26.08.2021

Was, wenn?!!

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Fallon Michael
Sicher, die drei Kanzlerkandidaten sind drei Katastrophen, aber wir können guter Dinge sein: Der übernächste Kanzler wird das dann alles reparieren, in 16 Jahren also. – 2037 wird gewählt, und 2038 geht es los! Hurra, Kopf hoch, das wird schon!
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»Was«, so ruft der empfindsame Geist allein in die Finsternis, als er des Nachts in kaltschweißiger Panik gegen seinen Willen wach wird, »was wenn es alles gar nicht teleologisch ist?!«

»Ach Schatz«, murmelt seine bessere und beste Hälfte, »schon wieder diese Frage? Du drehst dich damit doch nur im Kreis!«

Egal, er macht wach!

Was macht noch mehr Spaß, als Witze zu erzählen – Richtig! Diese Witze zu erklären! (Und zeigt sich später dann in einer dramatischen Wende gar, dass der Witz gar keiner war, wird der Spaß ganz wunderbar – doch ich will nicht noch mehr vorgreifen!)

Ich will mir, liebe Leser, lieber schnell noch einen Kaffee holen, und dann mit Ihnen den Witz sezieren! (Der Kaffee ist geholt. Etwas bitter. Vielleicht hätte ich doch nicht beim Kaffeekauf so arg sparsam sein sollen. Egal – macht wach, auch das Bittere, und wie!)

Das Scharnier jenes Witzes ist das Wort »teleologisch«. Ich weiß, dieses Wort klingt ähnlich wie »Theologie«, und es kommt auch in jener philosophischen Kunstform vor, doch »theos« bedeutet Gott, aber »teleos« bedeutet Ziel.

Die Theologie ist das Reden von Gott, die Teleologie ist das Reden von einem Ziel (siehe auch Wikipedia).

Teleologisch zu denken, das bedeutet als Grundprämisse zu setzen, dass sich die Geschichte in allen ihren Größenordnungen auf ein Ziel hin entwickelt (und etwas in unseren Seelen will uns überzeugen, dass ein Ziel fast so gut wie ein Sinn ist).

Der Grübler wacht dieser Tage, nass, also von kaltem Schweiß tropfend aus dem ohnehin unruhigen Schlaf auf, und ruft panisch: Was, wenn sie es nicht tut?! Was, wenn unsere Teleologie eine Lüge ist, und wir genau nirgends hin unterwegs sind? (Und seine Gattin bestätigt ihm das zumindest bezüglich seiner Grübeleien – das ist der Witz.)

Jetzt noch voller!

Gestehen wir es uns ein: All unser öffentlicher Disput, all unser Händeringen und Maulaufreißen, ohne die Prämisse, dass es irgendwo hinführen kann, wäre es ja noch vergeblicher!

Was, wenn wir ™ gar nicht klüger werden können – und also nicht klüger werden werden? Was wenn kein Kaffee in keiner Preisklasse uns klüger machen wird? Was, wenn dies genauso klug ist, wie wir maximal klug sein können?

Betrachten wir doch einmal das politische Personal, das aktuelle wie das kommende. Ich erinnere mich noch an Zeiten, als man von Wahl zu Wahl hoffte, dass wir das in der nächsten Wahl schnell korrigieren, und ab dann geht es wieder voran in eine gute Richtung.

Thilo Schneider kommentierte süffisant:

16 Jähre Merkel und die besten, die wir finden konnten, sind ein Vergesslicher, ein Langweiler und eine überkandidelte Plagiatorentrulla.
Wer genau hinhört, der kann Donald Trump über den großen Teich lachen hören… (@ThiloSc, 26.8.2021)

Politiker seien wie Windeln, so heißt es, sie seien regelmäßig zu wechseln, und zwar aus denselben Gründen.

Nun, heuer wechseln wir aus Ritual und Gewohnheit wieder die Windeln, doch die Neuen sind so neu nicht, und vor allem riechen sie bereits vorher voller noch als die Alten!

Ich seufze, die Bitterkeit pudelt über meine Türschwelle ins Studierzimmer (vielleicht will sie auch nur etwas von meinem Kaffee, ihr wird er wohl schmecken).

Ich suche Heil und Rettung im Sarkasmus. Die Kanzlerkandidaten sind alle eine Katastrophe, das ist wahr, doch ich bin guter Dinge: Der übernächste Kanzler wird das bestimmt alles reparieren, in 16 Jahren, also 2037 wird gewählt werden, doch dann, im Frühjahr 2038 (an dieser Stelle zählen Sie vielleicht nach, wie alt Sie dann sein werden), dann geht es bestimmt los! Auf also, Brüder im Geiste und Schwestern im Schicksal: Hurra und Kopf hoch, es wird schon werden!

