15.02.2021

Plastiktüten und unhöfliches Zählwerkzeug

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Eric Prouzet
Kennen Sie es, wenn eine Plastiktüte im Wind flattert, nicht sicher, ob sie herunterfallen oder sich doch noch in der Luft halten wird? So fühlt sich dieser Tage Deutschland an. (Essay mit spannendem Extra-Feature!)
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Eine Plastiktüte tanzt im Wind. Es ist der Gerätehof eines Supermarktes, da wo die Verkäufer in der Pause hingehen, um eine nervöse Zigarette abzubrennen.

Niemand hat sich irgendwelche Gedanken über wehende Winde und Stadtklima gemacht, als er den Supermarkt da hinstellte. Der Wind trifft auf die Betonrückwand des Supermarktbaus, fährt wieder hoch wie der Aufwind an Meeresklippen.

Eine Plastiktüte flattert auf den Luftströmungen. Die Tüte aus dünnem Plastik, sie steigt, und sie sinkt, und sie verharrt, und sie stürzt gegen Boden, nur um wieder vom Wind aufgefangen und in die Höhe getragen zu werden.

Ich könnte mir vorstellen, liebe Leser, dass Sie nun spontan ausrufen: »Ja, so wie diese Plastiktüte fühle ich mich dieser Tage auch!«

Wenn Sie derart antworten, können Sie selbstverständlich meines Verständnisses sicher sein; es sei jedoch ehrlicherweise gesagt: Zwar ist das gelegentliche Gefühl des Verlorenseins für jeden Einzelnen höchstpersönlich – der Mensch betrachtet die Welt inklusive seiner selbst ja immer nur aus seiner Perspektive – es ist jedoch, wenn man ehrlich ist, weder besonders einmalig noch wäre es heute neu – denken wir nur an die vielen Psalmen der Bibel und an die schönen Worte, die sie fürs Verlorensein finden (»und ob ich schon wanderte im finstern Tal«, Psalm 23)!

Es ist nicht das individuelle Gefühl des gelegentlichen Verlorenseins, von dem ich hier spreche, ich rede hier von etwas anderem, und das ist tatsächlich neu.

Wir hören die Nachrichten des Tages. Wir hören von den Milliarden Euro die der Merkel-Apparat raus schaufelt (welt.de, 14.2.2021), und die Redensart, wonach man eine Handlung verschwenderisch tut, als gäbe es kein Morgen, sie macht uns ein wenig nervös. Wir sind Bürger eines Landes, wo die Dealer und Diebe zuweilen mehr Verständnis vom Staat erwarten dürfen als die Schüler und Steuerzahler (welt.de, 14.2.2021).

Ein Gefühl lähmender Zermürbung kriecht in die Poren der Gesellschaft – und doch kommt man nicht umhin, in der Krankheit das Symptom zu sehen.

Die im Wind tanzende Tüte – heute fühlt sich ganz Deutschland wie jene flattrige Plastiktüte an.

Noch fängt sie sich immer wieder, die Plastiktüte, noch hat jedes Mal ein Windstoß das immer knitterigere Plastik aufgefangen und an der Betonwand entlang über die Mülltonnen getragen. Jedoch, die Pausenraucher ahnen, wie es zuletzt mit der Tüte ausgehen wird.

Ich setzte mich dieser Tage an den Schreibtisch, um dieser meiner Arbeit nachzugehen – gegen den Wahnsinn anzuschreiben, für den Einzelnen, auf dass dieser nicht wahnsinnig werden möge – doch in meinem Kopf und damit in meinen Fingern war ein einziger Gedanke.

Wenn ein gesamtes Land »flattert«, dann ist es durchaus zu erwarten, dass der Einzelne »mitflattert«.

Jener eine Gedanke war fürwahr kein neuer. Es war jener, den die Weisen alter Zeiten in Formeln wie »carpe diem« codiert haben oder als mahnendes »memento mori«.

Wäre ich Musiker, würde ich vielleicht ein Lied schreiben. Wäre ich ein Maler, würde ich mich vielleicht an etwas Abstraktem, Wildem dazu versuchen.

Ich bin Essayist, allerdings einer, der gelegentlich »was mit Internet« tut. Ich wollte diesen einen Gedanken auf eine Weise fühlbar machen, die über die Worte hinausgeht.

In einer Zeit, in der ein ganzes Land wie eine leere Plastiktüte im Wind flattert, während zugleich die Menschen an ihren digitalen Geräten hängen, wie gibt man dem »Nutze den Tag!« eine wieder neue, wieder eindringliche Form?

Dieser Text bräuchte eine »digitale Erweiterung«, die das geschriebene Wort fühlbar macht! Kein Tag kommt wieder, keine Stunde, und also gilt es jede Minute zu nutzen – nicht obwohl die Welt wild um uns her flattert, sondern weil das Land wie die Plastiktüte im Wind tanzt.

Was es bräuchte, wäre eine simple Website, die den Einzelnen daran erinnert, dass seine Tage endlich sind, und ihn also mahnt, keine Sekunde auf nicht-relevante Strukturen zu verschwenden.

Ja, es bräuchte einen Herunterzähler, einen simplen Countdown. Falls wir Zeit verschwenden sollten, sollte er uns ausrufen – räusper – wenn ich es mal erstens amerikanisch und zweitens derb sagen darf: »What the f*ck am I doing?«

Und hier, liebe Leser, ist die (englischsprachige) Website: countdown.wtf

Das Land wirkt immer mehr wie eine flatternde Plastiktüte im Wind – das darf aber nicht heißen, dass auch unser eigenes Leben so wirken darf. Der Countdown tickt – nutzen wir jeden einzelnen Moment! 

»Weiterschreiben, Wegner!«

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