Sind die Zeiten böser, gefährlicher, dunkler geworden? Schlimmer als ein mythisches »Damals«? Nun, eines steht fest: Manche Bösen wirken SCHAMLOSER, und eines hat womöglich mit dem anderen zu tun.

Sünde gibt es eigentlich gar nicht. Und dort, wo wir sie doch finden, wirkt sie bisweilen wie bloße Faulheit. Beides stimmt — aber jeweils nur halb. Lasst mich erklären, und zwar anhand des vorübergehenden Scheiterns eines durchaus fleißigen Profidenkers.

Man erlebt Philosophen ja nur selten sprachlos (und sie meinen, ihr Reden sei Arbeit und sie selbst also fleißig).

Nein, Philosophen sind eigentlich nie sprachlos, und umso lebendiger ist mir jener Moment im Studium, als ein mir bekannter (und hier nicht näher zu identifizierender) Philosoph sich einmal selbst in die sprachlose Ecke geredet hatte.

Wir hatten damals über Wahrmacher debattiert.

Nein, mit Wahrmachen meinten wir weder Propaganda noch Journalisten, welche die Lüge für Wahrheit erklären und sie damit »wahr machen« wollen; wir meinten Wahrmacher im Sinne des (frühen) Philosophen Ludwig Wittgenstein.

Für Wittgenstein ist ein (Aussage-)Satz ein Bild der Wirklichkeit. Und ein Bild in diesem Sinne kann wahr oder falsch sein.

Über die Wahrheit dieser Bilder sagt der Tractatus-Wittgenstein:

In der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung seines Sinnes mit der Wirklichkeit besteht seine Wahrheit oder Falschheit.

— Ludwig Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus

Es sind die Fakten der Welt, welche ein Bild ebendieser Welt wahrmachen (so zumindest eine simple Theorie der Wahrheit).

Ein praktisches Beispiel: Wenn ich sage, »du bist mitten dabei, diesen Essay über die Unmöglichkeit des Bösen zu lesen«, so ist dein Lesen in just diesem Augenblick der Wahrmacher dieser Aussage (Italo Calvino möge die ungelenke Anleihe verzeihen). Der Wahrmacher für den Satz »auf dem Dach sitzt ein Spatz« ist eben diese Kombination von Dach und Vogel. Und so weiter.

So weit, so offensichtlich. Jener mir bekannte Philosoph aber hatte sich selbst in die Sprachlosigkeit geredet, indem er nach dem Wahrmacher negativer Sätze fragte.

Ich erinnere mich noch zwei Jahrzehnte später an seinen banalen Beispielsatz: »In diesem Raum ist kein Elefant.«

Was genau ist es, das diesen Satz wahr macht?

Ist es der »elefantlose« Raum selbst?

Ist der Raum eigentlich der Wahrmacher aller negativen Aussagen über eben diesen?

Was für eine Last!

Und was ist der Wahrmacher, wenn ich behaupte, dass keine sechsbeinigen Elefanten existieren? Die Menge aller vierbeinigen Elefanten? Warum nicht die Menge aller Pferde oder aller Hubschrauber, die ebensowenig sechsbeinige Elefanten sind? Ist das gesamte Universum der Wahrmacher jeder negativen Aussage?

Verwirrend? Philosophisch!

Natürlich haben andere Philosophen sich bereits Gedanken darüber gemacht – worüber denn nicht? Wittgenstein etwa hat als Wahrmacher negativer Aussagen das Nichtbestehen eines Sachverhalts ausgemacht. Und ja, es klingt mir wie eine heimliche Verschiebung der Last des Nicht – für heute geschenkt. Doch jener Philosoph erinnerte sich am wolkenverhangenen Studientag nicht an die »offiziellen Erklärungen«. Für einen Moment war er sprachlos ob der Frage, was der Wahrmacher negativer Sätze sei – und er gehört zu den intelligentesten Menschen, die ich je getroffen habe.

Jene Szene schob sich heute auf die Bühne meiner bewussten Erinnerungen, als ich über Sünde las und mich fragte, was Sünde eigentlich ist.

Liebe Leser, die Antwort könnte einige Bürger verunsichern! (Vor allem, weil sie es nicht wahrhaben wollen.)

Die Auflösung der Frage nach dem Wahrmacher negativer Aussagen ist schlicht: Das Nicht ist eine Funktion unserer Sprache und Gedanken, nicht eine Eigenschaft der Welt — und hat daher keinen Wahrmacher in der Welt.

Betrachten wir einige Satzpaare:

  • »Er hat nichts gesagt.« / »Er hat geschwiegen.«
  • »Am Himmel ist keine Wolke und es regnet nicht.« / »Der Himmel ist klar.«
  • »Auf dem Blatt steht nichts.« / »Das Blatt ist blank.«

Der erste enthält stets eine Negation, und der zweite Satz ist positiv. Beide Sätze beziehen sich jedoch jeweils auf dieselbe Welt in demselben Zustand!

