27.11.2021

Wollen wir, nicht wahr

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Cristiano Pinto
Eine Welt, in der Menschen einander zugestehen, politisch jeder auf seine Weise richtig zu liegen, aber eben anders – und friedlich auseinander gehen. Ein scherzhafter Traum? Ein Missverständnis gar?
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Ja, wir haben beide recht und, um uns dessen nicht unwiderleglich bewußt zu werden, wollen wir, nicht wahr, lieber jeder allein nach Hause gehn. – Der Satz, den Sie eben lasen, also der Anfang dieses Essays, liebe Leser, ist der letzte Satz aus Kafkas kurzer Erzählung »Die Abweisung«.

Es ist das Ende eines Textes, der wie eine Parabel und doch sehr konkret klingt (wenn auch das Gesprochene beider Beteiligten nur im Kopf des Erzählers gesprochen wird).

Wenn es aber eine Parabel wäre, wofür sollte sie stehen? Ist es die Parabel einer klügeren Zeit, als Menschen sich einigen konnten, jeder auf seine Weise richtig zu liegen, und doch in den Meinungen wohl nicht kompatibel zu sein, und um sich zumindest die Option auf spätere Neubewertung offen zu lassen, in Frieden auseinander zu gehen beschlossen?

Wäre es nicht schön, wenn wir auch im politisch-gesellschaftlichen Umgang einfach »agree to disagree« praktizieren könnten, wie die Amerikaner es sagen?

»Agreee to disagree«, das bedeutet, frei ins Deutsche übertragen: »sich zu einigen, nicht einer Meinung zu sein«.

Es wäre unvollständig, an dieser Stelle nicht zu erwähnen, dass jener amerikanische Ausdruck »agree to disagree«, sich längst in der Euphemismusmühle mitdreht. »Let’s agree to disagree« bedeutet heute »ach, halt die Klappe mit deiner Idiotie«.

Eben doch

Wer nur das von mir zitierte Ende jener so schmucken wie kurzen Geschichte hören sollte, wer es tatsächlich politisch deutet, er würde womöglich von seiner allzu idealen Deutung in die Irre geleitet werden.

Es ist sehr wohl eine Geschichte von zwei Menschen, die nicht zueinander passen, es geht aber nicht um politische Meinungen!

Die Abweisung ist eine, sagen wir mal, zynisch-realistische Liebesgeschichte. Habe ich Liebesgeschichte gesagt? Ich meinte: Nicht-Liebesgeschichte.

Der Ich-Erzähler – oh ja, nebenbei: wir sind doch alles Ich-Erzähler unseres eigenen Lebens, manche von uns Realisten, manche Surrealisten, und manche sind geradeaus Phantasten, zurück aber zur Geschichte – Kafkas Ich-Erzähler also berichtet von der kurzen, buchstäblich vorübergehenden Begegnung mit einer Dame.

»Wenn ich einem schönen Mädchen begegne«, so beginnt die Erzählung (hier endlich der Internet-Link). Sie weist ihn ab. In den Worten, die er ihr zuschreibt (!), lässt sie ihn wissen, dass er »kein Herzog« sei, und er gibt ihr im – ebenfalls nur gedachten – Gegenzug zu verstehen, dass sie ein Kleid aus dem »vorigen Herbste« trage.

Das ist, worin sie einander Recht geben. Man lässt einander wissen, dass man jeweils und in beiderlei Richtung nicht genug füreinander sei. Jene Geschichte ist eine Nicht-Liebesgeschichte – aber eine Liebesgeschichte eben doch.

Wohl unüberwindbar

Ich frage: Ähnelt nicht auch manche Meinungsverschiedenheit in politischen und gesellschaftlichen Dingen einer solchen Nicht-Liebesgeschichte?

Was unterscheidet mich denn von meinem sich mir politisch spinnefeind gebenden Nachbarn denn, außer dass wir einander für in politischer Hinsicht ganz falsch halten?

Ach, es ist wohl unüberwindbar. Im Kapitalismus sei der Mensch dem Menschen ein Wolf, und im Sozialismus sei es umgekehrt, so heißt es, doch beides ist zu optimistisch gedacht.

Ich habe noch nicht gehört, dass zwei Wölfe, ansonsten in allen übrigen Angelegenheiten sich gleichend, einander nur deshalb an die Kehle gehen, weil sie jeweils unterschiedliche Parteien wählen.

Kafka hatte seine kleine Geschichte im Jahr 1906 geschrieben. Er war um die 23 Jahre alt. Wir seufzen, denn sollte ein junger Jurist in diesen Damenangelenheiten nicht, wie man sagt, »lebenslustiger« sein? Ach ja.

Eine Utopie bald

Was in jener Erzählung noch wie Zynismus klingt, das erscheint uns heute, ausgeschnitten und auf die politische Lage gedeutet, wie eine Hoffnung, eine Utopie bald.

Wenn wir doch nur lernen könnten, derart auseinander zu gehen, dass eine Neubewertung offen bleibt.

Ich bin kein Herzog mit fliegendem Namen, dich trägt kein Automobil in langen Stößen schaukelnd durch die Gasse, und doch teilen wir dieselben Straßen und ein ganz ähnliches Schicksal. Wir liegen womöglich beide richtig, auch darin, dass der andere falsch liegt – so ist die Welt, so ist des Menschen beschränkte Erkenntnis, und Menschen bleiben wir doch beide, oder nicht?

Lieber Anders-als-ich-Denkender, lieber, ja, politischer Gegner, auch wenn wir heute lieber jeder allein nach Hause gehen, lass uns die Möglichkeit offen lassen, morgen manches anders zu sehen.

Ich danke Ihnen!

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