»Wir schaffen das« sollte ein Zauberspruch sein. Magisches Denken, konträr zur Realität. Es wurde zum irren Leitmotiv deutscher Politik: Energie, Wohlstand, Gesellschaft – das logisch Unmögliche sollte Realität werden, wenn wir nur fest dran glauben.

Diese Lüge ist das wahre Unwort des bisherigen Jahrtausends: »Wir schaffen das!«

Die fatalste deutsche Politikerin nach 1945 sagte diesen Satz im Unrechtsjahr 2015, am 31. August jenes Unrechtsjahres, lässig in einer Pressekonferenz. In diesem zu Ende gehenden Jahr 2025 »feierte« dieser Satz sein zehntes Jubiläum. »Ein Jahrzehnt ›Wir schaffen das‹ – hurra!«

Ich erwähnte diesen Satz mehr als einmal; stellvertretend seien hier zwei Essays erwähnt: »Die Mutter aller Lügen« und »Wir lernen das!«.

Das große Problem dieses Satzes war und ist und bleibt, dass es eine große Lüge und eine verlogene Unverschämtheit ist, in mehr als einer Dimension.

Da wäre einmal die Verlogenheit jedes einzelnen Wortes. Weder »wir« noch »schaffen« noch »das« waren ehrlich definiert. (Beginnend damit, dass »wir« garantiert nicht die »Eliten« einbezieht. Wenn sie überhaupt Kinder haben, dann besuchen diese teure Privatschulen. Und so weiter.)

Ja, dieser Satz war (und ist weiterhin) auf mehr als einer Ebene eine Lüge (= eine absichtsvoll ausgesprochene Unwahrheit). Und eine bestimmte Lügen-Ebene ist besonders verheerend und wohl unbewusst der gewichtigste Grund für die bis heute andauernde Empörung über jenen Satz.

Die empörendste Lügen-Ebene in »Wir schaffen das« bewirkt heftiges Unwohlsein, weil eine Unwahrheit auf dieser konkreten Ebene regelmäßig auch als eine Form von Wahrheit gehandelt wird.

Diese Form spezieller »wahren Unwahrheit« ist es – und deshalb denke ich dieser Tage wieder daran –, die auch das vergangene Jahr 2025 prägte. Und die wohl das nächste Jahr weiter prägen wird. Lasst mich erklären!

Dass der Satz wahr ist

Woher weißt du, dass du zwei Hände hast? Du siehst sie vor dir. Du kannst sie benutzen. Das ist Grund genug, diesen Satz für wahr zu halten: »Ich habe zwei Hände.«

Deine Hände sehen und benutzen zu können lässt dich annehmen, dass diese Hände auch wirklich existieren. (Diesen Zusammenhang nicht herzustellen gälte als psychische Störung.)

Nicht die Wahrnehmung der Hände, sondern die daraus folgende Annahme ihrer Existenz ist es, welche die Wahrheit des Satzes »Ich habe zwei Hände« herstellt. Das Wahrnehmen der Hände aber rechtfertigt die Annahme, dass der Satz wahr ist.

Doch es existiert eine Kategorie von »Wahrheit«, die weder durch Wahrnehmung noch durch Fakten der Realität gerechtfertigt ist. Und unter diese spezielle Kategorie von Wahrheit fällt »Wir schaffen das«.

Ein bestimmter Sachverhalt wahr

Sprachphilosophen nennen es die »pragmatische Rechtfertigung der Wahrheit«. Im Alltag nennen wir es mal »Wunschdenken« und mal »positives Denken«.

Das Prinzip ist: Es ist bisweilen pragmatisch (sprich: praktisch nützlich), davon auszugehen, dass ein bestimmter Sachverhalt wahr ist.

Klassisches Beispiel: In einer Mathematik-Klausur ist es ratsam, davon auszugehen, dass du sehr gute Chancen hast, die Klausur zu bestehen. Das stärkt dein Selbstbewusstsein – und das wiederum erhöht tatsächlich die Chancen, die Prüfung auch wirklich zu bestehen.

Solche pragmatisch gerechtfertigten Meinungen sind eine Form selbsterfüllender Prophezeiung. Wenn Menschen vom Eintreten eines Ereignisses ausgehen, werden sie dieses eher herbeiführen.

Es funktioniert bei Placebos und bei Horoskopen. Es funktioniert beim Schaltersturm: Wenn die Menschen befürchten, dass die Banken kein Bargeld haben werden (und deshalb alle Geld abheben wollen), werden die Banken kein Bargeld mehr verfügbar haben.

Die selbsterfüllende Prophezeiung würde sogar funktionieren, wenn die Menschen plötzlich fürchten sollten, dass das Klopapier ausverkauft sein wird – die Menschen werden die Klopapierbestände des Einzelhandels leerkaufen! (So etwas Absurdes ist natürlich nur theoretisch gedacht. Wir Menschen sind ja schließlich nicht kollektiv blöde.)

