Die große Schere zwischen dem Sagbaren und der notwendigen, dringenden Wahrheit öffnet sich täglich weiter. Es wird ein spannender Moment der Zeitgeschichte sein, wenn die Lügner es übertrieben haben werden und die Schere plötzlich zuschnappt.

Und siehe, ich sah eine große Schere am Horizont stehen. Die Schere war offen, die Klingen war in die Erde gebohrt.

Eine Klinge sagte zu mir: »Ich bin das Sagbare.«

Die andere Klinge aber sprach: »Ich bin das Wahre, das eigentlich zu sagen notwendig wäre.«

Der Tag verging, die Nacht kam. Die Sonne ging unter und wieder auf. Die Menschen liefen in kleinen Kreisen umher, vertrieben sich die Zeit und nannten ihren Zeitvertreib mal Arbeit und mal Vernügen. Dann noch ein Tag. Und noch ein Tag.

Mit jedem neuen Tag öffnete sich die Schere der Eigentlichkeit weiter. Die eine Klinge war das Sagbare. Die andere Klinge war das notwendige Wahre.

Zwischen den Klingen der Schere aber lag eine urzeitliche Riesenschlange. Riesig groß und etwas kränklich und gar widerlich stinkend. Und doch pulsierend, wie eine große Ader.

Ich hörte Menschen flüsternd fragen: »Wer ist die Schlange?«

Einer antwortete: »Es ist eine Ader!«

Ein anderer antwortete: »Es ist die Lüge, die wir unsere Realität nennen.«

Die Masse teilte sich in drei Lager wie Armeen vor der Schlacht. Eine Armee pries die eine Klinge der Schere. Eine Armee pries die andere Klinge. Und eine Armee, die kleinste unter ihnen, rief: »Die Schlange soll sterben, die Ader möge aufgeschnitten werden.«

Die Lager warfen einander Worte zu, als wären es Bomben oder Raketen, doch taten sie es nur beiläufig. Die meisten Stunden ihres Tages verbrachten sie damit, in kleinen Kreisen umherzulaufen und sich die Zeit zu vertreiben.

Die große Schere am Horizont aber hatte sich jeden Morgen und dann wieder jeden Abend ein wenig mehr geöffnet. Je weiter sich die Klingen voneinander spreizten, desto bedrohlicher wurde die Schere.

Die alte Schlange aber, die pulsierende Ader, schwoll an. In ihrer Haut entstanden Risse, aus denen erst übler Geruch und dann ein Rinnsal von Blut entwich.

Die Menschen hatten sich an die große Schere gewöhnt. Die Menschen hatten sich in ihren Lagern eingerichtet. Ja, es war sogar ein viertes Lager entstanden, und zwar das Lager jener, denen die Klinge des Sagbaren, die Klinge des notwendigen Wahren und die große Ader namens »Große Lüge Realität« allesamt gleichgültig waren.

Man lebte. Man beschimpfte einander. Man lief umher, jeder in seinen kleinen Kreisen.

Und dann, plötzlich und unerwartet, wie ein Dieb in der Nacht, bebte eines frühen Morgens die Erde.

Die Erde bebte, die Berge ordneten sich neu, die Bäume flohen ins nächste Tal.

Mit einem stählernen Kreischen gegeneinander reibenden Scherenstahls begann die Schere, sich zu schließen.

Eine Klinge bewegte sich auf die andere zu. Metall rieb gegen Metall.

Die große Lüge zitterte noch mehr als ohnehin, als ahnte sie ihr Schicksal. Die Menschen sahen das, einige jubelten und alle fürchteten sich.

Erst hatten sich die Klingen der Schere nur langsam bewegt, beinahe zögerlich.

Schließlich geschah es schnell. Das Metall kreischte noch einmal, dann zerschnitt die Schere die große Ader namens Lüge. Sagbares traf auf notwendige Wahrheit.

Als die große Ader namens Lüge zerschnitten war, flossen Unrat und Galle heraus und es stank buchstäblich zum Himmel.

Die Menschen hielten inne, und für diesen Augenblick gab es keine Lager mehr und keinen bösen Worte, sondern man erklärte: »Die Schere ist geschlossen. Wir können sagen, was notwendig und was wahr ist.«

Dann gingen die Menschen wieder dazu über, in ihren kleinen Kreisen umherzulaufen, wenn auch guter Dinge – für den Moment.

Als der Unrat aus Lüge namens Realität in ihren Äckern versickerte, fürchteten die Menschen, dass es den Boden vergiften würde, doch sie lagen falsch.

Aus der Gülle alter Lügen kann Wahrheit wachsen, wie aus der Gülle der Stalltiere guter Weizen wächst.

Ich sah die Menschen, wie sie ihren Weizen ernteten, und wie sie ihr Brot buken – und wie sie notwendige Wahrheit sagten, Tag um Tag.

Und ich sah, wie am Horizont – von den meisten Menschen unbemerkt – bald eine neue Schere aufgetaucht war, mit einer neuen Ader names Lüge. Aber noch waren beide klein.

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Der Essay Die große Schere von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/die-grosse-schere/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!