Wer heute keine Angst hätte, wäre dumm. »Fürchtet euch nicht« heißt es aber, doch das heißt nicht, dass kein Anlass zur Furcht besteht! Es bedeutet, dass ein Weg heraus existiert. Die Wahrheit ist, dass es dringend ratsam wäre, diesen Weg zu beschreiten.

Ich kann aus Erfahrung berichten, dass es keine gute Idee ist, einem Wütenden zu sagen: »Beruhige dich!«

Im Gegenteil! Der Wütende wird wütender werden.

Erstaunlicherweise wirkt es eher, dem Wütenden schlicht und ehrlich zu bestätigen: »Du bist wütend.«

Ich akzeptiere den Wütenden als wütend (so ich es denn tue).

Damit begebe ich mich zumindest via Empathie in seine Perspektive. Und von da aus überlegen wir, ob es woanders nicht womöglich angenehmer wäre.

Oder stellt euch – rein hypothetisch natürlich – einmal vor, ihr habt in Abwesenheit eures Partners neue Möbel liefern lassen.

Oder ihr habt eine teure Dummheit begangen, etwa einen Unfall gebaut.

Ihr könntet dann euren Partner begrüßen mit den klassischen Worten: »Sei jetzt bitte nicht wütend!« – Und es könnte funktionieren!

»Sei nicht wütend« akzeptiert, dass Wut eine gerechtfertigte Reaktion auf den Sachverhalt ist.

Die Aufforderung aber, nicht wütend zu sein, stellt es zumindest als Möglichkeit in den Raum, die eigene Wut aus eigener Kraft zu überwinden.

Kann es mit Furcht eigentlich so ähnlich funktionieren?

Every power plant in Iran

Ostern 2026 hatten wir mindestens zweimal guten Anlass, die Logik des »Fürchtet euch nicht« zu prüfen.

Einmal in der Weltpolitik. Ich zitiere hier Trumps Truth-Social-Posting im Original – keine Übersetzung notwendig:

To the Leadership of Iran: You have 6 hours to surrender, or your entire country will be plunged into darkness. We have 90 million people ready to turn off every light, every computer, every power plant in Iran. This is not a threat. This is a promise. You will not survive what comes next. Praise be to Allah. — Donald J. Trump

Ich bitte um Verzeihung für die Vulgarität und eventuelle Blasphemie – ich übersetze es hier nicht einmal. Das schrieb der US-Präsident (oder ein Angestellter in seinem Namen) – am Ostermontag! Es ließe sich lesen als die Ankündigung grober Kriegsverbrechen, in der Sprache von Irren. Und es ist eine Drohung und Deadline, die dann doch wieder verstrich.

Ja, ich habe einst geglaubt, dass Trump wirklich Frieden wollte.

Ich habe aber auch gewusst, dass für Politik die Tao-Regel gilt, wonach der Name, den du nennen kannst, nie der wirkliche Name ist. Das heißt: eine Person mit einem anderen Namen entscheidet.

Es spielt an diesem Punkt aber keine Rolle, ob Trump wirklich einst Frieden wollte und jetzt nicht mehr will. Oder ob er nie wirklich Frieden wollte und einfach seine Wähler belogen hat.

Oder ob er weiterhin Frieden will, aber erpresst wird oder aus anderem Grund nicht der wahre Herr seines Handelns ist. Oder ob ein US-Präsident ohnehin nicht sehr viel zu sagen hat.

Was auch immer sein wahrer Name

Was auch immer der wahre Name für die Ursache des Bösen ist, es ist unsere Furcht vor den Wirkungen des Bösen, die uns auf dieses Böse starren lässt.

Wir fürchten uns, was das Böse in unserem Leben bewirken wird.

Wir fürchten uns, und wir überlegen, wie wir weniger Furcht haben können.

Womit wir dann doch wieder bei der Osterbotschaft wären. Der Engel, der zu den Frauen am leeren Grab sagt:

»Fürchtet ihr euch nicht! Denn ich weiß, daß ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht (mehr) hier, denn er ist auferweckt worden, wie er es vorausgesagt hat.«

Matthäus 28:5–6

Der Engel erkennt an, dass die Frauen am leeren Grab durchaus handfeste Gründe für Angst und Furcht haben!

Eben noch hatte ein Erdbeben den Boden unter ihren Füßen durchgerüttelt und den schweren Stein wegrollen lassen.

Als Anhänger Jesu fürchteten auch sie, verfolgt und getötet zu werden. Und nun dann war auch noch der Gekreuzigte fort, dafür stand da ein hell leuchtendes Wesen.

»Fürchtet euch nicht!« – es bedeutet nicht, dass kein Anlass zur Furcht besteht. »Fürchtet euch nicht« bedeutet erstens, dass ein Weg existiert, die Furcht zu überwinden.

»Fürchtet euch nicht« bedeutet zweitens, dass es im Sinne deiner relevanten Strukturen dringend ratsam wäre, den Weg heraus aus der Furcht zu beschreiten – und zwar möglichst sofort.

Auf Patmos, verbannt

Die Erscheinung am Grab ist wahrlich nicht die einzige Stelle der Bibel, die uns das Ablegen der Furcht empfiehlt.

Bei Jesaja im Alten Testament, als eine Stelle von vielen, heißt es:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen: du bist mein!

Jesaja 43:1

Zu Maria spricht der Engel:

»Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade bei Gott gefunden!«

Lukas 1:30

Und schließlich in der Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel. Johannes ist auf Patmos, verbannt.

Er hört eine Stimme wie Posaunenschall. Es ist Christus in apokalyptischer Herrlichkeit: weißes Haar, brennende Augen, Füße wie glühendes Erz, aus dem Mund ragt ein zweischneidiges Schwert.

Johannes fällt wie tot zu Boden (es erinnert an die Wächter am offenen Grab), und er hört:

»Fürchte dich nicht! Ich bin’s, der Erste und der Letzte und der Lebende; ich war tot, und siehe, ich lebe in alle Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Totenreiches.«

Offenbarung 1:17–18

Deine Furcht ist gerechtfertigt.

Du wärst ein Träumer und ein Dummkopf, wenn dir heute nicht die Angst in den Knochen stecken würde. Doch es wäre deine eigene, freiwillige Entscheidung, in der Angst zu verharren.

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Der Essay You have 6 hours to surrender von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/you-have-6-hours-to-surrender/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!