nicht die Zeitschrift, denn das wäre ja jeder Tag.) Wenn dann etwa im Supermarkt wie aus dem Nichts ein Spiegel auftaucht und mich anspringt wie der Tiger aus dem Gebüsch, und ich entgegen meinem Plan für diesen Tag meinem Spiegelbild doch nicht entgehen kann, wenn ich mich also selbst sehe und mich für eine Sekunde frage, wer da in meinen Klamotten umherläuft, dann könnte diese unerwünschte, unerwartete und doch nützliche Begegnung mich zwingen, diesen oder jenen Aspekt meines Äußeren für eine anstehende Überarbeitung einzuplanen.

Das Äußerliche mag Ausdruck des Inneren sein, es ist nicht das Innere selbst.

Uns fehlen Spiegel für das Innere. Spiegel, die uns anspringen, wenn wir es am wenigsten erwarten. Spiegel, die uns sagen, wenn wir uns gerade so richtig und gründlich verlaufen. Spiegel, die uns auch mal loben, wenn ein Gedanke uns gut steht. Wobei … wenn ein Gedanke uns gut steht, das merken wir meist selbst. Es sind die schlechten Ideen, die wir besser früher entdecken sollten.

Die einfachste Art, seine Gedanken zu überprüfen, beginnt damit, sie auszuformulieren.

Der Klassiker fürs Gedankenausprobieren sind die Eckkneipen und Stammtische. Da kann man unter Freunden ausformulieren, was richtig klingt und was nicht. Sie bieten zwar eine geschützte Atmosphäre (solange keine Spitzel und Blockwarte anwesend sind), doch ein dauernd ähnliches Publikum gibt auch immer wieder die gleiche Bestätigung und immer wieder die gleichen Argumente – man kann jedoch seine Gedanken ausformulieren, und das ist nützlicher, als vor sich hin zu brüten.

Wir haben heute ein neues Werkzeug, unsere Gedanken auszuformulieren und zu testen: das weite Internet, all die Foren, Kommentarspalten und allen voran die Sozialen Medien, und da wieder Twitter.

Auf den ersten Blick scheint Twitter wie ein Abgrund, in den man seine Wut und Verzweiflung hineinruft, um sich dann den Widerhall der vereinigten Schreie aus der Tiefe als Gemeinschaft schönzudeuten.

Doch, da ist mehr! Da kann mehr sein. Ich möchte mit Ihnen drei Fälle teilen, wo das öffentliche Ausformulieren allein schon einen Wert an sich hat. Können Worte etwas verändern? (Ich ringe damit, natürlich ringe ich damit – so wie ein Straßenfeger mit der Frage ringt, ob das Fegen der Straße die Welt verändert, wenn sie am nächsten Tag ja doch wieder schmutzig wird, die Straße wie die Welt.)

Zeitgeist dokumentieren

Der Twitterer @huegelkind_de dokumentierte Gespräche, die er im Jahr 2018 in Deutschland führte – und zeigt so nebenbei, dass die „Guten“ von heute den Schlechten von damals erschreckend ähneln:

Für alle, die glauben, es würde sich irgendetwas in Deutschland ändern, habe ich eine heftige Dosis Fatalismus im Gepäck. Treffen im Freundeskreis, Lehrerpaare, Anwalt, Bankangestellte. Sie hätten dabei sein sollen. So viel Haltung muss man bewundern. Ein paar Beispiele:
– @huegelkind_de, 25. Feb. 2018
Der Anwalt zur #AfD im Bundestag: Wenn von denen einer ans Rednerpult geht, wieso hält da niemand drauf? Schnellfeuer, so eins, wo man nicht aufhören kann. 500 Schuss, richtig zersieben. Eine andere Sprache verstehen die nicht. (beifälliges Nicken)
@huegelkind_de, 25. Feb. 2018

Und so geht es weiter. Immer fort. Ich empfehle, unbedingt den ganzen Thread zu lesen.

Indem @huegelkind_de dies ausformulierte, half er sich selbst, seine Gedanken zu klären. Es ist die eine Sache, etwas zu erleben – die andere ist es, seine Gedanken in Schriftform festzuhalten. Es öffentlich und vor der Welt zu tun, macht Widerspruch möglich, aber auch die Bestätigung anderer, die Ähnliches erlebten. Gemeinsames Weiterdenken beginnt mit öffentlichem Formulieren.

