26.11.2022

Verstecke deinen Schmerz, Harald!

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Nanda Dian Pratama
Man soll nicht am Ast sägen, auf dem man sitzt. Was aber, wenn andere Affen auf demselben Ast daran sägen – und du kannst sie nicht aufhalten? Ja, wenn es knackt und du sie warnst, sägen sie nur umso trotziger!
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Lernen die Kinder heute noch Redensarten? Ich weiß es nicht – und wenn, dann bekomme ich es wohl nicht mit. Doch »heimliche Redensarten« wird es wohl nicht geben.

Ich höre meine Kinder »Memes« zitieren, also Internetsprüche, in denen sie sich selbst wiederfinden. (Zitate: »my reaction when«, »that is so literally me«).

Oder die Memes sind als popkulturelle Ikonen verpackter gemeinsamer Schmerz.

Etwa darüber, dass ihre Generation sich nie aus eigener Kraft ein Haus wird kaufen können. Das universellste der Schmerz-Memes sind Fotos des ungarischen Ingenieurs András Arató, dessen Gesicht den Eindruck weckt, sein Träger würde unablässig einen Schmerz unterdrücken. Deshalb heißt das Meme auch »Hide The Pain Harold« (siehe knowyourmeme.com).

Nun gut, unsere Kinder haben also Memes, keine Sprichwörter und Redensarten. Es ist nicht nur Nostalgie, wenn ich beklage, dass unsere jungen Kinder unsere alten Redensarten nicht mehr kennen.

In Redensarten ist alte Weisheit codiert. Muster und Gelerntes, das vorherige Generationen sich in schmerzhafter Erfahrung erarbeiteten. Überlebenswichtiges Wissen.

Eine Redensart und Lebensweisheit, die sich die Generationen bis hin zu meiner eingeprägt hatten: »Säge nicht am Ast, auf dem du selbst sitzt!«

Selbst wenn sie die Redensart vom Ast und vom Sägen hören sollten, würden so manche Jugendliche darauf antworten: »Wenn es dafür Likes auf TikTok oder Instagram gibt, und wenn mich sogar der Lehrer oder der Spaßmacher im TV dafür loben sollten, dann werde ich nicht nur den Ast unter mir absägen! Ich werde den Baum gleich mit abhauen und dann den gesamten Wald in Flammen setzen.« (Und wenn sie sich »Influencer« nennen, werden sie hinzufügen: »Alles für den Content!«)

Die andere eben nicht

Ich kann mich noch daran erinnern, als man von Linken angegiftet wurde, wenn man Elon Musk nicht so verehrte wie sie, sondern sagte: »Er ist halt Geschäftsmann.«

Heute wird man von Linken angegiftet, wenn man Musk nicht so sehr hasst wie sie, sondern sagt: »Er ist halt Geschäftsmann.«

(Ich bleibe übrigens bei meiner ersten Einschätzung, dass Elon Musk sich mit dem Kauf von Twitter eine »Privatarmee im Meinungskrieg« kauft. Ich erweitere um die Prognose, dass wenn Musk die Plattform um Video und Bezahlsystem erweitert – (s)ein »zweites PayPal« – der gezahlte Twitter-Kaufpreis bald wie ein Schnäppchen aussehen könnte.)

Auf diesem Twitter nun entdeckte ich letzte Woche einen interessanten Austausch.

Ich kommentierte aktuelle Ereignisse:

Extremisten, die ein Gehalt beziehen, das von US-Milliardären bezahlt wird, haben moralische Rückendeckung von Staatsfunk und Verfassungsschutz. Es ist surreal, was in Deutschland passiert, surreal und suizidal – und es wirkt so gar nicht demokratisch oder gar rechtsstaatlich. (@dushanwegner, 25.11.2022)

Ein Leser antwortete, einen unserer Sprüche zitierend, wenn auch mit eigener Deutung von »Realität« und »gewinnen«:

Früher haben wir noch geglaubt, dass am Ende immer die Realität gewinnt. Ich bin da nicht mehr so sicher… (@slk44, 25.11.2022)

Woraufhin er korrigiert wurde:

Doch wird sie. Nur wird sie eben sehr, sehr hart.
Wir reden hier am Ende von einer kompletten sozioökonomischen Vernichtung des Landes. 1945 reloaded. Nur ohne das die junge Generation Härte ertragen kann. Und ohne ethnisch-kulturellen Zusamnenhalt zum Wiederaufbau. (anonymer Twitter-User mit dem derzeitigen Twitter-Namen »Nur besoffen zu ertragen«, Tweet am 25.11.2022)

Und ein anderer Follower schrieb:

Es ist wie so oft immer eine Frage der Zeit. Beim Sprung aus dem 40-sten Stockwerk, mag es für die Mehrheit beim 10-ten Stock noch so aussehen als ob alles gut ausgeht.