Besser wird‘s …

Jedoch, im der Lage angemessenen irren Ernst: Was, wenn keine künstliche Intelligenz uns vor uns selbst rettet, uns das automatisierte Glück beschert? Was, wenn dies das beste ist, was wir mit unserer Freiheit anrichten können? Ich selbst hoffe ja noch aufs Wunder – was aber, wenn wider alles innere Wünschdirwas keines geschieht?

So ehrlich wie grundsätzlich gefragt: Was, wenn es uns (von wenigen einsamen Heiligen abgesehen) nie gelingen wird, das dumme, ängstliche, gierige Tier in unserer Amygdala zu überwinden?

»Besser geht’s nicht«, so stellt ein schöner Film mit Jack Nicholson bereits im Titel fest, und im englischen Original: »As good as it gets.« – Der Charakter Melvin (Nicholson) stürmt in die Praxis seines Psychiaters – der mit ihm aber nicht ohne Termin sprechen will – und beim Hinausgehen durchs Wartezimmer stellt er den konsternierten Wartenden die große Frage: »What if this is as good as it gets?« (siehe YouTube) – und auch ich könnte mich, bitteren Kaffee schlürfend, wie ein Klient beim Psychiater fühlen, der die anderen Wartenden – sprich: Sie – von plötzlicher Erkenntnis selbst verdattert fragt: »Was, wenn das hier so gut ist, wie es eben gut werden kann?«

Um 2037 herum

Wir wollen den Witz vom Anfang des Essays hier, also dem vorläufigen Ende eben desselben Gedankengangs nahend, erneut aufgreifen, wie es sich für einen handwerklich sauberen Essay gehört. Ihre Empathie voraussetzend (wenn ich nicht stets von dieser ausginge, was wäre auch der Sinn meines Schreibens?) gehe ich davon aus, dass Sie und ich in diesen Minuten einiges gemeinsam durchgemacht haben und beide den Witz nicht mehr witzig finden (so Sie es überhaupt je taten).

Wir stellen die Frage des kaltschweißigen Empfindsamen jetzt selbst: Was wenn es alles überhaupt nicht teleologisch ist und wir feststecken?

Ich könnte ja für mich beschließen, dass nur weil die große Welt stagniert, ich selbst doch nicht gezwungen bin, es ebenso zu tun!

Politik und Presse widersprächen vehement, wenn wir sagten, es gäbe kein Recht auf Dummheit, das ist wahr – doch im Geheimen kann ich es ja weiterhin so halten, und täglich klüger werden wollen! (Nur besseren Kaffee sollte ich dazu trinken – meine Güte.)

Ob uns also schon bald das digitale Paradies bevorsteht oder 16 weitere Jahre lähmendes Gemerkel, ob wir mit einem Fuß auf der Schwelle zur elektronischen Erleuchtung stehen oder auf ewig weiter zu wurschteln verdammt sind, der Auftrag an den Einzelnen muss doch bleiben, was schon die alten Lateiner einander auftrugen: Carpe diem! – Pflücke den Tag!

Weil wir nicht so vulgär sind wie die, die uns zur regieren sich anmaßen, bedenken wir auch den Zusammenhang jenes Zitats:

Dum loquimur, fugerit invida aetas: carpe diem, quam minimum credula postero. (Horatius: Carmina, Buch 1)

Frei ins Deutsche übertragen: »Während wir hier reden, ist uns doch bereits die neidvolle Zeit entflohen: Pflücke den Tag, und vertraue dem nächsten Tag so wenig wie möglich.«

Pflücke den Tag, pflücke diesen Tag – und nutze ihn gut! Wie willst du dem nächsten Tag vertrauen?

Werde heute etwas klüger, denn Klugheit und Weisheit sind ihr eigener Lohn.

Sei heute ein anständiger Mensch, denn was für ein Mensch willst du sonst sein?

Ringe heute dem Tag alles ab, was er dir an Freude geben kann – das soll der Tag dir schuldig sein!

Was, wenn es alles gar nicht teleologisch ist? Was, wenn dieser Zustand eben so klug und gut ist, wie wir klug und gut sein können?

Nun, dann sollten wir dennoch nicht verzagen, zumindest im Privaten nicht. Uns selbst hindert ja niemand – außer eben uns selbst – täglich klüger zu werden (oder zumindest täglich weniger dumm). Wir wollen nach der Hoffnung suchen, die sich aus der Handlung speist (und vielleicht sollten wir uns den besten Kaffee gönnen, den wir uns leisten können).

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