Dushan-Wegner

07.06.2024

Wie viel Zeit bleibt uns noch?

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten
Mal eine offene Frage: Wie viel Zeit bleibt uns noch? Und was erwarten und/oder erhoffen wir, wenn diese Zeit um ist?
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Wir unterschätzen die Minuten des Tages und überschätzen die Tage des Lebens.

Du unterschätzt, was du alles an einem Tag leisten könntest – wenn du wirklich wolltest. Was könntest du auf dem Weg zur Arbeit erledigen, wie viele Hörbücher hören? Was könntest du alles erschaffen, erfinden und entdecken, wenn du den Mut aufbrächtest, den Job zu kündigen und anders Geld zu verdienen? Wenn es nicht ganz so drastisch sein soll: Wie viel könntest du in der Arbeit erledigen, wenn du jedes Meeting auf 10 Minuten begrenzt, jedem Thema eine unverhandelbare Deadline setzt?

Ja, wir unterschätzen dramatisch, wie viel wir durch Aufbrechen und Neudenken der Routine an jedem gegebenen Tag leisten könnten.

Und nicht weniger dramatisch überschätzen wir – gerade als junge Menschen, oder die, die sich für »jung« halten – wie viel Zeit uns im Leben bleibt.

Ich habe vor Jahrzehnten mit Freunden die USA bereist. Wir hatten fünf Wochen Zeit. Und ich stellte etwas Erstaunliches fest: Ich sah in diesen fünf Wochen mehr amerikanische Wahrzeichen, als die allermeisten Amerikaner sie in fünf Jahrzehnten sehen.

Der Grund dafür war, wie ich später lernte und verstand, dass unsere Zeit in den USA damals begrenzt war. Wir kannten den Tag, an dem wir abreisen würden, wir zählten die Vor- und Nachmittage herunter, und wir nutzten jeden davon. Anders als wir Touristen aber leben die meisten Amerikaner im impliziten Glauben, ihr Leben in den USA würde noch unbegrenzt laufen, und selbst wenn sie all die amerikanischen Attraktionen noch besuchen wollten, könnten sie das »auch noch später irgendwann« tun – und also tun sie es nie.

Freunde, ich stelle mir dieser Tage die Frage, und zwar bereits seit einigen »dieser Tage«, wie viele »dieser Tage« uns noch bleiben.

Wie viel Zeit bleibt »uns« als Westen und als westliche Kultur?

Aber auch »uns« als den vielen Individuen, die in diesem Westen leben und sich implizit auf die Ordnung, die Werte und das System ebendieses Westens verlassen.

Ich habe ja selbst, inzwischen vor einigen Jahren nun, »die letzten Tage des Westens« für eingeläutet erklärt. Doch noch existieren »wir Westler«, und also muss das, was um uns her ist, auch »der Westen« sein, und damit existiert der Westen noch.

Oder tut er es vielleicht doch nicht? Sind wir längst gekauft und transformiert und gestehen es uns nur nicht ein?

Wie viele Tage bleiben uns noch? Ich verglich uns mal mit einem Mann, der aus dem Fenster des zehnten Stocks fällt, und dem nur noch bleibt, die vorbeirauschenden Stockwerke zu zählen.

Wenn all das hier begrenzt ist, wenn es ein Enddatum gibt, einen berechenbaren Zeitpunkt des Einschlags auf dem Gehweg, was ist dieser?

Schreibt mir eure Meinung und Deutung in den Kommentaren zum Video. Widersprecht mir, und sagt mir, warum die Tage des Westens, sprich: der westlichen Gesellschaft und Kultur, eben doch nicht gezählt sind. Oder schreibt, in welchen Zeitspannen ihr zählt. Und, natürlich, wie ihr euch bei all dem so fühlt.

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