Im Staatsfunk läuft aktuell die große Ablenkung namens »Fußball-Europameisterschaft«. Ich habe einen Essay dazu geschrieben – und diesmal auch einen Song!
Sport ist ein bewährtes Vehikel der Propaganda. Das war früher schon so (wie Frau Riefenstahl eindrucksvoll »dokumentierte«) und ist in anderen Weltteilen nicht anders (denken wir nur an die USA, wo vor großen Sportveranstaltungen regelmäßig die Nationalhymne gesungen wird).
Das Messer sticht, der Ball rollt weiter
Zu den Ereignissen, von denen eine Fußballmeisterschaft trefflich ablenkt, gehören auch jene, die während dieses Events stattfinden. Da wäre etwa jener 27-jährige Afghane, der erst einen 23-jährigen Landsmann erstach, dann spazieren ging, auf einer privaten EM-Gartenparty aufkreuzte und kurz nach 21 Uhr auf Leute einstach, die das Spiel »Deutschland gegen Schottland« ansahen. Für Deutschland endete das Spiel »fünf zu eins«. Für einen 50-Jährigen und eine 75-Jährige endete das Spiel vorzeitig und schwerverletzt im Krankenhaus. Das ist das bunte Deutschland, auf das sich einige Leute freuen.
Der Ball rollt, und die Messer stechen – das ist Fußball-Europameisterschaft im besten Deutschland aller Zeiten. Ich bin so alt, ich weiß noch, als man nach Fußballspielen nur die Tore zählte – und nicht auch noch die Zahl der Messeropfer währenddessen.
2018 schrieb ich vom letzten Tag auf dem letzten Jahrmarkt. Ach, würden wir nur bis zu etwas gelangen, das sich wie ein würdiger »letzter Tag« anfühlt. Es ist nicht nur für die Betroffenen persönlich schrecklich, es ist auch eine große Metapher: Die Gartenparty als schöne Illusion, die vorzeitig von der messerscharfen Realität abgebrochen wird – ohne Sinn, aber mit drastischer Konsequenz.
Dreckig-dreister Wortsalat
Doch »König Fußball«, dieser kullernde Diener der »Regierung Gewissenlos«, lenkt ja nicht nur von dem durch irre und bösartige Politik verursachten Leid ab. Propaganda-Inhalte werden auch so manipulativ wie aktiv lanciert.
ei der Kommentierung des Spiels »Deutschland gegen Schottland« im deutschen Staatsfunk wurde im Off-Kommentar als Text der Hymne dreckig dreist die Nationalhymne »korrigiert«: »Es folgt die Deutsche Hymne ›Einigkeit und Recht und Freiheit und vor allem Vielfalt‹«.
Ja, es ist Propaganda-Wortsalat vom Staatsfunk im Propagandastaat. Es riecht nach Endstadium und Auflösung.
Doch dieser Propaganda-Wortsalat ist verräterisch.
In Berliner Praxis
Das Propagandawort »Vielfalt« bedeutet in der praktischen Anwendung schlicht: moralische Beliebigkeit.
»Vielfalt«, als »Beliebigkeit« gelesen, widerspricht aber den drei zuvor genannten Begriffen »Einigkeit« und »Recht« und »Freiheit«!
»Einigkeit« bedeutet, dass man sich bei vielen zentralen Begriffen einig ist – und das auch im praktischen Leben ernst nimmt! Wie will man sich aber als Demokrat mit jemandem einig sein, für den unverhandelbar und ausgeschlossen ist, dass ein »von Menschen gemachtes« Gesetz über dem »göttlichen« Gesetz steht?
»Vielfalt« bedeutet in der Praxis, dass das tolerante Berlin den Überblick verliert, wie viele »verheiratete« Minderjährige in der Stadt leben. Was für ein Recht gilt aber, in welchem »Vielfalt« praktisch bedeutet, dass sich parallele und im Alltag »eigentliche« Rechtssysteme wie die Scharia etablieren?
Und dann … das große Wort »Freiheit«!
Kopftuch und Minirock
2017 habe ich ausformuliert, was ich meine, wenn ich »Freiheit« sage – oder genauer: worauf Menschen sich realiter beziehen, wenn sie das Wort »Freiheit« benutzen.
Ich ergänze eine landläufige Definition von Freiheit durch das wichtige Wort »befriedigend« und formuliere dann:
Ich fühle mich »frei«, wenn ich zwischen mehreren (potenziell) »befriedigenden« Möglichkeiten wählen kann.
»Freiheit« in unserem Sinne bedeutet eben nicht, sich zwischen Hidschāb und Burka zu entscheiden. Ein Verteidiger von »Vielfalt« im heutigen Sinn mag hier einwenden, man könne sich ja zwischen Kopftuch und Minirock entscheiden, und darin bestehe die Vielfalt. Doch es wäre müßig, hier auszuführen, warum eine solche »Entscheidung« keine ist – und damit auch keine »Freiheit«. Wer sehen will, der sieht bereits, und wer nicht sehen will, der wird bis zum Schluss nicht sehen.
Freunde, wenn ihr meint, dass meine bisherige Logik schmerzhaft war, auch weil sie plausibel war, dann lasst mich nachlegen! Lasst mich noch mal zuschlagen – mit noch mehr Logik.
Nur eine Spielart
Es gibt philosophisch-logische »Tricks«, wie man eine Debatte kontrollieren kann, und zwar dämonischerweise genau dadurch, dass man keine Argumente in der Sache hat.
Angela Merkel hat einen solchen Trick eingesetzt, den ich als »Reductio ad Emotum« beschrieben habe (ausführlich auch im Buch »Talking Points«). Siehe aber auch die Essays »Unvoreingenommen und unaufgeregt« und »Das Funkeln in den Augen der Kurzsichtigen«. Dieser Trick besteht darin, dass über eine Emotion gesprochen wird und aus der verbalisierten Emotion – weil diese naturgemäß außerhalb von Logik stattfindet – »logisch« Beliebiges abgeleitet werden kann.
Die »Reductio ad Emotum« aber ist nur eine Spielart eines größeren logisch-psychologischen Phänomens, das die Experten als »ex falso quodlibet« kennen.
Aus Falschem (und auch: aus Sinnfreiem) folgt Beliebiges. Beispiel: Aus »viele Menschen haben Angst, und ich kann das verstehen« lässt sich »logisch« ebenso gut der Erhalt der Atomkraftwerke wie auch die komplette Abschaltung, also das absolute Gegenteil, ableiten.
Ähnlich verhält es sich mit »Vielfalt«.
Die zur »Moral« erhobene »Vielfalt« bedeutet: Beliebiges. Nichts gilt mehr. Worte (wie »Mann« oder »Frau«) bedeuten nichts mehr. Ignoranz ist Stärke (und zwar die Stärke der Grünen). Krieg ist Frieden (und Grünen-Freunde liefern die Waffen für beides). Freiheit ist Sklaverei – oder wie wir heute sagen: Vielfalt.
Ich wünsche uns noch viel Vergnügen bei der großen Ablenkung! Deutschland vor, noch ein Tor (und dann Untergang). Wenigstens haben wir die Schau gestohlen.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Ball rollt, Messer stechen von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/ball-rollt-messer-stechen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
