Es hat mich verändert. Es hat mein Denken verändert, meine Sprache verändert. Und ich fürchte, nicht zum Schlechteren – lasst mich erklären!
Ein Absatz Politik
Ja, alle reden über Politik, und ihr erwartet, dass ich etwas über Politik sage. Ich handle es schnell ab, damit wir’s los werden und befriedigt sind: In Deutschland wird offen die digitale Diktatur gefordert (siehe horizont.net, 24.02.2026). Das offensichtliche Ziel ist, dass die Bürger eines Landes, das aktiv und aggressiv zerstört wird, sich nicht über das Internet gegen die Aggressoren verbünden können. Ein jeder soll sich allein und somit hilflos fühlen – oder möglichst lange nicht mitbekommen, was seinem Land und seinen Mitbürgern angetan wird. Ja, selbst wenn das Messer in deinem Bauch steckt, sollst du meinen, dass du die seltene Ausnahme bist, und sollst schwören, dass nichts mit nichts zu tun hat.
Genug aber der Politik. Vom Seufzen allein wird nichts besser. Und zu mehr als Seufzen sind die Umstände gerade nicht günstig.
Was sagte ich? Ich sagte: Es hat mich verändert.
X, Ort der Entlarvung
Es gibt ja diesen Ort, den die regierenden Sozialisten in Brüssel und Berlin gleich ganz verbieten lassen wollen, der »X« heißt, weil dort schnell ein »U« als »X« entlarvt wird.
Auf X.com also findet sich ja viel Entlarvung von Propagandalügen. Wenn ARD oder ZDF mal wieder Fake News verbreiten, kommt schnell die Gegenrede. Deshalb soll X ja auch mindestens für Jugendliche gesperrt werden. (Jugendliche sind so nervig mit ihren Fragen nach »Warum?«, »Was passiert wirklich?« oder »Was tun, wenn ich der einzige Deutsche in der Klasse bin?«)
Doch neben der Entlarvung von Propagandalügen und dem Berichten tatsächlicher Wahrheit findet sich ein weiteres, kulturell neues Phänomen auf X.
Auf Englisch nennt man es despektierlich: AI-Slop. Frei übersetzt: KI-Grütze.
KI-Grütze sind Bilder und Texte, die von Künstlicher Intelligenz wie ChatGPT oder Claude hergestellt wurden – und zwar ohne große Mühe oder Sachkenntnis (oder finanziellen Aufwand).
Diese KI-Texte fühlen sich aber, wenn sie mit kostenlosen KI-Accounts auf faule Weise hergestellt wurden, zuverlässig »KI-typisch« an. Künstlich. Gefühllos. Übertrieben. »KI-Grütze« eben.
Und doch habe ich, bei allem Widerwillen, von der KI-Grütze etwas gelernt.
Negierende Gegenüberstellung
Ein allgegenwärtiges Merkmal von KI-Grütze ist die negierende Gegenüberstellung.
Das Muster: »X ist nicht Y. X ist Z.«
Beispiele für KI-Grütze: »Disziplin ist keine Einschränkung. Disziplin ist Freiheit.« »Zeit ist kein Feind. Zeit ist dein wertvollstes Kapital.« »Zweifel ist kein Feind des Glaubens. Zweifel ist sein Wächter.«
Wir lesen diese Gegenüberstellungen, und wir spüren sofort: Das hat Kollege Computer geschrieben – und zwar die Billig-Variante.
Und doch hat es mich verändert. Ja, diese Grütze hat mich verändert. Die KI würde sagen: Diese Veränderung ist nicht Bedrohung. Diese Veränderung ist eine Wachstumschance.
Er säuft!
Diese von der KI überstrapazierte Gegenüberstellung ist eine Spielart der rhetorischen Correctio. Der Redner sagt etwas und korrigiert es dann.
Mal tauscht er nur ein Wort aus:
Er trinkt …, was sage ich: Er säuft!
– dt. Wikipedia zu Correctio
Mal liegt die Wahrheit in der Fassung erster Hand, und die Korrektur markiert die Notwendigkeit sozialer Lügner.
Er ist ein Schwachkopf, ich meine: ein Politiker mit innovativen Ideen.
– fiktives Beispiel
Die Meister der Sprache aller Zeiten haben die Correctio eingesetzt!
Etwa Nietzsche:
Nicht zum Volke rede Zarathustra, sondern zu Gefährten!
– Friedrich Nietzsche; Also sprach Zarathustra (via zeno.org)
Eine weitere Nietzsche-Correctio erklärt nebenbei, warum in »Unserer Demokratie« die Polizei ermittelt, wenn ein Rentner den ob seiner gebrochenen Versprechen bekannten Kanzler einen »Pinocchio« nennt:
Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man.
(ebenda)
Die Politiker fürchten nicht wirklich, am Körper getötet zu werden. Dagegen haben sie Bodyguards, gepanzerte Limousinen und die Sanftmütigkeit der Deutschen (die auch mal brav über Nacht im Flugzeug sitzenbleiben, weil der Busfahrer, der sie abholen sollte, schon Feierabend hat).
Der Politiker fürchtet den Tod seines moralischen Anspruchs, über ein Land herrschen zu dürfen, denn diesen tötet ein Lachen eher als der Zorn. (Humor zeigt schmerzhafte Wahrheit auf, und die soll in Deutschland auf keinen Fall gesagt werden.)
