»Müßt’ ich auch wandern in finsterm Tal: ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir« – mal ehrlich, wer weiß wie der Lieblingspsalm der Christenheit weitergeht? Und warum?!

In klügeren, besseren, hoffnungsvolleren Zeiten, als jeder Mensch noch einen Lieblingspsalm hatte, da war der Lieblingspsalm der meisten Leute jener, der vom Hirten und von grünen Auen.

Nach der Menge-Bibel:

Der HERR ist mein Hirt: mir mangelt nichts. Auf grünen Auen läßt er mich lagern, zum Lagerplatz am Bache führt er mich.

Psalm 23:2-3

Es ist ein trotziger Psalm – ein trotziges Gebet. Heute ist dieses Gebet ein Kampfschrei gegen eine kalte, dumme, unmenschliche »Moderne« – und eine Provokation. Lasst mich erklären!

Wenn Bibeln »HERR« in Großbuchstaben schreiben, dann steht da im Original zumeist das Tetragrammaton »YHWH«, dass Juden nicht aussprechen. Man wechselt in die Meta-Ebene und sagt »Haschem« – wörtlich: der Name.

Gemeint ist der Gott. Schöpfer von Himmel und Erde, allgegenwärtig und doch nicht zu begreifen. Der, den sogar Atheisten als »Energie hinter allem« beschreiben und die alten Griechen als »unbewegten Beweger«.

Christenkritiker belächeln bisweilen die angeblich christliche Vorstellung von Gott als altem Mann, der über den Wolken sitzt und von dort an menschlichen Schwächen herummäkelt.

Tatsächlich fände man sogar reichlich Darstellungen von Gott als »alter Mann mit Bart«, deren bekannteste wohl die Erschaffung Adams in der Sixtinischen Kapelle ist (siehe Wikipedia).

Was aber den Christenkritikern (und, ja, bisweilen den »säkularen Christen« selbst) nicht bewusst ist: Das sind alles nur Versuche, mit menschlichen Begriffen auf etwas zu zeigen, was der menschliche Geist eigentlich nicht erfassen kann.

In diesem Sinne ließe es sich als Auflehnung, Protest und Provokation deuten (und es ist bis heute erstaunlich vielen »Spirituellen« ein Ärgernis), jenen Gott derart persönlich anzusprechen.

Im Althebräischen steht da auch tatsächlich »יְהוָה רֹעִי«, was »der Herr (ist) mein Hirte« bedeutet.

In der lateinischen Vulgata (Clementina) wird der Hirte mit einem Verb übersetzt: Dominus reget me. – Das bedeutet: Der HERR wird mich weiden. Oder: Der Herr regiert mich/über mir. (Nova Vulgata verwendet regit, also Präsens.)

Was für eine Provokation! Prämisse: Der HERR regiert mich. Die Schlussfolgerung: Also mangelt mir an nichts.

Weiß der Psalmist denn nicht, welche Angst und welche Not ein Mensch durchleben kann? Oh doch, viele weitere Psalmen zeugen davon, dass er es sehr genau weiß.

Ja, es ist genau dieser Psalm, der eines der berühmtesten Sprachbilder über menschliche Not enthält, bekannt auch Leuten, die leider eher seltener die Bibel aufschlagen:

Müßt‘ ich auch wandern in finsterm Tal: ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir: dein Hirtenstab und dein Stecken, die sind mein Trost.

Psalm 23:4

Stab und Stecken

Stab (lateinisch: virga) und Stecken (baculus) sind Werkzeuge des Hirten. Der Stab zur Verteidigung gegen Angreifer. Der Stecken zur Vorgabe der Richtung.

Wer sich als Christ »outet«, gerade heute, der erlebt immer wieder und zuverlässig, dass Menschen ihm unaufgefordert erklären, sie würden zwar »eine höhere Macht« glauben, aber ein »göttliches Regelwerk« fänden sie unplausibel. Erst recht, wenn eine auch von fehlbaren Menschen betriebene Kirche diese Regeln formuliert.

Ich will gar nicht diskutieren, ob solche Argumente nicht womöglich tatsächlich die eigene Trägheit und emotionale Vulgarität mit pseudo-philosophischen Argumenten schönschminken will. (Bin kein Freund der Zuschreibung böser oder auch nur hässlicher Intention. Selbst wenn es plausibel ist.)

Ich will hier und heute nicht einmal diskutieren, ob »Gott hat es so angeordnet« hinreichender Grund ist, Seine Regeln zu befolgen.

Mein Argument funktioniert auch ganz hierseitig. Selbst wenn die Regeln, wie kirchliche Tradition sie überliefert, nicht von höherer Warte stammten, so wären es doch Regeln für Leben und Zusammenleben, die sich über Jahrhunderte und Jahrtausende bewährt haben.

Haus auf dem Felsen

Wir erleben heute eine auseinanderfallende Welt. Aus Aufklärung, Protestantismus, Emanzipation und den geistigen Notwendigkeiten der industriellen Revolution entstand ein Pseudo-Regelwerk, das Gesellschaft und menschliche Seelen aushöhlt. Was meinte Jesus mit dem Gleichnis vom Haus, das auf Sand gebaut wurde (Matthäus 7,26), statt auf den Felsen? Um uns her sehen wir es.

Wir haben Regeln verlassen, die »auch dann funktionieren, wenn man nicht dran glaubt«.

Wir haben die Traditionen verlassen, die uns stark werden ließen. Die Traditionen, die uns bis hierher überleben ließen.

Es gilt auch weiter jene alte Weisheit: Tradition sind die Experimente, die funktioniert haben.

Ja, es ist eine Provokation: Die alten Regeln sind der einzige und einzig wirksame Trost, wenn der Weg durchs finstre Tal führt.

Nur Gutes und Liebes

Jener Psalm endet bekanntlich mit einer Versprechung, einer Vergewisserung:

Nur Gutes und Liebes werden mich begleiten mein ganzes Leben hindurch, und heimkehren werd‘ ich zum Hause des HERRN für eine lange Reihe von Tagen.

Psalm 23:6

Wieder die Frage: Weiß der Psalmist denn nicht, welche Not und welches Leid dem Menschen – auch ihm – begegnen kann?

Er weiß es, genau genug. Der Psalmist kennt das Leid durch böse Absicht anderer. Der Psalmist kennt auch das Leid, das sich der Mensch selbst zufügen kann, wenn und weil er eben nicht von »Stecken und Stab« schützen und leiten ließ.

Und doch sagt er: »Nur Gutes und Liebes werden mich begleiten mein ganzes Leben hindurch«. Denn wer die alten Regeln befolgt, der wird nicht nur wahrscheinlicher sein irdisches Leben und seine hier verweilende Seele in akzeptable Ordnung bringen.

Wer im Weg durchs finstre Tal die alten Regeln und Wegmarken aufsucht, der wird entdecken, spüren und verstehen, was die eigentliche Absicht der alten Regeln war, das eigentliche Ziel.

Wer im Weg durchs finstre Tal eben nicht auf menschlichen Rat vertraut, der wird auch in zerfallender Gesellschaft, mit angsteinflößenden Rechnungen und unangenehmen Arztterminen sagen können: Der HERR ist mein Hirt: mir mangelt nichts. Später nicht, und deshalb schon heute nicht.

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Der Essay Mir mangelt nichts von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/mir-mangelt-nichts/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!