Ich besuchte, es ist nun einige Monde her, einmal in Prag ein Museum mit schönen, wertvollen Artefakten des jüdischen Kultus und Alltags.
Es heißt heute Jüdisches Museum Prag (auf Tschechisch: Židovské muzeum v Praze) und ist verteilt auf mehrere Gebäude, darunter die Spanische Synagoge und der berühmte Alte Jüdische Friedhof (der mit den Steinen auf Grabsteinen – und den in vielen Schichten angelegten Gräbern).
Ganz wie von den Kuratoren jenes Museums vorgesehen, schockierte mich ein mythisches Detail zur Geschichte dieser konkreten Sammlung.
Man erzählt, dass der Grundstock dieser Sammlung auf eine Initiative der Nazis zurückginge. Man habe ein »Museum einer ausgestorbenen Rasse« begründen wollen.
Kein Beleg, doch ein Besucher
In deutschen Dokumenten findet sich kein Beleg für eine solche Namensgebung oder Absicht; so habe ich gelesen. Ich habe aber auch gelesen, dass dieses Museum sehr wohl so geplant war, beziehungsweise dass es eine Umwidmung des damals existierenden jüdischen Museums sein sollte.
Tatsächlich wurde aber wohl eine erste Ausstellung in Auftrag gegeben, die den Titel »Jüdisches Leben von der Wiege bis zum Grab« trug. Und der erste Besucher dieser ersten Ausstellung war SS-Sturmbannführer Hans Günther persönlich.
Laut einer Zeitzeugin war SS-Sturmbannführer Günther jedoch »sichtlich irritiert« (zitiert nach spiegel.de, 13.11.1988), als er die Ausstellung verließ.
Er ließ die Ausstellung um das Thema »Schächtung« erweitern (wohl um die Ästhetik zu brechen), und außerdem durften von da an nur er und sein Gefolge die Ausstellung besuchen (siehe Wikipedia).
Der Spiegel-Artikel von 1988 fühlt sich in den SS-Mann ein und fragt für ihn: »War etwa nicht alles seinen Befehlen entsprechend ausgeführt worden?«
Und wir fragen uns: Was waren denn seine Befehle? Und welche seine Absichten?
Keine Moral-Epilepsie
Ich habe nie wirklich verstanden, was die Motivation der NSDAP gewesen sein soll, eine solche Sammlung anzulegen. Wenn man, wie im Film »Der ewige Jude«, den zu vernichtenden Gegner als »Ratte« sah, also als Ungeziefer, das es zu vernichten gilt, wieso gab man eine Ausstellung in Auftrag, welche die Würde jüdischen Lebens zelebrierte?
Ich weiß nur so viel: Die NSDAP sah sich selbst in ihrer Zeit als »die Guten«. Auch die NSDAP hatte relevante Strukturen, nur eben ganz andere als die, die heute als relevant gelten. (Wirklich keine relevanten Strukturen zu besitzen, entspräche einem epileptischen Anfall der Moral.)
Welche Strukturen wollte man also mit einem solchen Museum stützen? War es makabre Ironie? Zynismus? Oder meinte man, eine solche Sammlung würde die eigenen Taten für die Geschichte rechtfertigen?
Privat, also zwiegespalten
Oder war der Grund für jene Sammlung tatsächlich nur eine Fehlkalkulation? Was wäre aber denn die richtige »Kalkulation« gewesen, wenn man jüdischen Kuratoren eine Sammlung mit dem Titel »Jüdisches Leben von der Wiege bis zum Grab« in Auftrag gab?
Ist die Motivation vielleicht privat oder heimlich, sprich: zwiegespalten? Wir denken hier an Göring, der sich die »entartete« Kunst, die öffentlich angeprangert wurde, heimlich für seine private Sammlung aneignete. Ist jene Sammlung ein ähnlicher Fall? Wollte man öffentlich und offiziell vernichten, was man klammheimlich bewunderte?
Ich weiß es nicht.
Ätsch
Meine private Vermutung ist, dass man eine Zeit lang schlicht eine Fortführung des Bestehenden erlauben wollte, wenn auch offiziell unter anderer Zielsetzung.
Man hatte sich selbst noch nicht an die Entmenschlichung des Gegners gewöhnt. Als »alten Reflex« erlaubte man den jüdischen Kuratoren, sich selbst als Menschen zu zeigen.
Erst als man das in der Praxis sah, fiel einem der Widerspruch auf. Der Name »Museum einer ausgestorbenen Rasse« ist eigentlich zu plump, um echt zu sein – andererseits weiß man ja nie. Er erinnert mich an das biblische Buch Esther und das große: »Ätsch, wir leben noch!«
Ach ja, seufze ich und frage mich: Was ist kaputt an der menschlichen Seele, wenn sie andere Menschen zu Nicht-Menschen (»Ratten«) erklärt und konsequenterweise »ausrotten« will? Und wie viel heimliche Bewunderung – und damit Neid – steckt darin?
5. Mai 1945
Hans Günther (geboren 22.8.1910, NSDAP-Mitgliedsnummer 119.925) starb am ersten Tag des Prager Aufstands, 5. Mai 1945. Laut Wikipedia setzte er sich an dem Tag zusammen mit neun weiteren SS-Leuten ab, wollte fliehen, doch er geriet in eine Straßensperre tschechischer Partisanen.
Der SS-Mann wurde gefangen genommen, entwendete aber einem Posten die Waffe, es es kam zum »Handgemenge«. Der Sturmbannführer wurde angeschossen. Der tschechische Posten floh. Bereits schwer verwundet, warf der SS-Mann dem Tschechen noch eine Handgranate hinterher – und bald darauf starb Hans Günther selbst.
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Der Essay Der SS-Sturmbannführer war irritiert von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/irritiert/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
