06.06.2022

Was macht es für deine Verdrahtung?

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Josh Riemer
Frage: Wie würde dein Leben aussehen, wenn du dich allem verweigerst, was dich potenziell blöde, unglücklich oder einfach nur wütend macht?
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Es gibt einen sehr konkreten Grund, warum ich Essays schreibe, statt zum Beispiel in der Werbung zu arbeiten. Ich könnte mich auf Gewissen und Werte berufen, und es wäre nicht ganz falsch. Aber da ist noch ein anderer Grund.

Man könnte meinen eigentlichen Grund »radikal egoistisch« nennen. Doch da ist noch etwas anderes.

Ich will es gleich sagen, doch lasst mich zunächst kurz einige Details erklären.

Besser vorstellen

Alles, was du tust, verdrahtet dein Gehirn. Mit »Verdrahtung« meinen wir natürlich, dass die Neuronen im Gehirn bestimmte Verbindungen zu anderen Neuronen bilden. Diese Verbindungen heißen »Synapsen«.

Es wäre wohl präziser, zu sagen: Alles, was du tust, »synapst« dein Gehirn. – Ach, bleiben wir beim Wort »Verdrahten«, das kann sich das Gehirn besser vorstellen.

Leider, leider

Lernen bedeutet, bildlich gesprochen, »Drähte« im Gehirn zu verlegen. Lernen verdrahtet dein Gehirn.

Wir wissen, dass die Gehirne von Säuglingen und Kleinkindern super schnell lernen können. »Lernen« bedeutet schlicht, das Gehirn zu formen.

Und wir wissen, dass im Alter das Lernen leider schwerer fallen kann – und das ist leider auch biologisch begründet.

Alles verdrahtet

Kindern wollen so viel lernen, dass es den Eltern und Erziehern zu viel Arbeit ist, immer neuen Lernstoff zu liefern.

Früher hatte man einen Dorfplatz, wo die Kinder mit anderen Kindern spielten. Man konnte die Kinder in den Wald schicken. In der Natur konnte das Gehirn so viel lernen, wie es wollte und konnte.

Heute gilt das als zu gefährlich. Oder die Eltern sind zu müde. Oder es geht einfach nicht. Also stellt man die Kinder »ruhig«, formt die Gehirne durch »legale Gewalt«, sei es mit elektronischen Geräten oder mit »Medikamenten«.

Man muss es ganz klar sagen: Alles, ausnahmslos alles, was ein Kind tut, verdrahtet sein Gehirn. Ob du dein Kind lobst oder mit ihm schimpfst, ob du dein Kind motivierst ein Buch zu lesen, oder ob du es zum Sport schickst, alles verdrahtet sein Gehirn neu.

Neu in Betrieb

Wenn der Mensch dann im Job ist, verdrahtet der Job sein Gehirn, täglich neu.

Du »entwickelst Routine«. Das heißt nichts anderes, als dass dein Gehirn sich selbst umgeformt hat, um nützlicher für die wiederholende Tätigkeit zu sein.

Wir kennen es zum Beispiel vom Fahrradfahren. Wenn ich es einmal gelernt habe, wurde mein Gehirn entsprechend verdrahtet. Wenn ich Jahre später wieder Fahrrad fahren will, kann mein Gehirn diese alte Verdrahtung abstauben und neu in Betrieb nehmen.

Mit fremden Vokabeln

Und dann werden wir älter. Ein bekanntes englisches Sprichwort lehrt: »Ein alter Hund lernt keine neuen Tricks«.

Wer einen alten Hund hat, der weiß, wie wahr das ist. Wer selbst ein »alter Hund« ist, der spürt es selbst, und zwar schmerzlich.

Eine Familie in ein neues Land zieht, lernen Kinder die neue Sprache in wenigen Monaten. Die Erwachsenen kämpfen aber noch Jahre oder sogar Jahrzehnte später mit den fremden Vokabeln.

Alles, was wir tun und erleben, verdrahtet unser Gehirn neu – wenn auch nicht immer im selben Tempo.

Weniger hibbelig

Die Gehirn-Situation von Kindern wie auch von »reiferen« Erwachsenen ist auf jeweils eigene Weise gefährlich.

Kinder lernen alles. Das Gehirn ist leicht formbar. Ob Kinder in ihrer Kindheit im Wald spielen oder YouTube-Videos gucken, beides wird ihr Gehirn formen.

