31.05.2022

Tragödie, mit und ohne Tragödie

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Daniil Sliusar
Wenn dir alles genommen würde, was dir wichtig ist, wenn du deine Lieben verlörest und deinen Besitz dazu, wer und was wärest du?
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Den Arzt und den Essayisten unterscheidet zuerst, was es braucht, sich ein solcher nennen zu dürfen. Der Arzt muss eine gesetzlich vorgeschriebene, an den Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit schabende Ausbildung absolvieren. Ein jeder Hanswurst aber darf sich »Essayist« nennen, sogar noch bevor er die ersten drei Zeilen verfasste.

Dem Arzt und dem brauchbaren Essayisten aber ist beiden aufgetragen, bei ihren jeweiligen Patienten regelmäßig nach den Schmerzpunkten zu suchen – und gegebenenfalls Linderung vorzuschlagen. (Im einen Fall ist der Schmerz körperlich, im anderen ist er seelisch, wobei die Erfahrung uns lehrt, dass der eine Schmerz in den anderen diffundieren kann.)

Arzt wie Essayist fragen, wo es wehtut. Dann forschen beide nach der Ursache des Schmerzes, und im Rahmen verantwortlicher Vorsorge suchen beide regelmäßig nach drohendem Schmerz. (Bei gewissen Krebsarten ist es doch, wenn es wehtut, bereits zu spät.)

Wenn aber dem Patienten gar kein Schmerz einfallen will, dann verursachen wir schon mal welchen, um zu prüfen, ob und wie der Patient reagiert.

Der Arzt klopft etwa mit dem Hammer gegen das Knie. Er prüft, ob noch Patellarsehnenreflex stattfindet. Der Zahnarzt kratzt mit seinem Metallgerät am Zahn, um zu schauen, ob der Haken sich im Kariesloch verfängt. Oder der Zahnarzt hält etwas arg kaltes an den Zahnhals, und scheinheilig fragt er: »Tut das weh?« (Die beiden möglichen Antworten sind ein genuscheltes »Nö«, und: »Arghhagagagrhhhh!!1!«)

Der Essayist wiederum denkt sich ganz eigene Arten des testenden Schmerzes aus. Ein nicht unwesentlicher Unterschied liegt aber darin, dass der Essayist selbst oft der erste Patient ist, an dessen Zahnhals er das Eisige hält.

Die Zerstörung

Letztens las ich von einem schrecklichen Schicksal aus einem aktuellen Krieg. Eine Frau mittleren Alters verlor ihren Mann und ihre Kinder. Sie sah zu, wie man ihren Mann und ihre Kinder in die Erde legte. Mein Mut sank, als ich es bloß las, und ich notierte es.

Von schrecklichen Verkehrsunfällen abgesehen ist es der logische Lauf der Dinge, dass bei jedem Paar ein Partner früher stirbt als der andere. (Statistisch ist es meist der Mann, sei es altersbedingt, durch Suizid oder auch mal kurz nach dem, aber vollständig unabhängig vom x-ten »Booster«).

Wenn aber der Partner eines natürlichen Todes stirbt, hat man doch hoffentlich ein gut gelebtes Leben hinter sich. Man ahnte vermutlich schon länger, dass »es« bevorsteht. Man bereitete sich gemeinsam vor, diese Erdenrunde abzuschließen.

Den Partner aber plötzlich und um Jahrzehnte zu früh durch die Gewalt eines Krieges zu verlieren – plötzlich allein zu sein, wo man doch eben noch plante, was man nächste Woche, in fünf oder in fünfzehn Jahren unternehmen wollte – das ist etwas anderes. Das ist nicht das würdige Ende eines gemeinsamen Weges – das ist Zerstörung.

In dem Fall aber, von dem ich las, begrub die Mutter nach einem Angriff nicht nur ihren Mann, sondern auch ihre Kinder.

Es gibt genug Konstellationen, in denen der Tod eines Partners zwar schmerzhaft, aber dann doch eben natürlich ist. Es existiert aber kein Zusammenhang, in denen es seelisch einsortierbar ist, wenn Eltern ihre Kinder begraben.

Ich kenne manchen Menschen aus den älteren, solideren Generationen, der einem sagen würde, dass er selbst in diesem Szenario keinen Grund mehr sähe, weiterzuleben – und doch würde er es versuchen.

Der Träger

Aus der Bibel kennen wir den Fall des gottestreuen Hiob (siehe bibleserver.com). Gott und Teufel schließen eine Wette ab, ob Hiob »seinen« Gott verflucht und Ihm die Treue aufkündigt, wenn der Teufel alles nimmt, was Hiob wichtig ist, wenn er Hiobs Familie ermordet und seinen Besitz vernichtet.