Merkel kannte also die Menschen, kannte die Untergattung der Menschen namens »Deutsche«, und sie wollte die Technik der »selbsterfüllenden Prophezeiung« und »pragmatisch gerechtfertigten Wahrheit« zur Bewältigung des Offene-Grenzen-Unrechts anwenden.

Doch diesmal funktionierte es nicht.

Allem Wissen über die menschliche Natur

Das Problem mit der pragmatisch gerechtfertigten Wahrheit ist, dass zumindest die Möglichkeit eines Erfolgs existieren muss. Wir beschließen dann, davon auszugehen, dass diese Möglichkeit auch wirklich eintreten wird.

Positives Denken bedeutet, die Erfolgswahrscheinlichkeit mental zu multiplizieren – doch das setzt voraus, dass diese Wahrscheinlichkeit nicht null ist! Null zu multiplizieren bleibt null!

Nehmen wir an, ein Basketballspieler hat eine Trefferquote von 50 Prozent. Wenn er aber bei jedem Wurf davon ausgeht, dass er diesmal sicher treffen wird (seine Chance also bei 100 Prozent liegt), wird seine Hand ruhiger werden, und seine tatsächliche Quote steigt vielleicht auf 60 Prozent. Doch das setzt voraus, dass er tatsächlich eine realistische Chance hat! (Dass er also nicht mit zwei gebrochenen Händen dasteht oder gestern der Korb abgebaut wurde.)

Das deutsche Problem ist heute: Mit noch so viel positivem Denken existiert keine Chance größer null, dass Deutschland alle Migrationswilligen dieses Planeten auf deutschem Niveau versorgen kann. Es widerspricht allem Wissen über die menschliche Natur, Menschen aus robusteren Kulturen in großer Zahl aufnehmen und dieser Robustheit gegenüber »tolerant« sein zu können, ohne dass die eigene Gesellschaft von dieser Kultur aufgebraucht und abgeschafft wird. Und so weiter.

Eine »pragmatisch gerechtfertigte Wahrheit« muss zumindest einen Kern von tatsächlicher Wahrheit enthalten, ein Samenkorn der Möglichkeit.

Wenn du einen Meter hoch springen kannst, wird dich »Ich schaffe das« vielleicht zu einem Meter und 5 Zentimetern motivieren. Doch kein positives Denken dieser Welt wird dich dazu bewegen, mal eben 5 Meter hoch in die Luft springen zu können.

Den Patienten aufgegeben zu haben

Der Grund, warum du und ich unsere Köpfe jeden Tag aufs Neue über die deutsche Politik schütteln, liegt regelmäßig hierin: Man glaubt in Deutschland, mit genug »positivem Denken« auch das wirklich Unmögliche erzwingen zu können.

»Wir schaffen das« sollte ein Zauberspruch sein. Es war aber magisches Denken, das die Realität und ihre Kausalitäten ignorierte. Es wurde zur Politik gegen die Realität.

Statt überwunden und verdientermaßen im Straßengraben der Geschichte zurückgelassen zu werden, wurde »Wir schaffen das« zum irren Leitmotiv deutscher Politik: Energie, Wohlstand, Gesellschaft – das logisch Unmögliche sollte in allen Bereichen Realität werden, wenn wir nur fest dran glauben. Ja, wer den Zauberspruch »Wir schaffen das« hinterfragt, der wird auch heute noch als Hexe (neudeutsch: »Rechtsextremer«) auf den neuen Markplätzen verbrannt.

Wohlstand bewahren, während man die Energieversorgung auf Gutes-Wetter-Strom umstellt. Im Weltmarkt mitspielen, während man Innovationen mit Regularien abwürgt, Bildung auf Propaganda einstellt und Spitzenleister aus dem Land treibt. Und so weiter. Alles funktioniert, solange man nur mit guter Laune an die Sache geht.

Nein, positives Denken ist nicht immer negativ.

Zum Beispiel: Es ist gut, wenn ein Patient sich in positivem Denken übt. Wenn er davon ausgeht, dass die Therapie anschlagen wird.

Es ist aber nicht die beste Idee, wenn der Arzt seine gesamte Therapie primär auf positives Denken stützt. Das würde schlicht bedeuten, den Patienten aufgegeben zu haben.

Und es wäre eine buchstäblich tödliche Praxis, wenn die Gesundheitspolitik und Katastrophenvorsorge eines gesamten Landes primär auf positives Denken setzen würden. Auch in kirchlichen Krankenhäusern wird zum heiligen Gebet die säkulare Medizin verabreicht.

Zuerst möglich sein

Am Ende gewinnt immer die Realität, das weiß ich so sicher, wie ich weiß, dass ich zwei Hände habe.

Welche der möglichen Realitäten gewinnt, das liegt in unserer Hand. Doch – und auch das steht fest – damit eine mögliche Realität gewinnen kann, muss sie vor allem erst einmal möglich sein.

In diesem Geist also: Wir schaffen das Mögliche, möge es real und großartig werden! (Und das Unmögliche zu versuchen, überlassen wir den Dummköpfen, auf dass sie sich aufreiben.)

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