Reifere Erwachsene wiederum tun sich mit dem Lernen neuer Inhalte schwer(er), haben jedoch zuvor im Leben viel gelernt. Die Kombination aus Lebenserfahrung und langsamem Lernen aber kann zu einem Phänomen führen, dass wir »Sturheit« nennen.

Ja, Lernen ist auch im Alter möglich, man muss es aber aktiv angehen. Ja, unser Gehirn wird von allem, was wir tun, verdrahtet – doch dafür müssen wir auch etwas tun, das tatsächlich ungewöhnlich ist und nicht einfach nur bestehende Verdrahtung bestätigt.

Studien haben gezeigt, dass wirksames Lernen auch im Alter von weit über 60 Jahren hinaus möglich ist. – Du kannst zwar nicht rückgängig machen, was das Alter dir nahm (siehe etwa sciencedaily.com, 16.5.2016), doch du kannst das Alter zu deinem Vorteil nutzen.

Einige Vorteile des Lernens im Alter sind naheliegend, etwa dass du neue Inhalte aufgrund deiner Erfahrung eher einordnen kannst.

Andere Vorteile des Lernens im Alter sind weniger offensichtlich. Etwa: Im Alter leidest du wenig an Ablenkungen, die der Körper selbst einleitet. Der Testosteron-Level ist niedriger und deine Amygdala dreht weniger durch, zu Deutsch: Im Alter ist bist du vielleicht weniger »hibbelig«.

Eine Situation

Ich selbst gehe durch den Tag mit bewussten oder unbewussten Zielen und Absichten. Ein jeder von uns tut das so.

Etwa: »Ich will nicht verletzt werden.«

»Ich will Geld verdienen.«

»Ich will vor den Leuten gut dastehen.«

Und natürlich: »Ich will Spaß haben!«

Eine Prämisse aber fehlt! – Vielleicht sollten wir ein neues Universalziel für unsere Handlungen aufstellen.

Und zwar: »Ich will immerzu darauf achten, wie eine Handlung oder eine Situation mein Gehirn verändert.«

Kurz die Augen

Wie verändert es mein Gehirn, ob ich morgens zuerst die Nachrichten lese, zuerst etwas ruhige Musik höre oder zuerst einfach auf die Geräusche höre, die durchs Fenster hineindringen?

Welchen Einfluss hat mein Job auf mein Gehirn? Was stellt es mit meinem Gehirn an, wenn Kinder schreien?

Wie verändert die Einstellung, mit der ich an Probleme herangehe, mein Gehirn? Kann mein Gehirn sich selbst neu verdrahten?

Ich will kurz die Augen schließen. Kann ich mein Gehirn dazu bringen, kraft meines Willens, sich neu zu verdrahten?

Kann ich beschließen, ein anderer Mensch zu sein? Ein klein wenig besser durch bewusste Neuverdrahtung? Und was wäre alles möglich, wenn ich das jeden Tag täte?

Auf gute Art

Alles, was ich tue, verdrahtet mein Gehirn. Jede Sekunde auf Social Media verdrahtet mein Gehirn neu. Jede toxische Begegnung verdrahtet mein Gehirn neu – und jede liebevolle Begegnung auch.

Und das ist der sehr »egoistische« Grund, warum ich diese Essays schreibe. Ich könnte als Copywriter in einer Werbeagentur arbeiten oder als Propagandist in irgendeiner Redaktion.

Wer jemals in Berlin in den entsprechenden Cafés unterwegs war, der konnte allerdings aus erster Hand sehen, was solche Arbeit mit der Verdrahtung des Gehirns eines Menschen anstellt – es ist gruselig. Ich formuliere meine Gedanken, so präzise und kohärent wie mir möglich ist, weil ich glaube, dass es mein Gehirn auf gute Art »verdrahtet«.

Ist es gut?

Wenn ich alte Weisheit debattiere, wird mein Hirn anders verdrahtet, als wenn ich manchen modernen linken Wahnsinn zu diskutieren versuche.

Ich gestehe es gern: Ich bin Verdrahtungsegoist. Ich habe es bislang schon so gehalten, und ich will versuchen, mich noch konsequenter darin üben. Eine Frage soll mein neues Mantra werden, die universelle Prüfung aller neuen wie auch bestehenden Vorhaben und Situationen: »Ist es auch gut für die Verdrahtung in meinem Kopf?«

Ich halte es schon länger so, doch ich will mir heute ganz bewusst eine »egoistische« neue goldene Regel geben: Ich will weniger von dem tun, was meine innere Verdrahtung schwächt – und mehr von dem, was die Verdrahtung meines Gehirns stärkt.

Ich danke Ihnen!

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