25.7.2017

Willkommen braucht Heimat

von Elisabeth Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Bild von Rob Bye

Als ich Anfang 20 war, habe ich einige Monate in Beer Sheva gelebt. Bei meiner Ankunft wurde ich von meinen Freunden, einer Gruppe Informatikstudenten, begrüßt mit den grinsenden Worten: „Herzlich Willkommen in unserem Wüstenloch. Aber Abraham hat hier seinen Brunnen gebaut.“

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Als ich Anfang 20 war, habe ich einige Monate in Beer Sheva gelebt. Bei meiner Ankunft wurde ich von meinen Freunden, einer Gruppe Informatikstudenten, begrüßt mit den grinsenden Worten: „Herzlich Willkommen in unserem Wüstenloch. Aber Abraham hat hier seinen Brunnen gebaut.“ Es stimmt schon, Beer Shevas Schönheit erschließt sich nicht jedem auf den ersten Blick. Abrahams Brunnen ist zwar zu besichtigen, aber leider auch häufiger mit Müll befüllt.

Hinzu kam, dass unsere WG sich in der Nachbarschaft Dalet befand. Nachbarschaft Alef waren die Edel-Villen, in Beth fanden sich die Doppelhaushälften, Gimel waren die Wohnhäuser für Familien und Berufstätige, in Dalet hatten die Fenster Gitterstäbe. Hier wohnten Kleinkriminelle oder Studenten.  Es gab noch Hey, aber da habe ich mich nie hingetraut.

Foto von Kristina Balic
Foto von Kristina Balic

Auf meinen frühmorgendlichen Sonnenaufgangssuchspaziergängen wurde ich grundsätzlich beschenkt. Einmal schenkte mir ein Obsthändler eine Banane, weil ich so glücklich wirkte auf dem Weg durch die schmutzige Straße. Einmal schenkte mir ein Bäcker einen warmen Sesamkringel direkt aus dem Ofen.

Bei einem Spaziergang lud mich ein älterer verhutzelter Herr mit imposant langem grauen Bart und einigen abwesenden Zähnen in seinen Garten ein, er wolle mir etwas zeigen. Natürlich zögerte ich kurz. Aber ich war jung und mutig und wir gingen durch ein Törchen hinter sein Haus, wo er eine Sammlung verschiedenster Kakteen präsentierte. Er erzählte, er habe sie früher auch verkauft, aber damit aufgehört, als einer mit ihm über den Preis feilschen wollte.

Foto von Derek Truninger
Foto von Derek Truninger

Eine Freundin aus Schweden, die ich in einem Café in der Altstadt kennenlernte, lud mich zu sich nach Hause ein. Sie wohnte in einem liebevoll eingerichteten Häuschen, dessen Wände alle in unterschiedlichen Farben gestrichen waren. Das entsprach genau meinem damaligen Geschmack. Während wir Leonard Cohen hörten und uns unterhielten, klangen immer wieder recht unanständige Rufe von draußen durch das offene Fenster. Auf meinen fragenden Blick hin erklärte sie mir dann, dass sie erst nach dem Einzug erfahren hatte, dass das Gebäude früher ein Puff war.

Diese Stadt war eine Ansammlung von kauzigen Menschen, die alle aus unterschiedlichsten Gründen diesen Ort ausgesucht hatten, um hier einige Monate oder Jahre zu leben. Sie lachten liebevoll, wenn sie davon sprachen, wie unglaublich hässlich ihre Stadt sei. Es war einer der Orte, an denen ich mich wunderbar heimisch gefühlt habe.

Ich glaube Heimat hat nicht dringend etwas mit Ort oder Sprache zu tun, obwohl es hilft, wenn man einen Ort gut kennt oder die Sprache versteht. Das entscheidende Kriterium ist aber doch, wie man dort empfangen wird, welchen Menschen man dort begegnet. Werde ich so willkommen geheißen, wie ich bin? Kann ich mein wahres Selbst zeigen, ohne Angst haben zu müssen? Kann ich Momente erleben, Erfahrungen sammeln, die ich für den Rest meines Lebens mit einem Lächeln erzählen werde, die ein Teil meiner erweiterten Biographie werden? Dann bin ich zuhause. Zumindest für eine Weile.

Heimat ist natürlich auch da, wo man Deine Geschichte kennt und sie ganz akzeptiert mit ihren strahlenden und dunkleren Kapiteln, wo Du weißt, man wird zu Dir halten. Heimat ist immer und überall, wo gegenseitiges Wohlwollen herrscht, denn das ist das Fundament zum Wohlfühlen. Damit ich aber andere in meiner Heimat willkommen heißen kann, muss ich doch irgendetwas an meiner Heimat lieben, was ich ihnen vorstellen kann. Oder?

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