Künstliche Intelligenz wird bekanntlich mit den Schriften der gesamten Menschheit »trainiert«. Auch etwa mit den Schriften von Cicero oder denen der Kirchenväter. Bei all diesen findet sich die Correctio als scharfes rhetorisches Werkzeug.
Warum wird die Rhetorik in der Hand von KI zu »Grütze«?
Strohmann ohne Gegner
Nun, in der klassischen Correctio liegt der Witz darin, dass bereits der erste Teil einen Sinn ergibt. Wir akzeptierten es erst mal so, und die vermeintliche Korrektur öffnet eine neue Bedeutungsebene. Der Akt der Korrektur selbst eröffnet Wahrheiten.
»Ich bin glücklich, ach, was sage ich: überglücklich!« – glauben Sie dem Menschen die korrigierte Variante, die ursprüngliche oder weder noch?
In KI-Grütze dagegen liegt ein mögliches Problem darin, dass das Korrigierte ein argumentativer Strohmann ist, den so nie jemand vertreten hat.
»Ein Hund ist nicht nur ein Tier, ein Hund ist ein Freund« – welcher Kaltmensch hätte je etwas anderes behauptet?!
Das womöglich größere Problem an der KI-Correctio ist die »Billigkeit«, mit der sie in jedem zweiten Text auf X, Facebook oder LinkedIn in die Zeit gekippt wird.
Früher lasen wir seitenweise Nietzsche, arbeiteten uns von einem Gedanken zum nächsten, um dann ebenso verdient wie plötzlich mit einer großen Erkenntnis belohnt zu werden: »Es gibt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische Ausdeutung von Phänomenen.« (Nietzsche in »Jenseits von Gut und Böse«, ganz offensichtlich inspiriert von den Relevanten Strukturen)
KI-Grütze liefert unverdiente Correctiones gratis und vieltausendfach; es fühlt sich falsch und billig an.
Doch betrachten wir die obigen Correctiones ein weiteres Mal, und gönnen wir ihnen jeweils eine Sekunde Aufmerksamkeit: »Disziplin ist keine Einschränkung. Disziplin ist Freiheit.« »Zeit ist kein Feind. Zeit ist dein wertvollstes Kapital.« »Zweifel ist kein Feind des Glaubens. Zweifel ist sein Wächter.«
Diese KI-Grütze-Sätze sind inhaltlich durchaus gewichtig. Ja, sie beschreiben wichtige Wahrheiten. Über jeden dieser Sätze ließe sich trefflich meditieren. Und jedes Leben wird besser und tiefer, wenn der Mensch diese Weisheiten bedenkt und anwendet.
Es ist nicht banal. Es ist lebenswichtig, sich darüber im Klaren zu sein, was die Dinge sind und was sie nicht sind.
Nachplappern ist nicht Wissen. Nur was du selbst geprüft hast, ist Wissen.
»Unsere Demokratie« ist nicht Demokratie. Die Freiheit, zu sagen, was die Propaganda vorgibt, ist nicht Meinungsfreiheit. Dir selbst in die Tasche zu lügen, ist nicht Güte im ethischen Sinn. Und so weiter.
Ja, KI-Grütze hat mein Denken verändert. Doch »Grütze« als abwertender Begriff führt etwas in die Irre.
Genesis beginnt mit Trennung
Diese Algorithmen wurden an den besten und klügsten Schriften und Gedanken aller Zeiten trainiert. Und das Ergebnis ist, dass sie es zentral und wichtig finden, deutlich zu sagen, was etwas ist – und was es nicht ist.
Die Bibel beginnt bekanntlich damit, dass Gott die Dinge voneinander trennt. Die KI würde Genesis 1 etwa so formulieren: »Und Gott sprach: Das Land ist nicht Wasser, sondern eben Land, auf dem man herumgehen kann.«
Eva ist der Mensch, der Nicht-Adam ist, aber von seiner Rippe genommen. Alle Existenz beginnt mit Trennung, also damit, zu sagen, was etwas ist – und was etwas nicht ist.
Ja, wir könnten von der KI lernen, klar zu benennen, was Dinge sind – und was sie nicht sind. Wir können es ja in kluger Dosis tun, damit es nicht Grütze wird.
Mit zwei kleinen Strichlein
Wer weiß, was ist und was nicht ist, dem lässt sich weniger leicht ein X für ein U vormachen, ob auf X.com oder anderswo.
Diese Redensart aber mit dem X und dem U, die kommt aus der Welt der alten Römer! Das U bzw. V stand dort für den Zahlenwert 5. Und das X bekanntlich für den Zahlenwert 10. So ließ sich aber, wenn man mogeln wollte, mit zwei kleinen Strichlein aus der 5 eine 10 machen. »Vormachen« bedeutet in dieser alten Redeweise »etwas anderes vortäuschen«.
Eure eigene Intelligenz, ob künstlich oder natürlich, wird mich gewiss darin bestätigen, dass es von Vorteil ist, wenn ihr zu unterscheiden wisst und euch nicht irgendetwas vormachen lasst.
(Und zur Übung der Bio-Intelligenz, wie auch zur möglichen Verbesserung der eigenen Seelensituation, darf ich euch etwas praktisches Latein empfehlen, in Form meiner App Latin Prayer, klar.)
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Nicht Grütze, sondern Correctio von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/nicht-gruetze-sondern-correctio/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
