19.12.2022

Wellen vs. Sandkörner

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten
Die Mühe des Menschen erinnert an die Wellen, die stur an den Strand rollen, wieder und wieder, und zum Schluss kann er es »Sinn« nennen, ein paar Sandkörnchen umgeräumt zu haben – wenn es gut lief. (vom Autor vorgelesen)
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Es war einmal ein alter Mann, und es begab es sich, dass dieser alte Mann an einem sonnigen Tag bei blauem Himmel auf einer Anhöhe zu stehen kam, von welcher aus er das Meer überblickte.

Er sah, wie die Wellen an den Strand rollten. Eine nach nach der anderen. Stark und mächtig, sanft und friedlich. Immer schon.

Die Wellen waren in ewiger Bewegung. Spielten sie? Arbeiteten sie? Und wenn sie arbeiteten, auf welches Ziel arbeiteten sie hin?

Jede Welle unterschied sich von allen übrigen Wellen, die jemals gewesen waren oder die jemals sein werden.

Und doch glich eine jede der Wellen allen übrigen darin, dass sie eben Wellen waren, also Eigenschaften des Meeres, welches selbst eine Eigenschaft der Welt ist – ebenso wie die Menschheit, ebenso wie der Mensch.

Ja, die Menschen, wie sie so gegen das Ufer der Realität anrollen, sie sagen schon mal, und sie meinen es bisweilen auch, dass sie klüger und glücklicher werden wollen.

Und sie arbeiten immerzu daran, an diesem sogenannten Glück – oder zumindest daran, nicht etwa durch Verarmung ganz unglücklich zu werden.

Ja, wir Menschen arbeiten, wir schuften und wir mühen uns. Sogar unser Spiel und unsere Freude sind Arbeit, sogar die Liebe wird zur Pflicht.

Die Pflicht aber wird zur Flucht vor jener Konfrontation, welche die meisten von uns am meisten fürchten: die Pflicht als Flucht vorm ehrlichen Blick nach innen.

All unsere Mühe ist wie das Rollen der Wellen an den Strand, und unser Ertrag ist oft ähnlich.

Wieder und wieder und wieder versuchen wir es, und doch, was habe ich zum Schluss geleistet?

Wenn das Leben wirklich außerordentlich gut gelingt, habe ich ein paar Sandkörner abgetragen, und einige andere Sandkörner hinzufügt, und ich nenne dieses Umordnen der Sandkörner meinen »Sinn«, und ich erkläre mich damit zufrieden.

Der Alte hörte den Gedanken hinterher, die das rhythmische Rauschen der Wellen ihm eingegeben hatte.

Man könnte meinen, dass er also traurig wurde, dass er die Vergänglichkeit und oft auch Vergeblichkeit des Menschen betrauerte, die doch auch seine Vergänglichkeit und seine Gefahr der Vergeblichkeit war – doch nein!

Er lächelte vielmehr, denn er sah Schönheit darin. Die Welle, die an den Strand rollt, der Mensch, der täglich und jährlich aufs Neue sein Glück zu finden versucht, beide stehen sie ein jedes Mal neu für die Hoffnung, dass Glück möglich ist.

Im Meer spiegelt sich das Blau des Himmels, und dieses Blau ist bekanntlich ein optischer Effekt, eine Illusion quasi, eine Brechung des Lichts, die den Augen ein blaues Tuch vorspielt.

Der Himmel ist weit entfernt, und doch scheint er im Prinzip wie eine freundliche Kuppel über uns, die größte der Kathedralen und zweifellos die göttlichste, doch wenn der Mensch näher kommen sollte, dann löst sich vor seinen Augen auf, was nie existierte, und plötzlich ist da nichts als das kalte, tödliche Weltall.

Der wirklich ehrliche Blick in den Himmel ist jener bei Nacht, in der wirklichen Einsamkeit, wo außer Mond und Sternen kein menschliches Licht leuchtet.

Verhält es sich mit dem Glück wie mit dem vermeintlichen Blau des Himmels?

Nun, der Alte zumindest fühlte sich in diesem Moment am Meer, in der Sonne, unterm blauen Himmel, ein wenig glücklich, als hätte das große Glück ein wenig von sich vorab geteilt und heimlich ihm zugesteckt.

Wie fleißige Wellen rollen wir Menschen an den Strand der Realität, redlich bemüht, die Sandkörner neu anzuordnen.

Wenn das Blau des Himmels nur eine Illusion ist, so ist sie doch eine, die sich in den Wellen des Meeres spiegelt.

Und wenn das große Glück eine Illusion ist, so möge auch das Glück sich in den Momenten unseres Lebens spiegeln.

Danke, Wegner!

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