29.03.2022

Wie lange hältst du es ohne Nachrichten aus?

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten
Nachrichten sind wichtig, doch ab einem bestimmten Punkt schafft weitere Lektüre mehr Stress als Mehrwert. Gönnen Sie sich gelegentlich einen Tag ohne Nachrichten? (🔊 Text vom Autor vorgelesen!)
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Dutzende Mails, jeden Tag. Dreistellig jede Woche, vierstellig jeden Monat. Nicht wenige Leser schreiben mir, um mich auf etwas hinzuweisen: »Dies ist wichtig!«, »Jenes ist, was wirklich passiert!«, »Haben Sie davon schon gehört?«

Dazu meine abonnierten Feeds. Einige Standards, viele Obskure. Ein ewiger Strom von Information. Einiges ist aufregend, einiges fake-aufregend, zu viel ist negativ.  

Ich betreibe keine Nachrichten-Website und keinen Debatten-Blog (wenn auch den automatisierten Überblick namens »Freie Denker«). Ich bin ein persönlicher Essayist, und ich schreibe, was mich zum jeweiligen Zeitpunkt beschäftigt (natürlich nachdem und während ich viele verschiedene, teils widersprüchliche Quellen studierte und verglich).

Ich könnte der Nachrichten-Flut ja selbst dann nicht entkommen, wenn ich ihr entkommen wollte. Die Nachrichten schwappen in jede Nische unseres Alltags, in unsere Wohnungen und Büros, in die Geschäfte und die Werkstätten. Nachrichten sind auf unseren Telefonen und Computern, auf Bildschirmen in der Stadt, in Verkehrsmitteln und in Warteräumen sowieso. Wir schwimmen in Nachrichten – nicht, dass wir noch ertrinken!

Einmal durchatmen, einmal Abstand nehmen. Der Abgrund von Nachrichten und Krieg und Zwangsimpfung und Manipulation und Propaganda und den täglich neu wahr werdenden Verschwörungstheorien, er bleibt eben das: ein Abgrund.

»Wie trinkt man ein Meer aus?«, so fragte jemand mal, und er gab die Antwort: »Löffel um Löffel, Schluck um Schluck.« – Es klingt weise, doch in der Sache ist es Unsinn: Selbst wenn du solche Mengen des salzigen Meerwassers trinken solltest, wie sie noch kein Mensch vor dir trank, selbst wenn du anschließend mit den von Salz zerfressenen Organen im Krankenhaus dahinsiechen würdest, die Menge des von dir getrunkenen Meerwassers würde fürs Meer keinen Unterschied ausmachen.

Ich habe gehört, gewisse physikalische Phänomene würden davon beeinflusst werden, dass   man sie beobachtet. – Ich sage: Frage dich kritisch, lieber Nachrichtenleser, ob es bei den Nachrichten des Tages wirklich ebenso ist: Wird sich die Welt zum Besseren verändern, wenn und nur weil du mit der Lupe des nervösen Beobachters des Tagesgeschehens untersuchst? Wird durch deine Beobachtung die Welt mehr wie du werden – oder wirst du mehr werden wie die Welt?

Wenn du genug Information erfahren hast, um deine nächste Handlung zu beschließen (und sie auch ausreichend vorab zu prüfen), dann wird weitere Information zur Last. Selbst die leckerste Speise, wenn du einmal voll bist, verliert doch für den Augenblick ihren Reiz.

Beim Essen wie bei den Nachrichten (und einigen anderen Angelegenheiten) scheint es mir ratsam, am notwendigen Zeitpunkt zu sagen: »So, und jetzt ist genug.«

Was aber dann? – Was sagen wir, wenn der Zeitpunkt des großen Genug gekommen ist? Nein, klüger gefragt: Was tun wir, wenn es genug ist?

Wenn wir genug gegessen haben, zumindest genug für den Moment, dann stehen wir vom Tisch auf, und wir tun Dinge, sei es umherlaufen, etwas reparieren oder wichtige Entscheidungen treffen.

Wenn wir genug Nachrichten gesammelt haben, dann treffen wir Entscheidungen in eigener Sache, oder wir lassen es sein, und auch das ist eine Handlung.

Wir kennen ja das alte Gebet: Gott gebe mir die Kraft, zu ändern, was ich ändern kann. Die Geduld, zu ertragen, was ich nicht ändern kann. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Man könnte in ähnlichem Geist heute sagen wollen: Ich will meinen Blick vom Abgrund der Nachrichten hochheben. Ich wende mich von den Nachrichten ab – und gucke, was da außerhalb der Nachrichten noch an Leben bereitsteht.

Du siehst den Tod und die Gefahr in den Nachrichten. Es ist ja wahr, dass alles vergänglich und das Leben schmerzhaft kurz ist. Doch das ist ein Grund zum Feiern und zu großer Freude, dass wir jetzt und hier und in diesem Augenblick überhaupt hier sind!

Das Leben ist zu kurz und zu wertvoll, um immerzu darauf zu starren, was alles schiefgeht, wo überall wir Menschen am Menschsein scheitern.

»Wie lange hältst du es ohne Nachrichten aus?«, so frage ich mich, und ich zögere unangenehm lange, die Antwort »im Prinzip beliebig lange« zu geben – ich will ja stets ehrlich sein.

Morgen lasst uns wieder die Nachrichten studieren, oder heute Abend, etwas später. Für jetzt will ich mir einige Momente ohne Angst und Sorge gönnen. Wenn ich tot wäre, würde die Welt sich ja auch ohne mich weiterdrehen – also wird sie sich nicht weniger weiterdrehen, wenn ich einige Momente lang wegschaue und ganz bei mir bin.

Ich sage uns: Ändert, was ihr ändern könnt – und was ihr ändern wollt. Helft, wo ihr helfen könnt – und wo ihr helfen wollt.

Und dann gönnt es euch, wieder wegzuschauen.

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