Dushan-Wegner

21.03.2023

Schwamm und Zunder

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten
Wir schreiben das Jahr 2023. Hand aufs Herz, mal offen gefragt: Klappt das bei Ihnen (noch) mit der »Hoffnung«? Und, falls nicht, was versuchen Sie stattdessen?
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Letztens war mir nach Abwechslung zumute, aber nicht zu viel. Eine Überraschung innerhalb des Vorhersagbaren gewissermaßen.

Ich beschloss, wieder mal Goethe zu lesen. Ich bin ein bekennender Immer-wieder-Leser, doch diesmal griff ich weder nach dem bewährten Faustus noch nach des Meisters ewigen Gedichten.

Ich wählte einen Schwank, mit einem gar lustigen Titel, nämlich: »Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilen«, uraufgeführt 1778 in Ettersburg.

Und siehe da, gleich auf der ersten Seite des ersten Aktes musste ich lachen. Der Doktor sagt süffisant: »Läßt sich die Krankheit nicht kurieren, muß man sie eben mit Hoffnung schmieren.«

Wie der Titel schon besagt, es dreht es sich um ein Jahrmarktsfest. Es wäre Ihnen aber verziehen, wenn Sie, wie ich, hierin ein Bild für unsere Demokratie sehen.

Ja, wenn man weiterliest, die folgenden Sätze nur, dann wird beschrieben, warum es wirklich notwendig ist, die Stühle auf unserem Deck alle paar Jahre neu zu besetzen: »Die Kranken sind wie Schwamm und Zunder. Ein neuer Arzt tut immer Wunder.«

Ich kicherte überlegen vor mich hin: »Ja, ja, die Leute hoffen immer wieder neu, immer wieder neue Illusionen.

Und dann werden sie immer wieder neu desillusioniert. So ist sie eben, die Masse. Goethe schreibt wenig freundlich über die Masse. Wie gut, dass ich nicht ›die Masse‹ bin!«

(Eine bescheidenere Stimme in mir könnte anmerken, dass der Autofahrer im Stau ebenso meint, nicht ›der Stau zu sein‹ — und es doch ist.)

»Läßt sich die Krankheit nicht kurieren«, so lässt Goethe den Doktor seinen Satz beginnen.

Welche Krankheit auch immer unsere Demokratie kurieren soll, es ist eine besondere Krankheit. Diese Krankheit ist tödlich, und doch bringt sie ihren Wirt nicht sofort um, sie lässt ihn lieber mutieren — bis er ein anderer ist. Die Krankheit, welche die Politik heilen zu wollen vorgibt, diese Malaise lässt sich fürs Erste wohl nicht kurieren — also muss man sie mit Hoffnung schmieren.

Jede Wahlperiode, jede Talkshow, jede Pressekonferenz aufs Neue soll die Hoffnung der Menschen neu angefacht werden. Und dann wieder und dann wieder.

»Die Kranken sind wie Schwamm und Zunder« – saugen leicht die Wahrheit des Tages auf, und entflammen immer wieder für den »neuen Arzt« – und sei dieser auch nur ein alter Arzt mit neuem Türschild.

Ja, über solche Gedanken lächelte ich überlegen – bis sich bald ein Zweifel in mir zu Wort meldete.

Sind wir wirklich Aufziehpuppen immer neuer Hoffnung? Wir waren es mal, das mag sein, aber sind wir es heute? Funktioniert der Mechanismus namens Hoffnung überhaupt noch?

Einst spielten die Kinder mit Aufziehpuppen, die sie mit einem Schlüssel aufdrehten und dann über den Tisch laufen ließen, bis die Feder alle Energie verloren hatte.

Die Kinder drehten ihre Aufziehpuppen dann neu auf, wieder und wieder, bis sie irgendwann kaputtgingen (die Puppen, hoffentlich nicht die Kinder). Dann besorgten die Eltern eben neue (wenn sie reich waren: Aufziehpuppen – sonst: Kinder).

Sind wir wie Aufziehpuppen der Hoffnung?

Nun, so verletzlich es uns machen kann, zu freigiebig mit der Hoffnung zu sein – ich fürchte heute etwas Ärgeres: Ich habe nicht das Gefühl, dass Menschen »zu leicht hoffen« — im Gegenteil.

Wer glaubt denn heute wirklich noch, dass ein neuer Arzt »immer Wunder tut«?

Ich höre Politiker regelmäßig schwätzen, dass ihre politischen Gegner angeblich eine Gefährdung für die Demokratie seien (indem sie Demokratie praktizieren und zu widersprechen wagen).

Doch ist es nicht viel ärger für die Demokratie, wenn Bürger ihre »Krankheit« gar nicht mehr »mit Hoffnung schmieren« können?

Eine Demokratie, die nicht gut genug für Hoffnung ist, ist keine gute Demokratie. Ist sie überhaupt noch eine Demokratie?

»Jeder Tag seine eigne Plage hat«, und: »Orgelum, orgel! Dudeldumdei!« – das sind die Worte, mit denen Goethes Schwank schließlich schließt.

Es ist wohl leichter, gutgelaunte Späße zu machen, wenn alles frei ausgedacht ist – und wenn man viele Jahre vor diesem besten Deutschland aller Zeiten und seiner Spezialdemokratie lebt.

Ja, ich lachte erst über uns Menschen, über uns Aufziehpuppen der Hoffnung. Wir Kranken seien wie Schwamm und wie Zunder, zu schnell mit Hoffnung entfacht.

Ich lache nicht mehr – nicht mehr darüber.

Diese Krankheit, an der wir leiden, die lässt sich nicht kurieren, doch ist die Hoffnungslosigkeit nicht eine eigene, weitere Krankheit? Ach, ich will eine Krankheit: die Krankheit zur Hoffnung! Wer hier leidet denn noch an der Krankheit zur Hoffnung, auf dass er mich neu infizieren kann?

Von Zeit zu Zeit ein kleines Wunder, dafür bin ich gern der Schwamm, dafür wäre ich gern den Zunder!

So viel für heute

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