Die Erzählung von Hiob mag nicht gerade das Ideal eines allgütigen Gottes bestärken, doch sie stellt eine grundlegende Frage: Was wären meine Werte, wenn alles, was bislang Träger und Trigger meiner Werte war, mir genommen würde? Was, wenn die Tragödie ohne Täter geschähe, sodass ich nicht einmal nach Gerechtigkeit streben könnte?

Wer und was wäre ich, wenn ein Unglück mir, wie dem Hiob, alles nähme?

Oder, schlichterdings: Wer bin ich?

Die Selbsteinordnung

Ich will an dieser Stelle nicht trösten. (Wen auch?)

Gläubige Menschen werden sagen, dass ohnehin nur Gott wirklich trösten kann. Ich verstehe das Gebet als die aktive Einordnung des Menschen in größere Zusammenhänge. Im Gebet verortet sich der Mensch im Größeren, dankt für Segen (psychologisch sehr wichtig!), formuliert seine Wünsche oder seine Not, und gesteht sogar seine »Sünden«, sprich: sein Versagen bei der Pflicht, funktionierender Teil größerer Zusammenhänge zu sein (dadurch und dabei implizit oder explizit Besserung lobend).

Wenn das Gebet den Menschen trösten kann, und das Gebet die Selbsteinordnung des Menschen in größere Zusammenhänge ist, dann besteht der einzige Weg für den Menschen, dem alles genommen wird, sich neu in den Zusammenhang der Welt zu stellen. – Und tatsächlich erleben wir bei einigen Verwitweten, dass sie auf Reisen gehen, die Kultur neu entdecken, neue Freunde suchen oder bestehende Freundschaften auffrischen.

Das Szenario

Ich berichte und bespreche diese schmerzhafte Konstellation aus zwei Gründen:

Erstens hat es mich bewegt, als ich davon in den Nachrichten las. Anders als der Arzt darf und soll der Essayist durchaus seinen eigenen Schmerz allen Lesern auftragen.

Zweitens stellt das Hiob-Szenario die grundlegende Frage, wer der Mensch außerhalb seiner Rollen, Pflichten und, ja, außerhalb seiner relevanten Strukturen ist.

Wer wäre ich, wenn man mir alles nähme?

Nun, ich wäre immer noch ich, also eine Instanz, die zu Willen, zu Gefühlen und hoffentlich auch zu Handlungen fähig ist.

Welche positiven Handlungen würde ich unternehmen, wenn mir alles genommen würde? Würde ich etwas Neues lernen wollen? Würde ich eine Reise unternehmen, die ich »schon immer« unternehmen wollte? Würde ich eine alte Gewohnheit loswerden und eine neue einüben wollen?

Wenn ich alles verlöre, dann läge auf schmerzhafteste Weise offen, wer ich wirklich bin. Ja, ich wäre allein, und Einsamkeit wird von unserer Natur, wie alles evolutionär Riskante, mit Schmerzen »bestraft« – doch was wäre ich noch?!

Eine Sekunde

Die vermutlich sinnvollste emotionale Überlebensstrategie nach einer solchen Tragödie besteht darin, sich (nach der notwendigen Trauerzeit) selbst in neue Kontexte zu stellen, sich »neu zu erfinden« – denn das »alte Ich« ist eben in sich zusammengebrochen.

»Ich denke, also bin ich«, sagte Descartes, doch aus der Erfahrung wissen wir, dass es die selbstbestimmte Handlung ist, die uns auch fühlen lässt, dass wir sind.

Manche der Handlungen, die der Mensch nach einer solchen Tragödie unternehmen würde, könnten womöglich dem entsprechen, was er »wirklich ist«. – Wenn Sie den vorausgehenden Satz auch nur implizit abgenickt haben, denken Sie doch eine Sekunde lang darüber nach, was es logisch impliziert. Mancher ist »nicht er selbst«, weil bislang keine Tragödie geschah. Manches Leben ist eine »Tragödie ganz ohne Tragödie«!

Die Frage

Ich habe keine Worte für das Leid, das jene Frau durchlebt. Ich schäme mich auch beinahe für die Frage, die der Philosoph in mir ganz reflexhaft stellte, nämlich den nach dem »Lebenssinn« eines realen Hiob. – Ich frage, um zu entdecken. Ich stochere, bis es schmerzt, eben um zu lernen.

Ich will »mich erkennen«, und also frage ich: »Was würdest du tun, wenn du alles verlörest? Wer und was bin ich wirklich?

Vielleicht wäre es eine gute Idee für uns, einige der Handlungen, die wir dann ausprobieren würden, ganz ohne Schmerz und Tragödie schon jetzt anzugehen.

Nun denn. – Der Schmerzen ist genug besprochen, lasst uns neue Taten sehen!

Ich danke Ihnen!

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