Kommentar und Kritik

Oder nehmen wir den Journalisten Tobias Blanken. Er zeigt das Foto eines Plakats der SPD, und kommentiert:

(Veranstaltungs-Plakat SPD) Wandel durch Annäherung 2.0 – Wie weiter mit dem Nachbarn Russland?
(Kommentar Blanken) Aus welchem Jahr die Landkarten der SPD sind, möchte man ja auch nicht wissen.
@Tobias_B, 21.2.2018

Später, im selbem Thread:

Shithole countries voller shithole people, für die SPD ist Osteuropa doch nur deutsch-russische Manövriermasse.
@Tobias_B, 21.2.2018

Die SPD erntet derzeit viel Kopfschütteln von allen Seiten des politischen Spektrums. (Herr Blanken sieht mich wahrscheinlich nicht in seinem Lager.) Es ist gut, dass es dokumentiert und kommentiert wird, von allen Seiten. Es hilft ein wenig gegen die innere Lähmung und Hilflosigkeit – ein wenig. Solange wir es sagen dürfen (die SPD kämpft dagegen, dass wir es dürfen, klar), solange haben wir Hoffnung, dass dieses „Pack“ (Zitat Sigmar Gabriel) aus der Regierung entfernt wird. (Abgewählt wurde die SPD ja schon, und einen Regierungseintritt ausgeschlossen hat sie auch – aber was zählt das schon in der Merkel-ARD-ZDF-Postdemokratie? Wer die SPD abwählen will, der muss erst Merkel abwählen.)

Mut zur Selbstentlarvung

Wer seine Gedanken öffentlich formuliert, der riskiert auch mal, so richtig daneben zu liegen. Schweigen mag Gold sein, doch nur das Reden gibt uns die Chance, mit unseren Argumenten und auch Meinungen auf die Nase zu fallen. Wer seine Gedanken öffentlich formuliert – da müssen wir ganz ehrlich sein – der riskiert auch, Details übersehen zu haben.

So wurde etwa Sawsan Chebli viel kritisiert für folgenden Tweet:

Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Essen nur für Deutsche. Migranten ausgeschlossen
[darin zitierter Tweet von @sternde] Andrang von Migranten: Essener Tafel nimmt nur noch Deutsche auf: Die Essener Tafel nimmt… https://t.co/e3NnvAgjde
@sawsanchebli, 22. Feb. 2018

Frau Chebli war hier einer an Fake News grenzenden Verdrehung der tatsächlichen Ereignisse aufgesessen. Fakt war, dass die Essener Tafel auch deutschen Armuts-Rentnerinnen eine Chance geben wollte, an Essen zu kommen, statt im Gedränge mit jungen Herren konkurrieren zu müssen. Das ging nur, indem man bei 75% Ausländeranteil erstmal einen Aufnahmestopp einlegte. Aus Essen auch für Deutsche ein Essen nur für Deutsche zu machen ist als Interpretation mehr dem Narrativ als der Faktenlage geschuldet. Frau Chebli war aber nicht die einzige. Auch alt-linke und neu-linke Journalisten stimmten mit ein. Einige korrigierten später still und heimlich ihr „nur für Deutsche“ in das korrektere „nur noch deutsche Neukunden“.

Es erfordert Mut, seine Gefühle und Bewertungen öffentlich in Worte zu fassen. In der folgenden Nacht wurden die Tür und Autos der Essener Tafel von besorgten Linken mit kritischen Kommentaren wie „FCK NZI“ und „Nazis“ besprüht. Der Staatsschutz ermittelt, ich fände es aber unfair, bei Politikern wie Chebli (SPD) oder Lauterbach (SPD) eine Mitschuld zu suchen. Im Gegenteil!

Es braucht Mut, seine Gedanken öffentlich in Worte zu fassen, und gerade einen Lauterbach müssen wir loben für seinen Formulierungsmut, etwa wenn er Kritik an Regierungshandeln mit „Nazi Juden Propaganda“ [sic!] gleichsetzt. Es braucht ja innere Entschlossenheit, in dieser Zeit sein Innerstes nach außen zu kehren. Zu loben ist da auch ein Ulrich Kelber (SPD, Staatssekretär beim NetzDG-Ministerium und privat sowas wie ein „Pressefreiheitskritiker“), es sei Zeit, dass Politiker die BILD-Zeitung „zur Ordnung rufen“!

Wir sollten nicht diejenigen rügen, die ihr Inneres nach außen kehren und sich dabei auf die Nase legen (es nicht immer selbst merkend), wir sollten sie dafür loben, die Debatte vorangebracht zu haben.

Den Widerspruch umarmen, die Worte finden

Erstens ist bereits das Ausformulieren des eigenen Gedanken ein Wert an sich. Zweitens ist das, was wir fürchten, oft unser bester Lehrer!

Was fürchten wir in Debatten am meisten? Widerspruch, schmerzhaften, zerstörerischen Widerspruch. Was brauchen wir am meisten? Eben den.

Der Satz, in den ich meine Gedanken hineingeschrieben habe, er ist mir bereits ein Spiegel. Sollte ich versäumen, selbst hineinzuschauen, dann werden meine Leser mir diesen Spiegel schon hochhalten.

Sicher, es braucht Mut, sein Innerstes nach Außen zu kehren. Früher oder später wird man dafür auf die Nase bekommen – glauben Sie mir das bitte einfach, ich spreche da aus Erfahrung. Doch, um eines Tages von seinen Schlachten berichten zu können, von den verlorenen wie von den gewonnenen, dafür muss man sie erst einmal gekämpft haben!

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