Aus dem Unterschied zwischen solchen »extensionsgleichen« Sätzen lässt sich ja durchaus etwas über die Gedanken und Absichten des Sprechers ableiten. Wenn ich etwa sage, »in diesem Kühlschrank ist kein Bier«, dann habe ich tatsächlich etwas über unsere Abendplanung gesagt – es war nicht wirklich der Kühlschrank, über den ich sprach. Oder wenn ich sage, diese Krawatte sei fleckenfrei, dann beschreibe ich eine saubere Krawatte – und sage etwas über meine sonstigen Essgewohnheiten aus.

Das Böse und die Sünde betreffend verhält es sich ontologisch ähnlich. Auf gewisse Weise gibt es keine Sünde, denn sie ist zunächst »nur« die Abwesenheit des Göttlichen und also des Guten.

Sünde ist, theologisch gesehen, die Abwesenheit des Guten, die sich daraus ergibt, dass der Wille des Menschen sich zu etwas Geringerem und Endlichem hinwendet. Augustinus nennt Sünde die »Selbstliebe bis zur Verachtung Gottes« — und diese Selbstliebe vollzieht sich, indem sie das Geschöpf dem Schöpfer vorzieht, und nicht einmal das edelste der Geschöpfe.

Das Nicht der Sünde ist die Kehrseite eines sehr realen Ja zum Falschen. Darum ist sie Abwesenheit und Tat zugleich — nie ein bloßes Versäumnis, das einem zustößt. Und niemand schämt sich dessen, was ihm bloß zustößt.

Sünden wie Mord, Diebstahl oder Ehebruch fühlen sich darum zu Recht wie aktive Handlungen an — sie sind es. Ihre privative Kehrseite ist das Fehlen des Guten, das der Wille hätte wählen sollen: Wir sündigen, weil wir uns dem geringeren Gut zuwenden und darüber das höhere lassen. Die Abwesenheit des Guten ist real; aber sie ist die Spur einer Wendung, nicht deren Ursache.

Warum gibt es so viel Böses in der Welt? Warum sündigen die Menschen und schämen sich ihrer Sünde nicht einmal?

Ein berühmtes Zitat (unklarer Autorschaft) besagt: Das einzige Notwendige für den Triumph des Bösen ist, dass gute Menschen nichts tun. Es ist wahr, und wir sehen die Folgen dieser Trägheit und Feigheit täglich um uns. Doch auch dieses »Nichts tun« ist ein Tun — ein gewähltes Unterlassen, kein bloßes Fehlen.

Mein Versagen, den an meine niederen Triebe gerichteten Versuchungen zu widerstehen, ist bereits ein Akt des Willens — auch dann, wenn nach außen nichts geschieht. (Der Faule sagt im nur halben Scherz: »Ich beschließe, auf dem Sofa zu bleiben.«)

Scham ist nun der Schmerz der Seele ob des eigenen Versagens, das Gute zu tun. (Und die vollständige Schamlosigkeit ob der eigenen Sünde könnte ein Hinweis auf jene endgültige Verhärtung sein, die die Tradition als Lästerung wider den Heiligen Geist kennt (Matthäus 12,31–32) — jene Verstocktheit, die die Gnade nicht mehr annehmen will.)

Der erste Sündenfall, als das ganze vererbte Elend begann, war bekanntlich der der Eva (Genesis 3,1–6).

Die Schlange provozierte Eva: »Sollte Gott wirklich gesagt haben: ›Ihr dürft von allen Bäumen des Gartens nicht essen!‹«

Eva gibt das Gebot zunächst treu wieder. Doch die Schlange setzt ihr Wort gegen Gottes Wort — »Ihr werdet sicherlich nicht sterben« —, und erst nachdem Eva diesem Gegenwort glaubt, »sah« Eva, »daß von dem Baume gut zu essen sei und daß er eine Lust für die Augen sei«, und nahm und aß.

Die Lust ist nicht der Anfang, sondern die Folge der Abwendung! (Und dann kann sie Anlass zur nächsten Abwendung sein, oder wie die Japaner sagen: Erst trinkt der Mensch den Sake, dann trinkt der Sake den Sake – und zuletzt trinkt der Sake den Menschen.)

Schon die erste Sünde war eine aversio — eine Abwendung vom Wort Gottes — und im selben Zug eine conversio: die Zuwendung zum verbotenen Geschaffenen.

Paulus wiederholt sich eigentlich, wenn er den Christen klagen lässt: »denn ich tue nicht das Gute, das ich tun will, sondern vollbringe das Böse, das ich nicht tun will« (Römer 7,19).

Ach, Freunde, da wären noch zwei weitere Sätze, der eine negierend und der andere positiv, nämlich: »Da ist kein Licht« und »Da herrscht Dunkelheit«.

Warum scheint die Sünde zu herrschen?

Warum ist das Böse so mächtig?

Warum ist es dunkel um uns?

Ich weiß, manchmal sind wir sprachlos ob des Bösen, und es ist auch durchaus ratsam, mit dem Bösen nicht allzu viel zu sprechen (siehe Nietzsche und Abgrund).

Aber vielleicht ist es tatsächlich heller, als es uns im Augenblick vorkommen mag – wir müssen bloß in die richtige Richtung schauen!

Es gibt bekanntlich nichts Gutes, außer jemand tut es. Ich sollte mehr vom Guten tun, das ich doch tun will!

Der Essay Deine Sünde wirkt so wahr von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/deine-suende-wirkt-so-wahr/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!