Ein Baby wirft den Teller runter – und weint dann, weil es Hunger hat. So ähnlich ergeht es manchem Menschen … wie auch mancher Nation! Man sabotiert sich selbst, richtet Schaden an oder lässt Schaden zu, und dann ist man plötzlich ratlos.

Verzweifeln ist tödlich, doch wer spürt heute nicht die Bitterkeit nahender Verzweiflung bereits auf seiner Zungenspitze?

Wann verzweifelt denn ein Mensch? Verzweifelt er, wenn sein Tod naht? Manchmal, ja – und manchmal nicht.

Verzweifelt der Mensch, wenn und weil er arm ist? Manchmal ja, manchmal nicht.

Verzweifelt der Mensch, wenn sich unter allen möglichen Wegen keiner anbietet, der ihm gut und sinnvoll erscheint? Ja, und das ist verständlich. (Wirklich keinen Weg zu sehen, der dir gut und sinnvoll erscheint, das wäre Sklaverei, Gefangenschaft, Tod noch vor dem Sterben.)

Liebe Leser, setzt an dieser Stelle dieses Essays einfach nach Belieben eine Nachricht des Tages ein. Mord, Korruption oder die Etablierung der Lüge. (Etwas Mord und Korruption wird eine Gesellschaft noch nicht zu Fall bringen; es ist die Etablierung der Lüge in eigener Sache, die das Schicksal von Menschen wie auch Nationen besiegelt.)

Ja, man will heute bisweilen mit dem Gekreuzigten ausrufen: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Markus 15:34)

»Man will ausrufen«, so sagte ich, nicht: »Man ruft aus«. Wir rufen es lieber nicht wirklich, selbst wenn uns danach ist. Wir sagen, dass wir es nicht ausrufen, weil es uns nicht zusteht, weil es Anmaßung wäre, geradezu Blasphemie, unser Leid mit dem Seinen zu vergleichen. Tatsächlich rufen wir es nicht, weil wir die Antwort fürchten: »Überlege noch mal, wer wirklich wen verlassen hat!«

Ein Baby wirft den vollen Teller auf den Boden und heult dann laut, weil es Hunger hat. Mancher Erwachsene ist ähnlich, dann aber nicht »nur« mit dem Teller, sondern gleich mit seinem ganzen Leben. Und Nationen sowieso.

Warum aber ruft Jesus, dass Gott – sprich: der Vater – ihn verlassen habe? Vermutlich, weil Jesus da einen Psalm betet, nämlich Psalm 22, und der beginnt mit genau diesen Worten.

Und Jesus hat wahrlich guten Grund, in seiner Pein genau diesen Psalm zu zitieren! In Vers 17 etwa heißt es: »Denn Hunde haben mich umlagert, / eine Rotte von Bösen hat mich umkreist. Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt.«

Noch haben sie weder dir noch mir »Hände und Füße durchbohrt«, doch dass uns im metaphorischen Sinne »Hunde umlagern«, dass »eine Rotte von Bösen« uns umkreist (nicht immer nur metaphorisch), spüren wir durchaus. Genau dann aber täten wir klug daran, Psalm 22 weiter und bis zu seinem Ende zu lesen!

»Die Armen sollen essen und sich sättigen; den HERRN sollen loben, die ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer«, verspricht Vers 27. Das hört sich schon besser an, oder? Das hören die Menschen zu seinen Füßen, das sollen wir hören.

Psalm 22 mündet schließlich in der Prophezeiung einer neuen, göttlichen Herrschaft: »Es aßen und warfen sich nieder alle Mächtigen der Erde. Alle, die in den Staub gesunken sind, sollen vor ihm sich beugen. Und wer sein Leben nicht bewahrt hat, Nachkommen werden ihm dienen. Vom Herrn wird man dem Geschlecht erzählen, das kommen wird. Seine Heilstat verkündet man einem Volk, das noch geboren wird: Ja, er hat es getan.«

Wir sind beides. Das Volk, »das noch geboren wird«. Und wir sind Menschen, die sich von ihren Mächtigen verraten fühlen, die von sich selbst enttäuscht sind und Gott anklagen wollen, warum er sie verlassen habe – und die doch fürchten müssten, zurückgefragt zu werden, wer wen verlassen hat.

Ja, ich spüre heute den Geschmack von Bitterkeit bereits auf der Zungenspitze.

Ich beschließe aber, dennoch und stur zu hoffen. Ich rede von jener Hoffnung, die eigene Arbeit voraussetzt.

Wenn ich helfen kann, dem kollektiven Wahnsinn endlich ein Ende zu setzen, dann will ich meinen Teil leisten.

Zumindest aber – und selbst das ist heute längst nicht selbstverständlich – will ich kein Hindernis sein, wenn endlich die Bitterkeit weicht, ob der neue Geschmack dann Milch und Honig oder Fleisch und Wein ist.

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