Dushan-Wegner

24.12.2022

Von alten Festen und gekaperten Ideen

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, strasse
Wofür steht Weihnachten? Was bedeutet Heiligabend für Sie persönlich, wenn Sie ehrlich sind zu sich (und dem Rest von uns)? Und was bedeutet es für Christen heute? Für das Land insgesamt? – Steht Weihnachten ÜBERHAUPT für etwas?
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Liebe Leser, stellen Sie sich vor, Sie wollen eine Party feiern, doch Sie sind nicht sicher, ob genug Leute kommen. Was tun?

Ich habe eine Idee: Kapern Sie einfach eine andere Party, und sagen Sie, dass diese Party in Wahrheit schon immer Ihre Party war! Sie wären nicht der Erste damit.

So wie die Heiden von heute die Sonne und den Wind verehren, so verehrten die Heiden von einst auch schon die Sonne, und die Römer nannten es den Sonnengott »Sol Invictus«.

Das Fest der unbesiegten Sonne lag auf dem 25. Dezember. (»Dezember« kommt übrigens vom »Zehn«, weil er damals der zwar zehnte, aber eben der letzte Monat war.)

Die Christen »kaperten«, so habe ich gelesen, die Feiern für den Sonnengott, und erklärten das Fest der Geburt der Sonne zum Fest der Geburt Jesu.

Und schwuppdiwupp feierte plötzlich das römische Reich die Geburt Jesu – eine wahrlich virale Idee! (Zunächst kamen ein paar Zwischenstufen wie die Löwen im Kolosseum und Kaiser Konstantin, ich weiß, aber eine »virale Idee« ist das Christentum dennoch – und wie!)

Eine weniger zynische Deutung wäre, dass die Christen die bestehenden Feste als Deckmantel nutzten, um unbemerkt in deren Schutz ihre Religion zu praktizieren.

Damals wurden die Christen nämlich verfolgt, so wie in Teilen der Welt heute wieder.

Ewig wechselnd

Es ist aber natürlich nicht zufällig, dass wir Ende Dezember einen Neuanfang feiern möchten. Es ist, wie gesagt: natürlich im ursprünglichen Sinn.

Ob Sie sich nun als Christ, als Heide oder als ein sonstiges Gender identifizieren, der Mensch bleibt ein natürliches Wesen, und so spürt er, zumindest auf dem nördlichen Teil des Globus, die Kraft des natürlichen Neuanfangs.

Während wir uns ein Jahr von unserer eigenen Krippe fortbewegten, und ein Jahr in Richtung der anderen Ruhestätte, vollendet die Natur bloß einen weiteren Kreis in ihrem – zumindest aus unserer Perspektive – ewigen Kreislauf – so etwa wie Goethe von Schweizer Schönheit inspiriert schrieb: »Ewig wechselnd.«

Rund ums neue Jahr wird so manches Fest gefeiert, manche organisierte Fröhlichkeit inszeniert. Erst gestern, als ich Gassi mit dem Hund ging, traf ich auf eine Trommelkapelle, welche die Straße und zwei Nachbardörfer mit lauten Rhythmen erfreute – und deren Trommler wie selbstverständlich Nikolausmützen trugen, womit sie wohl anzeigen wollten, dass dieses Trommelgewitter weihnachtlich zu deuten sei.

Und ich fand es großartig, die Freude war mir das dezente Pfeifen in den Ohren wert!

Öfter dem Lachen

Ja, ich mag es, wenn wir Menschen einander die Feste kapern, wenn wir uns voneinander Götter leihen und auch mal die Propheten. (Außer natürlich, wenn die potenziellen Tauschpartner einem dafür den Kopf abzureißen drohen, buchstäblich. Solche Leute lasse ich in Ruhe, will aber auch selbst in Ruhe gelassen werden.)

Ob Sonnenfest oder Christi Geburtsfest oder simples Aufwärmen bei Glühwein, während irgendwo Musik spielt: Weihnachten ist das Fest, das der Mensch ganz ernst nehmen sollte – doch sich selbst dennoch nicht allzu sehr. Für Christen ist es das Fest der Geburt Christi, und für Familien ist Weihnachten eine Möglichkeit, jenseits des Aufkochens alter Streitsuppe etwas Zeit fürs Zuhören zu finden.

Ein Jahr neigt sich seinem Ende zu, ein neues Jahr wird bald beginnen. (Meine Video-Weihnachtsbotschaft findet sich übrigens bei Twitter und bei Facebook.)

Möge es ein gutes Jahr werden, trotz allem, bei allem. Möge es ein fröhliches und gesegnetes Jahr werden.

Mögen unsere Tränen öfter dem Lachen als Weinen geschuldet sein.

Wir wollen fröhlich sein und Glück suchen, doch nicht, weil wir für die Umstände blind wären, sondern weil wir den größeren und maximal relevanten Kontext sehen, nämlich dass dies für jeden sein einziges und damit sein wichtigstes Leben ist.

Und nächstes Jahr werden wir uns wieder wundern, wie wir das alles überlebten und doch guter Dinge sind.

Ich wünsche jedem von uns wirklich schöne Feiern, und wenn Sie keine eigene Feier haben, kapern Sie halt eine.

Immer wieder neu zu beginnen sollte ein Menschenrecht sein, und Fröhlichkeit ebenso.

Sie haben beides verdient, beginnen Sie neu (nachdem Sie das Weihnachtsessen verdaut haben), nicht obwohl es so ist, wie es ist, sondern gerade deswegen!

Ja, ich will froh sein, so trotzig bin ich – und hiermit sei der Frohsinn aus Trotz auch Ihnen genehmigt.

Weiterschreiben, Wegner!

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