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Wir hören dieser Tage unangenehm häufig Erklärungen, die Varianten sind von: »Wir haben nur Gesetze befolgt!«
»Ich habe bloß Gesetze befolgt« – wir assoziieren diese Rechtfertigung mit den Nazis in Nürnberg. Die haben auch »nur Befehle ausgeführt«. So haben wir es in der Schule gelernt.
Haben unsere Lehrer (oder die Lehrplan-Designer) einmal darüber nachgedacht, was wir Schüler mit der Information anfangen sollten?
Man wollte vermutlich spürbar machen, wie es »damals dazu kommen konnte«. (Die letztgültige Antwort lieferte natürlich Henryk Broder: »Wenn ihr euch fragt, wie das damals passieren konnte: weil sie damals so waren, wie ihr heute seid.«)
Wir Schüler sollten die Psychologie der Menschen verstehen. Mit welchem Zweck aber?
Trainierte man uns implizit, illegal zu handeln und Befehle zu verweigern, wenn die Gesetze und/oder das Handeln des Staates gegen unser Gewissen gingen?
In diesem Kontext fällt natürlich ein besonders schillernder Artikel des Grundgesetzes ein:
Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. […] Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
– Grundgesetz, Artikel 20
Es ist natürlich ein paradoxes »Recht«, denn bei wem wolltest du dieses Recht einklagen?
Tatsächlich berufen sich gerade die, welche die Demokratie durch die totalitäre Staatsform »Unsere Demokratie« ersetzen, implizit auf diesen »Notstands-Geist«. Wenn man die eigene Macht als »die Demokratie« definiert, hat man das Recht, den politischen Gegner mit jedem Mittel zu beseitigen. Man wähnt sich im »präventiven Widerstand«.
Nein, das »Recht zum Widerstand« wird einem nicht von den Autoritäten erteilt werden. (Es spricht kein schmeichelhaftes Urteil über den geistigen Zustand jener deutschen Demonstranten heute, die auf Geheiß der Regierungsparteien und regierungsfinanzierten »NGOs« auf die Straße gehen, und tatsächlich meinen, sie befänden sich im »Widerstand« – ein »Widerstand« gegen Opposition und Andersdenkende?!)
Das Böse aus dem Nichtdenken
Wenn wir aber ernst nähmen, was uns damals gelehrt wurde, und wenn wir uns Gewissen vor den blinden Gehorsam stellen würden, nach welchen Kriterien würden wir erkennen, was böse ist?
Relevante Strukturen lehren uns, dass böse ist, was jene Strukturen schwächt, die uns (allen) möglichst wichtig sein sollten. (Religionen, Ideologien oder auch Hedonismus justieren, welche Strukturen wie relevant sind.)
Wir wissen, was das Böse ist, doch wie entsteht dieses spezielle Böse?
Es geht hier nicht um Verbrechen aus Lust oder Gier. Wir reden hier von Verbrechen, die von der Art sind, dass ein Mensch, der Politik und Gewissen nicht getrennt denken kann (oder will), sich zum Widerstand berufen fühlen könnte, weil er meint, das »andere Abhilfe nicht möglich ist«.
Nun, die Autorin, die uns von der »Banalität des Bösen« zu denken lehrte, beschreibt die Ursachen des relevanten Bösen schmerzhaft präzise:
Das Böse entsteht aus dem Versagen des Denkens. Es entzieht sich dem Denken, denn sobald das Denken sich mit dem Bösen zu beschäftigen versucht und die Prämissen und Prinzipien untersucht, aus denen es hervorgeht, findet es dort nichts. Das ist die Banalität des Bösen.
– Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem (eigene Übersetzung, siehe Google Books)
Die meisten Menschen handeln tatsächlich nicht aus Bosheit böse, sondern aus Dummheit. Aus oft selbstgewähltem Nichtbedenken der realen Zusammenhänge und absehbaren Konsequenzen – etwa der Konsequenzen, wenn man »nur Befehle ausgeführt«. (Siehe dazu auch Essays wie »Sind die dumm oder böse? Macht es überhaupt einen Unterschied?« oder »Es gibt kein Recht auf Dummheit«.)
Buße ohne Bekenntnis
Petrus (ja, der Petrus) sagte einst: »ich weiß, daß ihr aus Unwissenheit gehandelt habt, wie auch eure Oberen« (Apostelgeschichte 3:17). Es ist keine Entschuldigung, und auch keine Schmeichelei.
Es ist eher eine Diagnose.
Als Medizin gegen die Unwissenheit aber empfiehlt Petrus: »So tut denn Buße und bekehrt euch, damit eure Sünden vergeben werden« (Apostelgeschichte 3:19).
Nein, man muss wahrlich nicht (allzu aktiv) an Gott glauben, um sich an Vernunft und Menschlichkeit zu versündigen.
Folglich muss auch kein Christ sein, um Buße zu tun und zu denken.
(Aber es hilft.)
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Der Essay Ich war nur banal böse von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/ich-war-nur-banal-boese/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