Die Realität gewinnt immer aber nicht immer können die (Un)Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. (@MartinStumpp1, 25.11.2022)

Logisch wie auch praktisch lassen sich die Deutschen in zwei Gruppen teilen: Die eine sagt, dass es abwärts geht, und der Aufschlag auf dem harten Boden der zuletzt eben doch immer gewinnenden Realität ist eben eine Frage von Jahren, höchstens Jahrzehnten. Und die andere Gruppe sagt es eben ​nicht​.

Die Menschheit lässt sich logisch zu jeder Aussage in zwei Gruppen teilen: Die, die es so sehen – und die, die es nicht so sehen.

Interessant (und gefährlich!) wird es, wenn man in der Frage nach der deutschen Zukunft beide Gruppen nach ihrer jeweiligen Begründung fragt.

Die Gruppe, die uns auf den Abgrund zusteuern sieht, kann dir oft genug Fakten nennen, über Verschuldung und politische Abhängigkeiten, irreversible soziale Entwicklungen und erklärte globalpolitische Interessen.

Die Gruppe aber, die uns nicht auf den Abgrund zusteuern sieht, gibt nur selten einen durchdachten Grund für ihren »Nicht-Pessimismus« an. – Probieren Sie es aus, fragen Sie einen Nicht-Pessimisten! Man wird das Thema wechseln, man wird sich dem Gespräch verweigern, man wird den Fragenden mit den bekannten Etiketten beschimpfen.

Die Abwesenheit von Pessimismus ist heute selten in Abwesenheit sichtbarer, gefährlicher Entwicklungen begründet, sondern mehr in einer emotional motivierten Blindheit.

Niemand von uns

Redensarten sind wahr, doch unsere Anwendung ist nicht immer präzise. Eine Redensart muss knapp sein, um sich einzuprägen, dadurch aber lässt sie viel fort. Gerade wenn sie als Metapher daherkommt, liegt es an uns, die richtigen Gegenstände in die Variablen und Leerstellen der Redensart einzusetzen.

Als ​Gesellschaft​ und Nation sägen wir seit Jahren und Jahrzehnten am Ast, auf dem wir sitzen. Jedoch, niemand von uns »ist« »die Gesellschaft«.

Ob der Polizist, der einem Grundrechte-Demonstranten ins Gesicht tritt, oder der Chef des Verfassungsschutzes, der sich moralisch vor gefährliche, aus dem Ausland finanzierte Extremisten stellt: Es sind immer ​Einzelne​, die am kollektiven Ast sägen.

Die Redensart und Metapher vom Ast wäre also richtiger formuliert: Wir sitzen auf dem Ast, als Gruppe, und wir sehen, dass andere auf unserem gemeinsamen Ast sägen. Was sollen wir tun?

Nicht allein

Du sitzt auf dem Ast, doch du bist nicht allein. Du siehst, dass ein anderer Affe an dem Ast sägt. Du bittest ihn, damit aufzuhören. Er hört nicht auf, wie sehr du auch auf die Gefahr hinweist.

Es scheint fast so, als wollte er den Ast absägen und den gemeinsamen Fall provozieren. (Hat ihn jemand vom Nachbarbaum bestochen?)

Du warnst die anderen Affen davor, dass da am Ast gesägt wird, doch die winken ab. Bislang ist in der ihnen bekannten Geschichte nur ein oder zweimal ein Ast abgebrochen, und das ist jetzt etwas anderes, und hör also auf mit der Schwarzmalerei.

(Die werden) nicht aufhören

Es ist schmerzhaft, Harald, ich weiß. Und doch muss es zumindest für dich weitergehen, irgendwie.

Die Menschen haben weise Redensarten, doch sie lernen daraus wenig.

Verstecke deinen Schmerz, Harald, und triff Vorkehrungen für den Fall, dass die Affen, die am Ast sägen, nicht rechtzeitig mit dem Sägen aufhören würden.

Man soll nicht am Ast sägen, auf dem man sitzt – wir wissen es doch. Was aber, wenn andere Affen auf demselben Ast daran sägen – und du kannst sie nicht aufhalten? Ja, wenn es knackt, sägen sie nur umso trotziger! Dann wird der Ast eben zu Boden stürzen. Samt der Affen, die dann noch darauf sitzen.

Wenn die Leute, die an unserem Ast sägen, davon motiviert wären, den Ast nicht unter uns wegbrechen zu lassen, hätten sie dann nicht schon vor fünf oder zehn Jahren mit dem Sägen aufgehört?

Die künstlichen Bruchstellen knirschen und knacken schon, der Ast schwankt bedenklich und erste Affen fielen bereits in den Abgrund, doch statt innezuhalten sägen die sägenden Affen nur noch schneller!

Am Ende gewinnt immer die Realität – und der, der sich rechtzeitig auf ebendiese Realität einstellt.

Konsequenzen aus der Vergangenheit zu ziehen kann jeder, das ist weder klug noch besonders mutig.

Klugheit und innerer Mut liegen heute darin, Konsequenzen aus der absehbaren Zukunft zu ziehen.

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